Ärztekammer Nordrhein

"Menschen pflegen, nicht Roboter"

Nordrheins Kammerchef Henke warnt davor, angesichts überhöhter Erwartungen an die Digitalisierung Investitionen in Ärzte und Pflegepersonal zu vernachlässigen.

Ilse SchlingensiepenVon Ilse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Die erhofften Vorteile durch Technik und Digitalisierung dürfen nicht dazu verleiten, auf Investitionen in ärztliches und nicht-ärztliches Personal zu verzichten, so ÄK-Präsident Rudolf Henke.

Die erhofften Vorteile durch Technik und Digitalisierung dürfen nicht dazu verleiten, auf Investitionen in ärztliches und nicht-ärztliches Personal zu verzichten, so ÄK-Präsident Rudolf Henke.

© mik38 / Fotolia

DÜSSELDORF. Die erhofften Vorteile durch die Digitalisierung dürfen nicht dazu verleiten, auf die dringend notwendigen Investitionen in ärztliches und nicht-ärztliches Personal zu verzichten, betont der Präsident der Ärztekammer Nordrhein (ÄKNo) Rudolf Henke. "Die Menschen im Hier und Heute, unsere Patienten und auch die der nächsten Generationen werden sicher noch nicht von Computern geheilt oder von Robotern gepflegt. Und das wollen sie auch nicht", sagte Henke bei der Kammerversammlung in Düsseldorf.

Die zum Teil positiven Entwicklungen in Telemedizin und Telematik, bei Big Data oder der Genforschung könnten ihre Effekte nicht entfalten, wenn es nicht gelingt, das Gesundheitswesen mit ausreichend motivierten, gut weitergebildeten und gut bezahlten Menschen auszustatten, warnte er. "Es sind die Menschen, die die Dienste zu den Patienten bringen, und nicht Maschinen."

Die von vielen Gesundheitspolitikern befürwortete angestrebte Refinanzierung von Tarifsteigerungen im Krankenhausbereich dürfe nicht auf die Pflegeberufe begrenzt werden, forderte Henke. "Wenn man es macht, was ich für gut halte, will ich, dass es auch für Ärzte und alle anderen Berufsgruppen gilt." Es könne nicht sein, dass die anderen Berufe zusehen müssen, wo sie bleiben.

Nach seiner Einschätzung werden sowohl die alternde Gesellschaft als auch die zunehmende Digitalisierung dazu beitragen, dass der ärztliche Beruf in Zukunft noch mehr gefragt sein wird als heute. Die Menschen würden empathische Gespräche und menschliche Zuwendung benötigen und einfordern. Angesichts der Informationsflut bräuchten die Patienten Übersetzer und Unterstützer. "Und sie brauchen Ärzte, die heilen können, auch wenn der Strom ausfällt."

Henke forderte die Politik auf, schnell die Voraussetzungen für eine Erhöhung der Zahl der Medizinstudienplätze um mindestens zehn Prozent zu schaffen. Gefragt sei auch eine neue Methode zur Berechnung geeigneter Kapazitäten, "die sowohl versorgungspolitische Engpässe als auch das Grundrecht der Bewerber auf freie Berufswahl berücksichtigt".

Der Kammerpräsident und CDU-Bundestagsabgeordnete begrüßte die Pläne von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann, in Bielefeld und Siegen neue Medizin-Studienplätze zu schaffen. Kritisch sieht Henke dagegen die von seinem Parteifreund angestrebte Einrichtung einer Landarztquote. Es sei "lebensfremd", von jungen Menschen eine so frühe Festlegung auf die Art der späteren Berufstätigkeit zu verlangen.

Henke betonte die Bedeutung der Zusammenarbeit von Ärzten und anderen Berufsgruppen. Dazu gehöre es aber, gegenseitig die Kompetenzen und ihre Grenzen anzuerkennen. Den aktuell diskutierten Entwurf zur Neuordnung des Psychotherapeutengesetzes lehnte er ab. Besonders stört ihn die geplante Zulassung eines Modellstudiengangs, der Psychotherapeuten die Verordnung von Psychopharmaka ermöglichen soll. Damit würden die Grenzen überschritten. "Meiner Ansicht nach ist jede Pharmakotherapie eine hochkomplexe Form der Heilbehandlung, die besondere und umfassende Kenntnisse der medizinischen Grundlagen und Anwendungspraxis erfordert und ausschließlich in die Hand von Ärzten gehört." Er sieht zudem die Gefahr, dass die Ärzte künftig auf den medizinisch-technischen Teil der Behandlung reduziert werden sollen. Das sei ein Anschlag auf den Anspruch der Patienten, in der Einheit von Körper, Geist und Seele behandelt zu werden.

Der Kammer-Präsident forderte eine gemeinsame Anstrengung von Kammern, KVen und Wissenschaft, um die Politik zur Aufgabe dieses Projekts zu bewegen.

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