Pflegedokumentation

Schluss mit überflüssigen Fragen

Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), will Pflegekräfte von überbordender Bürokratie entlasten. Diese setzen nun große Hoffnung in die "strukturierte Informationssammlung", die sich im Praxistest bewährt hat.

Von Christian Beneker Veröffentlicht: 31.07.2014, 07:27 Uhr
Schluss mit überflüssigen Fragen

Hohe Ansprüche an die Dokumentation empfinden viele Pflegekräfte als unnütze Zeitfresser.

© Hongqi Zhang / iStock / Thinkstock

HANNOVER. "Endlich", möchte man seufzen: Wenn alles gut geht, dann steht Pflegediensten und Pflegeheimen eine Umwälzung bei der Pflegedokumentation ins Haus, die den Pflegepatienten und den Pflegefachkräften gut tun wird. Endlich können Pflegende ihre Arbeit aus ihrem Know-how heraus und ihrer fachlichen Expertise begründen.

Die Änderung dürfte weitreichende Folgen für die Arbeit auf den Stationen und bei den ambulanten Diensten haben. Denn was den Pflegenden vor allem fehlt, ist die Würdigung ihres Engagements. Der Vorschlag der neuen Dokumentation der "strukturierten Informationssammlung" (SIS) kommt diesem Bedürfnis entgegen.

Zugleich wirft die Neuerung aus dem Hause des Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Karl Josef Laumann (CDU), ein Schlaglicht darauf, welchen Unsinn Fachleute der Pflege bisher dokumentieren sollten, bevor sie sich überhaupt um einen alten Menschen kümmern konnten.

Sie mussten mitunter 80 Seiten lang im Ankreuzverfahren dokumentieren und begründen, was sie NICHT tun und warum nicht. Michael Lorenz, niedersächsischer Landesreferent beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) nennt ein Beispiel: Ein Patient in einem bayerischen Pflegeheim ist unruhig und dement.

Das Heim hat dann für ihn einen Hund angeschafft. Nun konnte der Patient zweieinhalb Stunden am Tag mit dem Tier spazieren gehen, war abends nicht aggressiv, sondern müde und guter Dinge.

Aber bei der nächsten Prüfung des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen musste bewiesen werden, dass bei diesem alten Menschen keine Dekubitusgefahr vorlag.

Der Umstand, dass dies bei stundenlangen Spaziergängen offensichtlich ist, hat den Medizinischen Dienst der Krankenkassen nicht davon abgehalten, ein sogenanntes Assessment zu fordern, das das Offensichtliche beweist: Der Mann ist nicht dekubitusgefährdet.

Pflegenden vertrauen

Das neue SIS-System vertraut nun auf Können und Augenmaß der Pflegenden. Wenn sie einen Patienten neu aufnehmen, müssen sie sich nicht mehr durch die vielen Hundert Ja-Nein-Fragen kämpfen, sondern legen ihren Eindruck in eigenen Worten nieder und beschreiben ebenso den Pflegebedarf des Patienten.

Dabei gehen sie vom Patienten aus und nicht von den Erfordernissen einer überbordenden Dokumentation. Die Pflegenden fragen den Patienten, was er braucht, wann und wie viel davon.

Bei so einer Herangehensweise dürften auch die Sorgen der Angehörigen mehr und mehr schwinden, wenn sie ihre Eltern oder Ehepartner in die Pflege geben. Denn wenige Befürchtungen sind größer, als die, dass etwa die Eltern entmündigt und zum "Pflege-Objekt" werden.

Zugleich beleuchtet das neue dialogbasierte System, wie viel Druck und Frust und Fachkräftemangel offenbar nötig sind, um Träger, Pflegedienste, Heime, MDK und Ministerium an einen Tisch zu bekommen, um einen im Prinzip unhaltbaren Zustand endlich aus der Welt zu schaffen und das nahe Liegende zu tun: Den Patienten zu fragen, was ihm gut tut. Bleibt zu hoffen, dass möglichst viele Pflegedienste und Heime SIS integrieren.

Eines noch: Ist nun die Pflege auf Basis der alten Dokumentation bis heute seelenlos und schiere Verrichtung? "Nein", sagte eine Mitarbeiterin der Diakonie, als SIS in Hannover vorgestellt wurde.

"Wir haben unsere Bewohner immer gefragt und mit ihnen gesprochen." So muss man es sich wohl vorstellen: In den allermeisten Fällen wird sehr gut gepflegt - trotz 80-seitiger Dokumentation.

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