Psychiatrie

Sind Leitlinien die Totengräber der Ethik?

Welche Perspektive hat die Ethik in der Psychiatrie - in einer Zeit, in der Widersprüche in der Versorgung immer deutlicher werden? Ein Kongress in Magdeburg suchte nach Antworten.

Von Petra Zieler Veröffentlicht:

MAGDEBURG. Wie Ethik und Geld zusammenpassen, bewegte die Teilnehmer, die zum ersten nationalen Kongress "Ethik in der Psychiatrie" nach Magdeburg gekommen sind.

"In einer sich stetig verändernden Welt benötigen wir für unser Tun Orientierung", sagte Professor Wolfgang Jordan, Psychiatrie-Chefarzt am Klinikum Magdeburg.

"In dem Maße, wie ethische Fragen in der Psychiatrie in den Vordergrund rücken, werden sie immer komplexer und die Antworten immer schwieriger. Letztlich reduziert sich alles auf die einzige Frage: Was soll ich tun?"

Ausgehend davon, dass sich Ethik in der Psychiatrie im ständigen Spannungsfeld zwischen Therapie und Ökonomie bewege, sind laut Jordan für das Handeln in der Praxis fachliche und soziale Kompetenz ebenso entscheidend wie ein gutes Zusammenspiel von Gesundheitsversorgern, Politikern, berufspolitischen Akteuren und Standespolitikern.

Er zitierte die Bergpredigt: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon". Andererseits ist der Mammon, das Geld, Voraussetzung für eine innovative Behandlung. Eine Fragestellung des Kongresses war denn auch: Kann Wirtschaftlichkeit mit Ethik zusammengehen?

In seinem Vortrag "Ethik in der Gesundheitsversorgung" konstatierte Professor Nikolaus Knoepffler vom Ethikzentrum der Universität in Jena: "Erst, wenn es den Ärzten gut geht, sind sie frei in ihrer Entscheidung."

Gleichzeitig warnte der von Jesuiten erzogene Philosoph und Staatswissenschaftler vor überladenden, mit Allgemeinplätzen belegten Anforderungen.

Leitlinien als Mittel der Qualitätssteigerung

"Man kann Ärzte und Psychiater nicht für das Elend dieser Welt zuständig machen, sondern immer nur für eine ganz konkrete Handlungsebene."

Er forderte angemessene Regeln, die auch durchsetzbar sind und Wünsche der Patienten, der Ärzte und der Gesellschaft so zusammenbringen, dass das Beste dabei herauskommt. "Regeln, die leicht zu unterlaufen sind, nutzen niemandem."

Die Gefahr bestehe aber, dass Regeln in der Medizin meist von jenen "gebaut" werden, die keine Mediziner sind.

Um Änderungen zu bewirken, müsse eine andere Richtung eingeschlagen werden, forderte Professor Eckart Rüther, langjähriger Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uni Göttingen und fragte: "Ethik - gibt es die noch? Seine Aussage: "Leitlinien sind Totengräber der Ethik", fand im Publikum ein geteiltes Echo.

Dr. Gisela Kondratjuk, Ärztliche Direktorin des AMEOS-Klinikums Haldensleben, stimmte grundsätzlich zu, meinte aber: "Ich muss Leitlinien anwenden, ansonsten kann unser Klinikum die Qualitätskriterien nicht erfüllen."

Rüther, selbst Geburtshelfer von Leitlinien, kennt das Dilemma und präzisierte: "Ohne Leitlinien gäbe es ein Chaos, dennoch sind sie das Schlimmste, was wir haben."

Sein Rat: "Lernen sie Leitlinien, aber nehmen Sie diese nicht als Regeln, die unbedingt zu verfolgen sind. So angewendet, sind sie in Ordnung."

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema

Welchen Spielraum es gibt

Patienten rechtssicher ablehnen: So geht’s

Kommentare
Sonderberichte zum Thema
7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

© Vink Fan / stock.adobe.com

Aktive schubförmige Multiple Sklerose

7-Jahres-Daten belegen günstiges Nutzen-Risiko-Profil von Ofatumumab

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Novartis Pharma GmbH, Nürnberg

ADHS im Erwachsenenalter

Wechseljahre und ADHS: Einfluss hormoneller Veränderungen auf Symptomatik und Diagnose

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: MEDICE Arzneimittel Pütter GmbH & Co. KG, Iserlohn
Neue Ansätze zur Behandlung seltener Krankheitsbilder

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Entwicklungen in der Therapie neuromuskulärer Erkrankungen

Neue Ansätze zur Behandlung seltener Krankheitsbilder

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

B- und T-Zell-Immunität

Richtig impfen gegen Influenza und COVID-19

Lesetipps
Bild mit Burgern, Süßigkeiten und Gebäck

© monticellllo / stock.adobe.com

Stark verarbeitete Lebensmittel

Gesundheitsschädliche Nahrung – eine globale Krise?