Drastisch unterfinanziert

Osteuropa und Zentralasien verliert den Kampf gegen HIV

Gegen den weltweiten Trend nimmt die Ausbreitung von HIV und Aids in Russland und Zentralasien dramatisch zu. Ursachen sind Unterfinanzierung und eine reaktionäre Politik.

Helmut LaschetVon Helmut Laschet Veröffentlicht:
Die HIV-Inzidenz in Russland hat inzwischen sogar den markanten Peak zu Anfang des Jahrtausends überholt.

Die HIV-Inzidenz in Russland hat inzwischen sogar den markanten Peak zu Anfang des Jahrtausends überholt.

© Grafik: Ärzte Zeitung

BERLIN. Organisationen wie Unaids, die Deutsche Aids-Hilfe und das Aktionsbündnis gegen Aids sehen dringenden Handlungsbedarf angesichts der Ausbreitung von HIV in Russland und Zentralasien. Während die HIV-Programme zur Prävention und Therapie in den weltweit am stärksten betroffenen Ländern im südlichen Afrika seit einigen Jahren greifen und die Zahl der Neuinfektionen mit HIV rückläufig sind, steigen Inzidenz und Prävalenz in Russland weiter an. In Risikopopulationen wie Männer, die Sex mit Männern haben, sowie bei Prostituierten und Drogenabhängigen ist die Infektion manifest, in einigen Regionen springt sie auf die Gesamtbevölkerung über.

HIV-Inzidenz steigt weiter

Bis Mitte der 1990er Jahre war Aids in Russland ein nahezu unbekanntes Phänomen – wohl auch eine Folge der internationalen Abschottung russischer Bürger durch das Sowjetsystem. Zwischen 1996 und 2011 explodierte die Zahl der Neuinfektionen und erreichte Anfang der 2000er Jahre mit fast 90.000 einen Höhepunkt. Die bis 2004 rückläufige Inzidenz – auf 35.000 Neuinfizierte – war trügerisch. Seitdem haben sich Jahr für Jahr immer mehr in Russland lebende Menschen mit dem Virus angesteckt.

2016 wurde die 100.000-Marke überschritten, so der Föderale Dienst für das Monitoring im Bereich Verbraucherschutz und Wohlfahrtspflege (Rosnotrebnadzor). Inzwischen sind 871.000 Menschen mit HIV infiziert – nicht mit gerechnet die bislang offiziell registrierten 244.000 Todesfälle, die von Aids verursacht worden sind.

Die Prävalenz von HIV liegt in Russland derzeit bei 0,6 Prozent, in Deutschland bei 015 Prozent. Dass eine Westverschiebung stattfindet, zeigen die Prävalenzdaten aus Weißrussland (0,52 Prozent), der Ukraine (0,83 Prozent) und Moldowa (0,63 Prozent).

Primär hat die russische Gesundheitspolitik mit einer intensiven Testung der Bevölkerung reagiert. Eindeutig können damit Risikogruppen identifiziert werden: Drogenabhängige sind zu 4,3 Prozent HIV-positiv, unter Männern, die Sex mit Männern haben, sind es 13,2 Prozent, bei Strafgefangenen 2,9 Prozent. HIV-Tests bei Schwangeren haben ergeben, dass 0,15 Prozent von ihnen infiziert sind.

Professor Vadim Valentinovitsch Pokrosky, Infektiologe und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, stellte kürzlich bei einer Krisenkonferenz in Berlin fest: " In einigen Regionen sind Anzeichen eines Übergangs in das Stadium einer generalisierten Epidemie zu bemerken."

Im Oktober 2016 wurde eine staatliche Strategie zur Abwehr der Verbreitung von HIV-Infektionen in der Russischen Föderation für den Zeitraum bis 2020 beschlossen. Der Schwerpunkt liegt auf einer intensiveren Testung der Bevölkerung und einer besseren Versorgung mit antiretroviralen Medikamenten.

Budget: 75 Prozent Unterdeckung

Allerdings sind die Mittel dafür begrenzt: Das Budget sah für dieses Jahr 250 Millionen Euro vor, das für 2018 geplante Budget soll darunter liegen. Ergänzt wird das föderale Budget durch Finanzmittel, die von den Regionen aufgebracht werden; das sind noch einmal etwa 25 Millionen Euro.

Nach den Empfehlungen der Nationalen Wissenschaftsgesellschaft der Infektiologen, einer Nichtregierungsorganisation von Ärzten, sollen alle Personen mit HIV behandelt werden und dafür alle 28 in der Russischen Föderation registrierten antiretroviralen Mittel genutzt werden. Im Kern hat sich dem auch das russische Gesundheitsministerium angeschlossen - allein die Praxis sieht anders aus.

Denn bei Jahrestherapiekosten zwischen 1000 und 1200 Euro für einen HIV-Infizierten reicht das Budget für die Behandlung von etwa 220.000 bis 240.000 HIV-infizierten Menschen aus. Das heißt: Potenziell drei von vier Patienten erhalten keine oder keine adäquate Therapie.

Ein weiteres Handicap für eine effektive Gesundheitsversorgung ist die Einkaufspolitik des Gesundheitsministeriums, die sich auf die Beschaffung möglichst preisgünstiger Generika beschränkt, von denen nach Aussagen von Prokrovsky viele veraltet sind. Außerdem ist die Verfügbarkeit nicht immer gesichert.

Als positive Aspekte nennt Pokrovsky: den Zugang zu kostenlosen HIV-Tests, das Vorhandensein einer ausgebauten medizinischen Infrastruktur mit Aids-Zentren in allen Regionen, die Einbeziehung des größten Teils schwangerer Frauen in die chemische Prophylaxe zur Verhinderung der Übertragung des Virus an das Kind, schließlich auch ein gesetzliches Verbot der Diskriminierung von Menschen mit HIV – möglicherweise nur auf dem Papier.

Feindseliges Klima

Denn in der Ära Putin und unter dem Einfluss der erzreaktionären russisch-orthodoxen Kirche hat sich eine ausgeprägt konservative Religiosität in der Gesellschaft ausgebreitet, die von negativen Einstellungen zur Sexualität, zum Gebrauch von Präservativen und Feindseligkeit gegenüber Homosexuellen, Drogenabhängigen und Prostituierten geprägt ist.

Der Einfluss von Wissenschaftlern in Politik und Gesellschaft habe abgenommen, es gebe inzwischen eine Bewegung von Menschen, die die Existenz von HIV und Aids leugneten, so Pokrovsky. Substitutionsprogramme mit Methadon für Drogenabhängige sind nicht zulässig.

Ausbreitung durch Migration

Besonders eindringliche Warnungen spricht Raminta Stuikyte, leitende Beraterin des UN-Gesandten für HIV/Aids in Osteuropa und Zentralasien, aus: Die HIV-Epidemie in dieser Region sei eindeutig korreliert mit der Verbreitung von Tuberkulose, Hepatitis und zunehmender Antibiotika-Resistenz. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen verhinderten wirksame Präventions- und Therapieinterventionen und förderten somit das Wachstum der Epidemie. Mehr Aufmerksamkeit sei notwendig für die besonders gefährdeten Arbeitsmigranten in dieser Region, die kaum einen Zugang zum Gesundheitssystem haben. Gerade das östliche Russland gilt aber als einer der weltweit größten Migrantenkorridore überhaupt.

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