Infektionen

Offene Flanken bei der Klinikhygiene

Trotz einiger Erfolge bei der Verbesserung der Krankenhaushygiene und im Kampf gegen MRSA weist Deutschland nach wie vor erhebliche Schwächen auf: viel zu wenig Pflegepersonal, Abbau der Forschungs- und Lehrkapazitäten an Universitäten.

Von Helmut LaschetHelmut Laschet Veröffentlicht:
Pflegefachkraft auf der Intensivstaion: Auch personelle Engpässe führen zu Fehlern bei der Hygiene, warnen Experten.

Pflegefachkraft auf der Intensivstaion: Auch personelle Engpässe führen zu Fehlern bei der Hygiene, warnen Experten.

© Olson/Stock.adobe.com

BERLIN. Deutschland steht – trotz erster sichtbarer Erfolge – bei der Verbesserung der Krankenhaushygiene und im Kampf gegen multiresistente Keime weiter vor erheblichen Herausforderungen. Diese Bilanz hat der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, Professor Martin Exner, anlässlich des 14. Kongresses für Krankenhaushygiene am Dienstag in Berlin gezogen.

Exner würdigte ausdrücklich die Arbeit des ehemaligen Bundesgesundheitsministers Hermann Gröhe im Kamppf gegen Antibiotikaresistenzen. Die Zahl der MRSA-Infektionen sinke, ebenso die Zahl der dadurch verursachten Todesfälle. Mit der auf dem nächsten Ärztetag anstehenden Reform der Weiterbildungsordnung erhalten Infektiologie und Hygiene einen neuen Stellenwert in der fachärztlichen Qualifikation.

Gleichzeitig sehen sich die Hygieniker aber vor neue Herausforderungen gestellt:

  • Die zunehmende Alterung mit mehr multimorbiden, vulnerablen Patienten, die ein erhöhtes Risiko für schwere Infektionen haben, sowohl im Krankenhaus wie auch in der ambulanten und stationären Altenpflege. Die Vermittlung einer hygienischen Grundkompetenz bei pflegenden Angehörigen sollte eine Standard-Pflichtleistung der Pflegeversicherung werden.
  • Die Entwicklung gramnegativer Keime mit Carbapaneme-Resistenz.
  • Das inzwischen reale Risiko der Belastung von Oberflächenwasser mit gramnegativen Keimen – ein Risiko für und bei der Behandlung von Ertrinkungs-Patienten.
  • Ein besonderes Problem in diesem Jahr sei die Influenza-Epidemie gewesen, die in besonderer Weise auch das Pflegepersonal betroffen und deshalb zu Versorgungsengpässen geführt habe. So sei in Bonn ein Großkrankenhaus für eine Woche lahm gelegt worden – mit einem Schaden von einer halben Million Euro. "Die Motivation zum Impfen ist dringend verbesserungsbedürftig", mahnte Exner.
  • Notwendig seien noch "große Anstrengungen, Ärzte zur Anwendung der S3-Leitlinie "Antibiotic Stewardship" fortzubilden, zunächst primär in Kliniken und dort im operativen Bereich. Das Interesse der Ärzte daran sei allerdings deutlich gewachsen.

    Als inakzeptabel bewertet die Fachgesellschaft die Ausstattung deutscher Kliniken mit Pflegepersonal: Mit einer Relation von 13 Patienten auf eine Fachpflegekraft rangiere Deutschland in Europa auf dem untersten Platz, noch hinter Griechenland. Erstrebenswert sei eine Relation von 1 zu 7, was dem niederländischen Niveau entspricht. Die Unterbesetzung in der Pflege verursache eine zunehmende Verdichtung von Arbeitsabläufen, die auch zu Infektionsrisiken führe. Entsprechende Forderungen des Deutschen Pflegerats würden ausdrücklich unterstützt,.

    Entgegen dem Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz von 2013, wonach die Wissenschaftsminister aufgefordert wurden, hinreichende Forschungs- und Lehrkapazitäten in der Hygiene sicherzustellen, sei die Zahl der Lehrstühle abgebaut worden. Gab es zu Beginn der 1990er Jahre an 26 medizinischen Fakultäten noch 24 C4/C3-Lehrstühle, so war die Hygiene im Jahr 2015 nur noch an zehn Fakultäten mit einem Lehrstuhl vertreten. "Die Fachgesellschaft hält dies für absolut inakzetabel", heißt es in einem Positionspapier.

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