GAVI-Impfgipfel

Milliarden-Regen und Kritik an Merkel

Umgerechnet 7,8 Milliarden Euro bringt die fünfte Geberrunde der Impfallianz GAVI. Im Mittelpunkt stehen der Kampf gegen die klassischen impfpräventiblen Erkrankungen wie Typhus und Cholera sowie der Kampf gegen COVID-19.

Matthias WallenfelsVon Matthias Wallenfels Veröffentlicht:
Impfkampagnen können vor allem in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen helfen, die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahre zu senken.

Impfkampagnen können vor allem in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen helfen, die Sterblichkeitsrate bei Kindern unter fünf Jahre zu senken.

© Onome Oghene / dpa

London/Berlin. Die internationale Impfallianz GAVI – ihr gehören Regierungen, Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen, aber auch Pharmakonzerne an – hat im Rahmen ihrer am Donnerstag virtuell abgehaltenen, fünften Finanzierungsrunde rund 7,8 Milliarden Euro an Mittelzusagen erhalten – angepeilt waren 6,6 Milliarden Euro.

Knackpunkt: Diese 6,6 Milliarden Euro sollten dem turnusgemäßen Kampf gegen Infektionskrankheiten in 73 armen Ländern der Welt zwischen 2021 und 2025 gewidmet sein. GAVI will in diesem Zeitraum rund 300 Millionen Kinder gegen Typhus, Polio, Masern und weitere impfpräventible Erkrankungen vakzinieren, die bisher keinen Zugang zum Impfschutz haben oder nur eingeschränkt geimpft sind.

Parallel dazu knüpften die Geldgeber aber einen Teil ihrer Zuwendungen oder die gesamten Mittel mit dem Junktim, diese Summe für den Kampf gegen das Coronavirus einzusetzen.

NGO von Merkel enttäuscht

Wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Videobotschaft bekräftigte, werde sich Deutschland, wie sie bereits beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos verkündet hatte, mit 600 Millionen Euro an der fünften GAVI-Finanzierungsrunde beteiligen. Merkels Ansage rief stante pede die Kritik eines Bündnisses aus sieben Nichtregierungsorganisationen (NGO) auf den Plan, die im Vorfeld der Geberkonferenz dafür warben, Deutschland solle seinen Beitrag um 100 Millionen Euro aufstocken.

„Die heute von der Bundesregierung zugesagten Mittel für die Impfallianz Gavi bleiben hinter unseren Erwartungen zurück. Eine Erhöhung der Mittel für Gavis Kernaufgaben um weitere 100 Millionen Euro wäre wichtig gewesen – denn aufgrund der aktuellen Pandemie bleiben in vielen Ländern lebensrettende Impfungen gegen Masern oder Polio aus“, hieß es am Donnerstag in einem gemeinsamen Statement der Entwicklungsorganisationen Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW), Global Citizen, ONE, Plan International Deutschland, Save the Children und World Vision Deutschland.

Merkel verwies in ihrer Ansprache zudem darauf, dass Deutschland bereits Investitionen von 100 Millionen Euro zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie zugesagt habe. Die Kanzlerin plädierte dafür, eine weltweite Impfkampagne zu starten, sobald ein Impfstoff verfügbar sei. Wie fast alle Gastredner betonte sie, der Zugang zum Impfstoff müsse fair und ubiquitär sein.

Von der Leyen: „Universelles Menschenrecht“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilte in ihrer Videobotschaft mit, die EU werde GAVI 300 Millionen Euro zukommen lassen – und zwar zusätzlich zu den jeweiligen Finanzzusagen der EU-Mitgliedstaaten. „Impfungen sind ein universelles Menschenrecht“, hob von der Leyen die europäische Rückendeckung der GAVI-Impfkampagnen hervor.

Wie der britische Premierminister Boris Johnson als virtueller Gastgeber – der Gipfel sollte eigentlich in London stattfinden – ankündigte, werde Großbritannien mit einer Zusage von umgerechnet rund 1,85 Milliarden Euro größter Sponsor, der vor 20 Jahren aus der Taufe gehobenen Impfallianz, die nach eigenen Angaben bisher bereits 760 Millionen Kinder geimpft und damit 13 Millionen kindliche Todesfälle vermieden hat.

Johnson appellierte an die Teilnehmer, sich Großbritannien anzuschließen, „um diese lebensrettende Allianz zu stärken und eine neue Ära der globalen Gesundheitszusammenarbeit einzuleiten“. Es handele sich aus seiner Sicht um „das wichtigste gemeinsame Unterfangen unseres Lebens“.

Angesichts der Suche nach einem Corona-Impfstoff sagte Johnson, Länder, Pharmaunternehmen und internationale Partner wie die Weltgesundheitsorganisation WHO müssten dabei in einem noch nie da gewesenen Maße miteinander kooperieren. Man müsse GAVI dazu nutzen, künftige Impfstoffe für alle Menschen auf der Welt bezahlbar und verfügbar zu machen.

GAVI-Chefin: Welt ohne Impfstoffe nur ein „Kartenhaus“

Die GAVI-Vorstandsvorsitzende Ngozi Okonjo-Iweala sagte, die Corona-Krise habe gezeigt, welch entscheidende Rolle Impfstoffe im Kampf gegen Krankheiten spielten – sowohl beim Schutz von Leben als auch bei dem von Existenzen und der Wirtschaft. Das Impfen solle als gemeinschaftliche globale Aufgabe verstanden werden. Die Coronavirus-Pandemie habe letztlich offenbart, dass eine Welt ohne Impfstoffe lediglich einem „Kartenhaus“ gleiche.

Es gebe eine wichtige Lektion zu lernen, sagte UN-Generalsekretär António Guterres: „Ein Impfstoff an sich ist nicht genug. Wir brauchen globale Solidarität, um sicherzustellen, dass jede Person überall Zugang dazu hat.“ Ein Corona-Impfmittel solle deshalb als ein gemeinsames internationales Gut verstanden werden. „Krankheiten kennen keine Grenzen.“

Das Beispiel der Pneumokokkenimpfung

Im Rahmen des virtuellen Finanzierungsgipfels hat GAVI am Donnerstag für COVID-19 den Mechanismus der vorgezogenen Markteinführung (Advance Market Commitment, AMC) für Impfstoffe ins Leben gerufen.

Dahinter verbirgt sich eine Abnahmegarantie mit dem Ziel, die Erforschung, Entwicklung und Verfügbarkeit von Impfstoffen zu beschleunigen.

Erfahrungen aus dem Bereich der Pneumokokkenimpfung hätten gezeigt, dass das AMC-Instrument geeignet sei, um Impfungen voranzutreiben. (mit dpa-Material)

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