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Gerlach fordert

Ran an die Überversorgung!

Grund für die Fehlversorgung im Gesundheitswesen sind falsche Anreize, sagt der Gesundheitsweise Ferdinand Gerlach. Er fordert einen Kurswechsel.

Veröffentlicht:

MÜNCHEN. Für die Sicherstellung und Stärkung der Hausarztmedizin hat sich der Vorsitzende des Sachverständigenrates Professor Ferdinand Gerlach ausgesprochen.

Die "eklatante Überversorgung" bei den ambulanten Fachspezialisten und im stationären Bereich müsse abgebaut werden, um so Mittel für eine bedarfsgerechte medizinische Versorgung freizusetzen, forderte Gerlach beim BKK Tag 2014 der bayerischen Betriebskrankenkassen in München.

Hauptkostentreiber im Gesundheitswesen seien der medizinische Fortschritt, die Ausweitung des Leistungsangebots sowie die Steigerung von Mengen und Preisen. Erst an dritter Stelle stehe der demografische Wandel, der für etwa ein Viertel der Ausgabenzuwächse ursächlich sei.

Eine Besonderheit des deutschen Gesundheitswesens sei die hohe Zahl der Arzt-Patienten-Kontakte in der ambulanten Versorgung. Nach der Statistik habe jeder Einwohner 17,9 Arztkontakte pro Jahr, davon nur 7,1 Kontakte mit Allgemeinärzten, berichtete Gerlach.

Konkret bedeute dies: An einem beliebigen Montag sitzen fast acht Prozent der Bevölkerung in den Wartezimmern der niedergelassenen Ärzte. Dabei seien Zahnärzte und Kieferorthopäden noch gar nicht eingerechnet, so Gerlach.

Zwischen 1993 und 2012 sei die Zahl der Fachärzte um fast 57 Prozent gestiegen, während sich die Zahl der Hausärzte im gleichen Zeitraum um zehn Prozent verringert habe. Dies könne auf Dauer so nicht weitergehen.

Denn die Grundversorgung sei die Basis jedes erfolgreichen Gesundheitssystems. Tatsächlich sei jedoch vor allem im ländlichen Raum die hausärztliche Versorgung massiv gefährdet. In der Palliativmedizin gebe es große Lücken und auch in der Pflege zeichne sich Fachkräftemangel ab.

Auf der anderen Seite gebe es in vielen Bereichen Überversorgung, wie etwa bei der Versorgung mit Endoprothesen, bei Wirbelsäuleneingriffen oder bei Linksherzkatheter-Untersuchungen, erklärte Gerlach. Bei den Krankenhausbetten liege Deutschland in Europa an der Spitze.

Ursache von Über-, Unter- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen seien vielfach falsche finanzielle Anreize, die mengensteigernd wirken, falsche Angebotskapazitäten sowie die sektorale Trennung bei mangelhafter Koordination. Dabei könne man den Ärzten keinen Vorwurf machen, denn "sie machen genau das, was angereizt wird", sagte Gerlach.

Ziel müsse deshalb sein, künftig den Qualitätswettbewerb zu stärken. Jeder Euro, der nicht bedarfsgerecht eingesetzt wird, fehle an anderer Stelle, mahnte Gerlach. (sto)

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