Versorgungssituation

Langzeitarbeitslose betreuen Patienten mit Alzheimer - ist das eine Handlungsperspektive?

Die Versorgung von Demenzkranken in Deutschland ist unbefriedigend. Zumindest darüber sind sich Ärzte und Pflege-Experten einig. Es gibt inzwischen viele Lösungsansätze - und einige davon sind heftig umstritten.

Von Sabine Schiner Veröffentlicht:
Gut ausgebildete, qualifizierte Pflegekräfte versorgen einen Alzheimer-Patienten. Könnte das auch mit Langzeitarbeitslosen funktionieren?

Gut ausgebildete, qualifizierte Pflegekräfte versorgen einen Alzheimer-Patienten. Könnte das auch mit Langzeitarbeitslosen funktionieren?

© Foto: dpa

Ein großes Medien-Echo hat etwa der Vorstoß der Bundesagentur für Arbeit (BfA) hervorgerufen, Demenzkranke von Langzeitarbeitslosen betreuen zu lassen, um so die Pflegekräfte zu entlasten. Das Bundesgesundheitsministerium versucht hingegen mit dem "Leuchtturmprojekt Demenz" herauszufinden, wie die medizinische und pflegerische Versorgung längerfristig verbessert werden könnte.

Gefragt ist liebevolle Zuwendung

In Deutschland leben über 1,2 Millionen Menschen, die an Demenz erkrankt sind. Häufige Ursache eines demenziellen Syndroms im Alter ist mit 60 Prozent die Alzheimer-Demenz. Bis zum Jahr 2030 wird sich die Zahl der Demenzkranken auf über 1,7 Millionen erhöhen. Deren Pflege und Betreuung ist zeitintensiv - "und es gibt viele Defizite", sagt Michael G. Streicher, Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Bonn der "Ärzte Zeitung".

Die Patienten bräuchten eine liebevolle und würdevolle Zuwendung, die im hektischen und stressigen Pflegealltag oft zu kurz komme. Streicher fordert, die fachliche Ausbildung von Pflegekräfte zu verbessern: "Es sollte mehr Verständnis da sein, was eine Demenzerkrankung ist, und wie man mit den Patienten umgeht."

Den Vorschlag der Bundesagentur für Arbeit (BfA), bundesweit bis zu 10 000 Langzeitarbeitslose zur Betreuung von Demenzkranken einzusetzen, findet Streicher prinzipiell gut - wenn die Zusatzkräfte entsprechend qualifiziert sind. Bislang ist geplant, dass sie eine Kurzausbildung zum Pflegeassistenten mit 100 Theorie- und 60 Praxisstunden plus Praktika absolvieren müssen, bevor sie eingesetzt werden dürfen. Die Kosten sollen die Pflegekassen tragen.

Geplant ist, dass die Aushilfen die Patienten im Alltag begleiten, ihnen Gesellschaft leisten, mit ihnen musizieren oder sie auf Spaziergängen begleiten. "Es geht nicht darum, reguläre Arbeitsverhältnisse in der Pflege zu ersetzen oder zu verdrängen", heißt es bei der BfA.

So nicht! Der Deutsche Pflegerat hat massive Vorbehalte.

Der Deutsche Pflegeverband kritisiert die Pläne. Nach Meinung der Pflegevertreter reichen die vorgesehenen 160 Stunden zur Qualifizierung nicht aus, um den Hilfskräften auch spezielle psychologische Kenntnisse zu vermitteln. "Wenn die Pflegeassistenten kein Ersatz für Pfleger sind, sondern ergänzend eingesetzt werden, ist das in Ordnung", sagt hingegen Professor Andreas Kruse, Leiter des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg.

Arbeitslose, die zur Betreuung von Demenzkranken eingesetzt werden, sollten seiner Meinung nach allerdings mindestens drei Kriterien erfüllen. "Sie müssen eine hohe Sensitivität zeigen, eine sozial-kommunikative Kompetenz haben und sie müssen belastungsfähig sein." Die Arbeit mit Demenzkranken erfordere ein großes Einfühlungsvermögen.

Wie gelingt es, Lebensqualität zu erhalten?

An Kruses Institut in Heidelberg startet gerade eine Studie, bei der untersucht werden soll, wie den Kranken ganz generell ein Stück Lebensqualität erhalten werden kann. "Quadem" (Qualifizierungsmaßnahmen zur Steigerung der Lebensqualität Demenzkranker) ist eines von 29 vom Bundesgesundheitsministerium geförderten "Leuchtturmprojekte Demenz", die in diesem und dem nächsten Jahr mit insgesamt 13 Millionen Euro gefördert werden.

"Quadem" setzt bei der ambulanten Pflege an. "Die Mehrzahl der Patienten wird zuhause versorgt - das ist eine 24-Stunden-Aufgabe", sagt Kruse. "Wir wollen herausfinden, wie man die Lebenspläne und Wünsche der Kranken im Alltag verwirklichen kann." An der Studie sind 570 Patienten, Angehörige, ehrenamtliche Hilfskräfte aus Nordbaden und Südhessen beteiligt. Darunter sind auch 120 professionelle ambulante Pflegekräfte.

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