Schnelle Therapie für psychisch Kranke im Südwesten

Immer häufiger fehlen Beschäftigte im Job, weil die Psyche streikt - das belegen Kassenstatistiken. Doch bis die Behandlung beginnt, vergehen oft Wochen oder Monate. In Baden-Württemberg stricken AOK und Ärzteverbände an einem Selektivvertrag, der dies ändern soll.

Von Sunna Gieseke Veröffentlicht:
Fertig und ausgebrannt - jetzt zählt schnelle Hilfe.

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BERLIN/STUTTGART. Arbeitsunfähig wegen einer psychischen Erkrankung - immer öfter schreiben Ärzte ihre Patienten deshalb krank. Die Betroffenen brauchen häufig schnelle Hilfe. Psychotherapeuten sind im KV-System allerdings oft die Hände gebunden: "Bisher haben wir keine Möglichkeit bei akut erkrankten Patienten sinnvoll kurzfristig zu intervenieren", sagte Dr. Alessandro Cavicchioli, Landesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) Baden-Württemberg der "Ärzte Zeitung". "Daher brauchen wir Konzepte, um diesen Patienten schneller helfen zu können."

Unverzichtbar ist engere Kooperation der Behandler

Der DPtV verhandelt zusammen mit weiteren Ärzteverbänden mit der AOK Baden-Württemberg über den Selektivvertrag Neurologie/Psychiatrie. Dabei stehe für die DPtV im Vordergrund, die Behandlungswege für Patienten zu verbessern. Unter anderem müssten die verschiedenen Behandlergruppen wie Neurologen, Psychiater, Psychotherapeuten - aber auch Hausärzte - enger zusammenrücken und gemeinsam über die Therapie entscheiden. "Auf diesem Weg erhält der Patient schnellstmöglich eine effektive Therapie, was Kosten im Gesundheitssystem spart", so Cavicchioli.

Bisher würden probatorische Sitzungen im KV-System nicht ausreichend vergütet. Auch Gruppentherapien bedeuteten für die Behandler bislang viel Verwaltungsaufwand bei geringer Bezahlung. Die Abrechnung und Durchführung dieser Therapieform sollte daher nach Ansicht der DPtV erleichtert werden. "Solche Konzepte sind derzeit innerhalb des KV-Systems aber nicht durchsetzbar", moniert Cavicchioli.

"Vor allem brauchen die Behandler aber mehr Zeit für ihre Patienten", so der DPtV-Landesvorsitzende. Und das gehe nur bei weniger Bürokratie. Zudem sollten Psychotherapeuten die Möglichkeit erhalten, mehr Sprechstunden bei entsprechender Vergütung anbieten zu können - auch am Abend und an Samstagen.

Cavicchioli plädierte zudem dafür, weitere psychotherapeutische Verfahren in den Vertrag aufzunehmen, die derzeit nicht von den Kassen bezahlt werden. Als Beispiele nannte er die systemische Therapie und die Neuropsychologie. Sinnvoll wären aus seiner Sicht zudem weitergehende Befugnisse für Psychotherapeuten. Sie sollten das Recht erhalten, Patienten zu anderen Behandlern und ans Krankenhaus überweisen zu dürfen.

Kassenchef: Ärzte sind häufige Honorarreformen leid

Von den Reformplänen von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP), der die Rahmenbedingungen für Selektivverträge ändern möchte, lassen sich die Vertragspartner nur wenig verunsichern. AOK-Landeschef Dr. Rolf Hoberg will seinen Versicherten vor allem einen schnelleren Zugang zur Behandlung ermöglichen. Der Vertrag biete den Beteiligten zudem Planungssicherheit: "Viele Ärzte und Psychotherapeuten sind die ständigen Honorarreformen im KV-System leid", sagt Hoberg.

Nach Ansicht von Medi-Chef Dr. Werner Baumgärtner erhalten die Praxen durch die Selektivverträge ein "weiteres Standbein neben dem Kollektivvertrag". Medi hat mit der AOK bereits Facharztverträge nach Paragraf 73 c SGB V für die Fachgebiete Kardiologie und Gastroenterologie aufgelegt. Ein weiterer Selektivvertrag über die orthopädische Versorgung wird zurzeit ebenfalls verhandelt und soll Anfang kommenden Jahres starten. Alle diese Verträge sollen mit dem AOK-Hausarztvertrag verknüpft werden, kündigte Baumgärtner an.

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