Engpassfaktor Pflege

Notruf von der Intensivstation

In Kliniken fallen offenbar immer wieder Operationen aus, weil im Vorfeld schon klar ist, dass der Patient nach dem Eingriff nicht intensivmedizinisch versorgt werden kann – schlichtweg weil Pflegekräfte auf den Intensivstationen fehlen.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Intensivpfleger berichten über schlechtere Arbeitsbedingungen und zunehmende Arbeitsbelastung.

Intensivpfleger berichten über schlechtere Arbeitsbedingungen und zunehmende Arbeitsbelastung.

© sudok1 / Getty Images / iStock

BERLIN. Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) werden Engpässe beim Pflegefachpersonal auf den Intensivstationen noch über Jahre ein Problem bleiben.

Daran ändere auch die durch das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz geänderte Refinanzierung der Pflegepersonalkosten nichts – der Arbeitsmarkt ist leer, und viele Pflegekräfte auf Intensivstationen planen den Ausstieg aus ihrem Beruf.

Bei der Jahrestagung österreichischer und deutscher Intensivmediziner wies Carsten Hermes, Sprecher der Sektion Pflege der DGIIN, auf eine gemeinsam mit dem Marburger Bund im Januar 2019 durchgeführte Online-Umfrage unter 2498 Intensivpflegekräften hin: Danach sind:

  • 68 Prozent mit ihrer beruflichen Situation generell unzufrieden,
  • 97 Prozent berichten von einer Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und einer deutlichen Zunahme der Arbeitsbelastungen in den letzten Jahren,
  • 94 Prozent meinen, dass ökonomische Interessen bei den Kliniken im Vordergrund stehen, und
  • insbesondere die Krankenhausträger als Arbeitgeber bringen der Pflege zu wenig Wertschätzung entgegen.

Chaotisches Krisenmanagement

Hermes, aber auch der Generalsekretär der DGIIN, Professor Uwe Janssens, beklagten ein chaotisches Krisenmanagement, „tägliche Wasserstandsmeldungen, wie viele Betten überhaupt noch belegt werden können und Absage von Op-Terminen“.

Die seit Januar geltenden Personaluntergrenzen – 2,5 Patienten pro Pfleger am Tag, 3,5 in der Nacht – würden zu Personalobergrenzen umdefiniert. Auf ITS, die einen günstigeren Personalschlüssel realisiert haben, werde Druck ausgeübt, das Personal zu reduzieren.

Dies führe zu einer Orientierung am Minimalstandard, nicht jedoch an guter Pflege. Janssens sieht dadurch eine „Gefährdungssituation“ für Patienten, die intensivmedizinischer Versorgung bedürfen.

Die Arbeitssituation der Pflegekräfte, so Hermes, sei bestimmt von Doppelschichten, nicht realisierbaren Pausen und fehlender Planbarkeit für ein Familienleben. Aufgrund der starken Arbeitsverdichtung komme es zu Fehlern auch bei notwendigen Hygienemaßnahmen. „Es wird getrickst, dass es an Betrug grenzt“, berichtete der Intensivpfleger.

Weder Intensivmediziner noch Intensivpfleger glauben an eine kurzfristige Lösung. Einer Anwerbung ausländischer Fachkräfte stehen sie kritisch gegenüber, auch deshalb, weil der Fachkräftemangel ein internationales Phänomen ist.

Eine Handlungsmöglichkeit, so Mareen Machner, die als leitende Pflegekraft an der Charité in Berlin arbeitet, sei die Definition von Kompetenzprofilen und die Ausbildung von Pflegefachexperten zu Advances Practice Nurses. Damit könne ein eigener pflegerischer Entscheidungsbereich in einem interprofessionellen Team der zentralen Notaufnahme und der Intensivstation geschaffen werden.

Arbeit am Patienten verbessern

Durch die Qualifikation einer klinisch-pflegerischen Expertise auf Bachelor- oder auch Master-Niveau könne sich die Pflege zu einer eigenständigen Profession entwickeln.

Eine gesetzliche Grundlage für die Akademisierung des Pflegeberufs sei der mit dem Pflegeweiterentwicklungsgesetz geschaffene Paragraf 63 Absatz 3c SGB V: Danach können zumindest Modellprojekte zur selbstständigen Ausübung von Heilkunde ermöglicht werden.

Die Intensivmediziner würden eine solche Aufwertung der Pflege begrüßen, ebenso auch ihre Akademisierung – unter der Voraussetzung, dass damit die Arbeit am Patienten verbessert und gestärkt wird, betont Janssens.

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