EU-Drogenbericht

Psychoaktive Drogen auf dem Vormarsch

EU-Experten sehen Anstieg bei allen Substanzen. Einige Rauschmittel machen besondere Sorgen.

Von Detlef Drewes Veröffentlicht: 22.09.2020, 14:27 Uhr
Auch wenn die Polizei im vergangenen Jahr viel Kokain sichergestellt hat, so spielt das weiße Pulver in der der EU doch eine immer größere Rolle.

Auch wenn die Polizei im vergangenen Jahr viel Kokain sichergestellt hat, so spielt das weiße Pulver in der der EU doch eine immer größere Rolle.

© Sven Hoppe / dpa

Brüssel. Die europäische Rauschgift-Szene wird immer mehr von psychoaktiven Substanzen überflutet. Dies geht aus dem Jahresbericht 2020 hervor, den die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMMCDDA) in Lissabon am Dienstag vorgestellt hat.

Am Jahresende 2019 überwachte die EU-Agentur rund 790 psychoaktive Substanzen, von denen 59 erstmals auf dem Gebiet der Union festgestellt wurden. Die Strafverfolgungsbehörden konnten 64.800 Mal solche Stoffe sicherstellen, ein leichter Rückgang gegenüber dem Vorjahr.

Zuwachs bei allen Drogen

Wachsende Zahlen bei allen Rauschmitteln – das ist ein Trend, der sich allerdings quer durch alle Bereiche zieht: Kokain spielt in der Union eine immer stärkere Rolle, obwohl 181 Tonnen im Vorjahr beschlagnahmt werden konnten. Heroin wird immer häufiger konsumiert. Und es stammt häufiger direkt aus Europa, sodass die Händler leichter lokale und regionale Märkte gezielt bedienen können. Die weiter große Verfügbarkeit hochpotenter MDMA-Produkte, die in Tabletten oder als Pulver an die Abnehmer geliefert werden, bereitet den Beobachtern ebenfalls Kopfzerbrechen. Ein in dieser Dimension offenbar neues Problem ist das wachsende Angebot von Ketamin, GHB und LSD sowie Distickstoffmonoxid (Lachgas) und neuen Benzodiapinen.

Eine weitere Entwicklung ist das zunehmende Alter jener Drogenabhängigen, die durch Überdosen ums Leben kommen. Bei den 50-Jährigen und Älteren nahm die Zahl der Überdosierungen von 2012 bis 2018 um 75 Prozent auf 8300 Menschen zu. Hinzu kommen neue synthetische Opioide, von denen etliche neuartigen Gruppen angehören und im Vorjahr erstmals den Fahndern in die Hände fielen. Die Europäische Union, so eines der Ergebnisse des Berichtes, müsse die „komplexen Gefahren, die von illegalen Drogen für die Gesundheit und die Sicherheit der Bevölkerung ausgehen“, ernstnehmen und dürfe nicht nachlassen, gegen die kriminellen Hintermänner vorzugehen.

Dealer passen sich Pandemie an

Das besondere Augenmerk der EU-Experten galt den Veränderungen des Drogenmarktes durch die COVID-19-Pandemie. Die Experten beobachteten, dass „organisierte kriminelle Gruppen ihr Vorgehen rasch änderten, vor allem auf der Ebene des Einzelhandels“. Der Straßenverkauf sei durch die Ausgangsbeschränkungen schwierig geworden. Deshalb hätten sich Konsumenten und Händler auf Onlinedienste wie Social-Media-Plattformen und Paket- und Heimliefer-Dienste umgestellt.

Als wichtigste Umschlagbasis stellte sich dabei das Darknet heraus. Gleichzeitig gingen die Lieferungen der illegalen Drogen über den Luftweg zurück. Dafür hätten die Händler große Mengen ihrer Waren wie Kokain, Cannabisharz oder auch Heroin auf dem Seeweg nach Europa gebracht. Dies lasse befürchten, dass die organisierte Kriminalität „die Lieferketten, Schifffahrtswege und große Häfen infiltriert haben“, heißt es in dem Papier weiter.

Erschwerte Betreuung von Abhängigen

Die Betreuung von Abhängigen sei gleichzeitig schwieriger geworden, weil zahlreiche Drogeneinrichtungen zu Beginn des Lockdowns „zur Aufgabe ihrer Tätigkeit gezwungen waren“, ehe sie sich auf digitale Beratungsangebote (Telemedizin) umgestellt hatten. „Wenngleich die Langzeitfolgen der Pandemie noch nicht bewertet werden können, sind schon jetzt kurzfristige Änderungen zu beobachten, etwa das gestiegene Interesse an der Verwendung digitaler Drogenmärkte sowie Innovationen bei der Behandlung von Drogenkonsumierenden mit Hilfe von Computer- und Smartphone-Lösungen“, sagte der Direktor der EU-Drogenbehörde EMMCDDA, Alexis Goosdeel. Er warnte zugleich davor, dass „einige der betroffenen Gruppen im Zug der wirtschaftlichen Folgen der Krise anfälliger für Drogen und eine Involvierung in den Drogenmarkt werden könnten.“

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