Sektorenübergreifende Versorgung

Nieder mit der Mauer – aber wann geht es endlich los?

Sektorenübergreifende Versorgung ist bisher selten mehr als eine Theorieübung. Die Barmer in Baden- Württemberg will das ändern – und hat eigentlich keine Lust, länger auf Input aus Berlin zu warten.

Von Dr. Florian Staeck Veröffentlicht: 08.04.2019, 07:00 Uhr
Nieder mit der Mauer – aber wann geht es endlich los?

Die Mauern zwischen den Versorgungssektoren – vor allem stationär und ambulant – gibt es seit Jahrzehnten. Die Barmer in Baden-Württemberg würde diese gerne zügig einreißen.

© Wolfgang Cezanne / dpa

Die Barmer in Baden-Württemberg drängt darauf, die Potenziale einer sektorenübergreifenden Versorgung zu heben. Es gebe im Südwesten viele Ansatzpunkte, um konkret mit der Arbeit zu beginnen, sagt Winfried Plötze, Landesgeschäftsführer der Barmer, im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“.

Denkbar seien Modellprojekte etwa in der Pflegeheimversorgung, beim Geriatrie- oder Schlaganfallkonzept. „Doch ohne Änderungen im SGB V können wir nicht starten“, so Plötze. Seit dem Vorjahr müht sich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die von der großen Koalition in Berlin eingesetzt wurde, mit dem Thema ab. Diese war auf Initiative Baden-Württembergs eingesetzt worden. „Ich erwarte mir von dieser AG keine Empfehlungen, sondern einen großen Wurf. Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit.“

Fleißarbeit der Landesregierung

Die Landesregierung hatte bei der sektorenübergreifenden Versorgung mit einem eigenen Modellprojekt in den Kreisen Biberach, Ravensburg und Reutlingen vorgelegt. Das sei eine große Fleißarbeit gewesen, sagt Plötze anerkennend. „Doch eine echte sektorenübergreifende Versorgung existiert dort immer noch nicht“.

Die Barmer hat kürzlich bundesweit einen Zehn-Punkte-Plan lanciert, der als Katalysator der Debatte wirken soll. Beteiligt werden sollten daran nicht nur Experten aus dem Gesundheitswesen, sondern auch Kommunalpolitiker. Die Mauern zwischen den Sektoren gebe es seit Jahrzehnten, erinnert Plötze. Hie und da sei das Thema auch in Parteiprogrammen aufgetaucht. „Passiert ist wenig.“

Das liege auch am unzureichenden Rechtsrahmen. So werde etwa im sektorenübergreifenden Landesausschuss nach Paragraf 90a viel diskutiert. „Es fehlt aber die gesetzgeberische Kompetenz, Modellregionen auch operativ umzusetzen“, resümiert Plötze. Er schlägt daher vor, die Kommunen ins Boot zu holen und das Landesgremium durch einen neuen Paragrafen 90b aufzuwerten.

Beispiel Umwandlung von Krankenhausstandorten – ein Prozess, der im Südwesten ohnehin auf der Agenda steht und oft vor Ort hoch umstritten ist. Theoretisch stünden für Modellprojekte der Umwidmung von Kliniken in ambulante Einrichtungen durch den Krankenhausstrukturfonds landesweit 130 Millionen Euro zur Verfügung. „Nur dürfen wir nach der geltenden Rechtslage dafür keine Mittel entnehmen“, bedauert Plötze.

Loslegen schon vor 2021?

Wenn der Bund hier einen moderneren Rechtsrahmen schaffen würde, „dann könnten wir in Baden-Württemberg schon vor 2021 loslegen“. Ein Jahr zuvor werden die Ergebnisse der Bund-Länder-Kommission erwartet.

Eine sektorenübergreifende Versorgung ist aus der Sicht des Barmer-Geschäftsführers nichts anderes als eine „aufgebohrte integrierte Versorgung wie im Jahr 2004“. Damals sorgte die Anschubfinanzierung, um die die Budgets auch von Vertragsärzten bereinigt werden mussten, für erbitterten Streit. Plötze warnt deshalb davor, neue Versorgungsformen mit zu hohen finanziellen Hemmschwellen zu belasten. Daher sei der Krankenhausstrukturfonds als vorhandener Topf ein „geeigneter Ausgangspunkt“.

Projekte gäbe es aus Plötzes Sicht genügend. Beispiel Entlassmanagement: Im Oktober 2016 hatten die Kassen mit der Landeskrankenhausgesellschaft dazu Rahmenverträge geschlossen. Ein funktionierendes Entlassmanagement könne „die erste Tür in der großen Mauer zwischen stationärem und ambulantem Sektor sein“, ist sich Plötze sicher.

Als die Akteure kürzlich Zwischenbilanz zogen, wie diese Rahmenvereinbarung „gelebt“ wird, fiel diese ernüchternd aus, so Plötze: „Es hakt immer wieder an Einzelproblemen: Arzneiverordnungen, die an einem falsch gesetzten Kreuz scheitern. Oder es fehlen Ansprechpartner – etwa, wenn der Hausarzt nicht erfährt, dass sein Patient aus der Klinik entlassen wurde“, zählt der Barmer-Manager auf. Sektorenübergreifende Versorgung scheitere bisher „schon im Kleinen“.

Krankenhausgesellschaft, KV und Kassen hätten die Probleme erkannt. Bis Ende dieses Jahres sollten die administrativen Hürden im Entlassmanagement aus dem Weg geräumt sein. Für alle höheren Ziele hofft Plötze auf die im Südwesten etablierte Dialogkultur der Selbstverwaltung: „Diese Stärke müssen wir nutzen für die nächsten Schritte in Richtung sektorenübergreifender Versorgung.“

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