Gestohlene Krebsmedikamente

Lunapharm – Wie weit reicht das illegale Netzwerk?

Der Pharmaskandal um Lunapharm und gestohlene Krebsmedikamente weitet sich aus. Neue Ermittlungen legen ein europaweites Netzwerk und Arzneimittelhehlerei in großem Stil nahe. Sieben Beschuldigte sind im Visier der Ermittler.

Veröffentlicht: 24.08.2018, 12:45 Uhr
Lunapharm – Wie weit reicht das illegale Netzwerk?

Das Gebäude der Lunapharm Deutschland GmbH in Plankenfelde-Mahlow, Brandenburg.

© Patrick Pleul / dpa

POTSDAM. Das ARD-Magazin "Kontraste" hat gemeinsam mit dem "Spiegel" bereits im Juli erste Fakten über den Skandal enthüllt. Zunächst ging es um den Zeitraum von 2015 bis 2017, in dem etwa 4600 gestohlene Arzneimittelpackungen über Lunapharm von Griechenland nach Deutschland importiert worden sein sollen. Die neuen Erkenntnisse aus einem weiteren Recherchebericht im ARD am Donnerstag legen nun ein noch größeres Ausmaß nahe.

So hat sich die Zahl der Beschuldigten von zwei auf sieben erhöht. Zudem soll der Händler schon 2013 mit einer griechischen Apotheke in Athen illegale Geschäfte betrieben haben – und diese auch 2018 fortgesetzt haben. Dies geschah trotz einer Untersagung durch die brandenburgische Gesundheitsbehörde. Damit könnten weit mehr Patienten betroffen sein, als bisher angenommen.

Falsche Lagerung und fehlende Kühlung der Krebsmittel

Zum Hintergrund: Das Unternehmen Lunapharm, dessen Lizenz derzeit ruht, soll gestohlene Krebsmedikamente von einer griechischen Apotheke in Athen bezogen und in mehrere Bundesländer – über offensichtlich teils abenteuerliche Wege – geliefert haben. Bei der Verhaftung des Apothekers sind noch einige Packungen der gestohlenen Präparate in den Räumlichkeiten gefunden worden.

In Brandenburg, wo das Unternehmen seinen Sitz hat, steht deshalb Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) unter Druck. Die Medikamentenaufsicht soll trotz Hinweisen zunächst nicht durchgegriffen haben. Im gestrigen Beitrag von "Kontraste" betonte Golze, nach wie vor nur über die Zeit von 2015 bis 2017 informiert zu sein.

Für Verunsicherung in der Bevölkerung sorgt vor allem, dass weiter unklar ist, ob die teuren Medikamente womöglich wegen falscher Lagerung nicht mehr richtig wirkten. Allein in Berlin und Brandenburg sind nach bisherigen Schätzungen mindestens 220 Patienten betroffen. Der Kontraste-Bericht am Donnerstag gab dieser Sorge neue Nahrung. Von "ungeeigneten Lagerräumlichkeiten" und "unsachgemäßer Kühlung" war darin die Rede.

Weitere Beschuldigte in Hessen im Visier

Aus griechischen Ermittlungsakten gehe hervor, dass die Firma allein 2016 für mehr als 1,4 Millionen Euro dort Medikamente orderte. Insgesamt waren es seit 2013 Medikamente im Wert von mehr als 20 Millionen Euro. Die Firma habe aber keine Berechtigung zum Großhandel gehabt.

Doch die Verstrickungen reichen offenbar noch weiter. So hat die Staatsanwaltschaft Potsdam elf Wohn- und Geschäftsräume in Hessen durchsuchen lassen. Dabei seien Unterlagen und elektronische Daten sichergestellt worden, teilte ein Behördensprecher am Donnerstag mit. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft sollen die neuen Beschuldigten im Alter von 29 bis 67 Jahre aktive oder ehemalige Geschäftspartner von Lunapharm sein. Ihnen wird wie den bisherigen Beschuldigten gewerbsmäßigen Hehlerei und Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz vorgeworfen.

Die Fahnder durchsuchten elf hessische Objekte in Frankfurt/Main, Dreieich, Offenbach, Schlangenbad, Bad Homburg und Wiesbaden. Laut "Kontraste" wurde unter anderem die Firma "Rheingold" in Wiesbaden durchsucht, die wie Lunapharm von der griechischen Apotheke illegal beschaffte Krebsmedikamente bezogen haben soll.

Illegale Zytostatika-Lieferungen in weitere Länder

Außerdem gab es Abhörprotokollen zufolge von Griechenland aus auch illegale Arzneimittellieferungen in die Niederlanden und in die Schweiz. Nach gemeinsamen Recherchen von "Kontraste" und Schweizer Medien durchsuchte die Schweizer Arzneimittelaufsicht Swissmedic am Donnerstag auch im Schweizer Kanton Zug Geschäftsräume eines Pharmagroßhändlers. Weitere Spuren führen dem Bericht zufolge in eine Apotheke nach Neapel. Bereits seit längerem ist bekannt, dass in Italien offenbar gehäuft mit aus Krankenhäusern gestohlenen Medikamenten illegal gehandelt wird – auch in Deutschland.

Mit Bezug auf die Vorkomnisse rund um Lunapharm verweist daher auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) nochmals auf ihre bereits 2014 gemeinsam mit dem BfArM veröffentlichte Mitteilung hin, die nach wie vor Gültigkeit besitze. Darin heißt es: "Parallelimporteure und -vertreiber werden gebeten, die Legalität von Arzneimitteln italienischen Ursprungs, die in Italien von den Zulassungsinhabern ganz überwiegend an Krankenhäuser und Krankenhausapotheken geliefert werden, mit der italienischen Zulassungsbehörde AIFA abzuklären. Italienische Krankenhausapotheken haben in der Regel keine Großhandelserlaubnis, somit ist davon auszugehen, dass diese Arzneimittel auch nicht aus Italien exportiert werden können. Nach derzeitigem Kenntnisstand (22.08.2018) handelt es sich um folgende Arzneimittel: Afinitor, Atripla, Avastin, Caelyx, Ecalta, Eviplera, Exjade, Faslodex, Gilenya, Herceptin, Iressa, MabThera, Nplate (250mg), Prezista, RoActemra, Stelara, Sutent, Tasigna, Truvada, Tysabri, Velcade, Viramune, Viread und Votrient." (run/dpa)))

Dieser Beitrag wurde aktualisiert am 24.8. um 19 Uhr

Lesen Sie dazu auch: Pharmaskandal Brandenburg: Seit März 2017 alles zu Lunapharm bekannt?

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Schockierende Ahnungslosigkeit

Mehr zum Thema

Masernschutzgesetz

Mehrfachrezept – Selbstverwaltung liefert nicht

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Masernschutzgesetz startet: Was Sie wissen müssen

Ab 1. März

Masernschutzgesetz startet: Was Sie wissen müssen

Diese Website verwendet Cookies. Weitere Informationen zu Cookies und und insbesondere dazu, wie Sie deren Verwendung widersprechen können, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.  Verstanden