Leitartikel

Psychotherapie braucht dringend stärkere Vernetzung

Viele psychisch kranke Patienten müssen zu lange auf einen Termin warten. Nur mehr Geld wird das Zeit- und Kapazitätsproblem nicht lösen. Gefragt sind Versorgungsstrukturen, bei denen ein Rädchen ins andere greift.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:

Auf der Hannoveraner Tagung "Die spezifische Rolle der ärztlichen Psychotherapie" insistierten die Referenten, die Psychotherapie enger an die somatische Medizin anzubinden.

"Die spezifisch ärztliche Form der Behandlung psychisch Kranker liegt in der Kompetenz der ärztlichen Psychotherapeuten, ein individuelles Gesamtkonzept für den einzelnen Patienten anbieten zu können."

Das sagte Dr. Cornelia Goesmann, Vorsitzende der Hannoveraner Bezirksstelle der Ärztekammer Niedersachsen und von der Bundesärztekammer (BÄK) zu Fragen der Psychotherapie beauftragt.

Goesmann und ihre Kollegen auf der Tagung forderten auch mehr Geld für die ärztlich fundierte Psychotherapie. Tatsächlich liegen die Psychiater mit ihren Honoraren am Ende der Skala. Heiner Melchinger von der Henriettenstiftung in Hannover rechnete vor, dass eine 50-Stunden-Psychotherapie rund 4000 Euro kostet.

Für diesen Betrag versorge ein Psychiater 25 meist schwer kranke Patienten über vier Quartale hinweg. Die Forderung nach besserer Bezahlung ist zunächst um so nachvollziehbarer, als dass immer mehr Menschen seelisch erkranken und - zumindest auf dem Land - länger als drei Monate auf einen Behandlungsplatz warten müssen.

Körperliche und geistige Erkrankungen liegen eng beisammen

Aber warum forderten die Referenten ausgerechnet, die Ärzte stärker in die psychotherapeutische Behandlung einzubinden? Kaum ein Hausarzt könnte im Seniorenheim ein oder zwei Stunden mit einer alten Dame sprechen, die unter Depressionen leidet. Kaum ein Psychiater könnte noch mehr als die durchschnittlich 400 Behandlungen im Quartal machen, so voll sind die Wartezimmer.

Nun - Angst, Schizophrenie, Depressionen, Borderlinestörungen, Süchte - es gibt fast keine ausschließlich psychische Krankheit. Die somatische Medizin gehört in die psychologische mit hinein, erklärte die Psychiaterin Professor Gabriela Stoppe.

Körperliche und geistige Erkrankung liegen also so eng zusammen, dass sie von Menschen behandelt werden sollten, die sich in beiden Bereichen auskennen, das leuchtet ein. 70 bis 80 Prozent aller psychisch kranken Patienten gehen mit ihren Beschwerden denn auch zunächst zu ihrem Hausarzt.

Aufgrund ihrer medizinischen Ausbildung könnten die Hausärzte neben psychotherapeutischen Kurz- und Langzeitbehandlungen auch Ergo- und Soziotherapie verordnen sowie medizinische Reha, Klinikbehandlung, Krisenintervention oder Medikamente. So könnten sie die idealen Gatekeeper werden.

Wohl wahr, aber die Strukturen fehlen und - wie gesagt - die Kapazitäten. Psychotherapeuten fehlen unter anderem deshalb, weil mancher von ihnen zwar einen Sitz innehat aber nicht Vollzeit arbeitet. Viele Hausärzte, die für ihre Patienten einen Behandlungsplatz suchen, können ein Lied davon singen.

Gutachterverfahren weitestgehend wirkungslos

Was tun? Klar, die Referenten der Tagung forderten auch mehr Geld für die psychotherapeutische Versorgung durch Mediziner. Zu einer besseren Finanzierung "gehören neben der Antragspsychotherapie auch ausreichend finanzierte diagnostische und psychotherapeutische Gespräche im haus- und fachärztlichen Bereich", betonte Goesmann.

Aber damit ist das Kapazitätsproblem nicht gelöst. Die Versorgungsstrukturen müssen sich ändern, damit die vorhandenen Ressourcen besser auf die Patienten verteilt werden können. Seelisch Erkrankte brauchen eine Versorgungslandschaft, die passgenau auf sie zugeschnitten wurde. Stattdessen müssen sie sich zur Zeit nach der Decke strecken.

Die geringsten Chancen haben diejenigen Patienten, die am stärksten leiden. Darauf wies Melchinger hin. Zum Beispiel stehen sie eine längere Therapie oft nicht durch und brechen sie ab. Da nützt es ihnen wenig, wenn der Therapeut mehr Geld erhielte. Zudem ist das Gutachterverfahren weitgehend wirkungslos.

"Es wird nach Aktenlage entschieden, der Gutachter sieht den Patienten gar nicht", so Melchinger. Weit mehr als 99 Prozent aller Anträge werden genehmigt. Dabei wären andere Maßnahmen für den Patienten vielleicht viel wirkungsvoller gewesen.

Krisenintervention per Telefon

"Goldstandard wäre die Behandlung durch ein in einem vernetzten System von abgestuften Hilfeangeboten arbeitendes multiprofessionelles Team unter Einbezug des sozialen Umfeldes des Patienten, also ein trialogisches Vorgehen", so Melchinger.

IV-Verträge zum Beispiel bieten diese Möglichkeit. Qualifizierte Gatekeeper würden etwa Depressions- oder Schizophreniepatienten die passende Therapie vermitteln.

Angefangen bei der Krisenintervention per Telefon, über die Versorgung durch Fachpflegedienste oder eine Psychotherapie und im Zweifel bis hin zu einer Klinikeinweisung. Gewiss - dabei würde es sich um Selektivverträge handeln, von denen nicht alle Patienten profitieren. Aber lieber hochkompetente Hilfe für einige Patienten als für gar keine.

Eines noch: Wenn es stimmt, dass die somatische Medizin in die psychologische hineingehört, wie in Hannover immer wieder betont wurde, dann stimmt auch der Umkehrschluss. Dann müssten Hausärzte und die meisten Fachärzte in Studium und Praxis die Gelegenheit bekommen, ganz anders an ihre Patienten heran gehen zu können.

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dipl.-Psych. Anita Gradl

Vernetzung???

Meiner Meinung nach wird die beste Behandlung im Duo zwischen ärztlicher und psychotherapeutischer Betreuung gewährleistet. So wie es auch bei Eltern am besten zu zweit geht, kann man es auf die Therapie übertragen. Bei den Magersüchtigen wird das doch gut deutlich, während der Arzt die "Wächterfunktion" erfüllt, kann der Therapeut sich aud andere Inhalte konzentrieren, oder soll sich der Therapeut (egal ob ärztlich oder psychologisch) um alles alleine kümmern. Also Distanz und Empathie zugleich?
Es liegt meist an der Zusammenarbeit, und die Ärzte sollten sich auch daran gewöhnen, die Therapeuten in ihr Behandlunskonzept mit ein zu binden. (Wäre auch für Zahnärzte usw. sinnvoll, damit diese nicht gerade alle Weisheitszähne reißen, wenn die Patientin gerade wieder mit dem Essen beginnt)


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