Personalmangel

Öffentlicher Gesundheitsdienst blutet zunehmend aus

Jeder zweite Arzt im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) geht im kommenden Jahrzehnt in Rente. Gleichzeitig bleibt der Nachwuchs aus – aufgrund geringer Verdienste. Doch an der Tariffront herrscht Stillstand.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Eingangsuntersuchung in der Flüchtlings-Erstaufnahme: Der Flüchtlingsstrom hat auch für dem ÖGD neue Herausforderungen mit sich gebracht.

Eingangsuntersuchung in der Flüchtlings-Erstaufnahme: Der Flüchtlingsstrom hat auch für dem ÖGD neue Herausforderungen mit sich gebracht.

© Kay Nietfeld / dpa

KÖLN. Der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) steht vor dem Kollaps: Aufgrund der deutlich geringeren Verdienste der ÖGD-Ärzte wird es für Gesundheitsämter immer schwerer, frei werdende Stellen zu besetzen. Gleichzeitig verlassen zunehmend Mediziner die Gesundheitsämter. "Wir erleben eine Abwanderung aus den eigenen Reihen, wie wir sie bisher nicht kannten", berichtet Dr. Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD).

"Die Situation verschlechtert sich dramatisch", warnt sie. Die Gruppe der Fachärzte für das öffentliche Gesundheitswesen werde von Jahr zu Jahr kleiner. Hinzu komme ein massives Altersproblem. "In den nächsten fünf bis zehn Jahren wird mindestens die Hälfte der Kollegen in den Ruhestand gehen", erwartet Teichert, die in Düsseldorf die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen leitet.

Die Ärzte im ÖGD werden nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst bezahlt, ihre Kollegen in kommunalen Kliniken nach dem Tarifvertrag, den der Marburger Bund (MB) mit der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände ausgehandelt hat. Die ÖGD-Ärzte erhalten allein beim Grundgehalt im Schnitt 1000 Euro weniger im Monat. Bei Ärzten in Leitungsfunktionen im siebten oder achten Dienstjahr beträgt die Differenz über 2300 Euro oder 30 Prozent.

Zwar ist das Thema bei der Politik angekommen, die Gesundheitsministerkonferenz hat sich wiederholt für eine Angleichung der Vergütung von ÖGD- und Klinikärzten ausgesprochen. Das ist bei den kommunalen Arbeitgebern bislang aber ohne Effekt geblieben. "An der Tariffront tut sich seit Jahren nichts", kritisiert Teichert. Ihr Verband hat deshalb die Tarifgemeinschaft mit dem dbb (früher: Deutscher Beamtenbund) zum Ende des Jahres gekündigt. Der BVÖGD wird die Tarifvertretung zunächst selbst übernehmen.

Von den rund 2500 Ärzten in den Gesundheitsämtern bundesweit ist etwa die Hälfte angestellt. "Eine bessere Vergütung wird keinen Haushalt schädigen", betont Teichert. Offensichtlich fürchteten die Arbeitgeber einen Präzedenzfall. Auch der MB sieht Handlungsbedarf. "Die Ärzte im ÖGD haben Anspruch darauf, ihre Leistungen entsprechend dem Niveau der arztspezifischen Tarifverträge für Kliniken vergütet zu bekommen", sagt der zweite MB-Vorsitzende Dr. Andreas Botzlar.

Die Krux der Gesundheitsämter: Sie müssen mit weniger Personal immer mehr Aufgaben stemmen. Die medizinische Versorgung von Geflüchteten hat sie vor große Herausforderungen gestellt. Auch in diesem Jahr hat sich das Arbeitsspektrum erneut erweitert: durch Prostituiertenschutzgesetz und Infektionsschutzgesetz. "Bei uns kommen immer neue Aufgaben hinzu, ohne dass irgendetwas gestrichen würde", sagt Teichert. In Zukunft werden noch mehr Gesundheitsämter zusammengelegt, prognostiziert sie. "Die Bürger müssen sich darauf einstellen, dass Dienste weniger und die Wege länger werden."

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: ÖGD: Eine zweifelhafte Botschaft

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