Beherbergungsverbot

Spahn sieht im Reisen nicht die Hauptursache der Coronaverbreitung

Leise Kritik an den Folgen des Beherbergungsverbots kommt aus dem Bundestag. Und: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn schließt eine Impfpflicht für Corona erneut aus. Derweil findet RKI-Chef Wieler die Neuinfektionsgrenzwerte nicht perfekt, verteidigt sie aber dennoch.

Veröffentlicht: 14.10.2020, 15:33 Uhr
Wie gefährlich sind Reisen für die Verbreitung von SARS-CoV-2? RKI-Präsident Professor Lothar H. Wieler (l.) ist da etwas kritischer als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. (Archivbild)

Wie gefährlich sind Reisen für die Verbreitung von SARS-CoV-2? RKI-Präsident Professor Lothar H. Wieler (l.) ist da etwas kritischer als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. (Archivbild)

© Tobias Schwarz/dpa/AFP Pool

Berlin. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat im Vorfeld der Beratungen von Bund und Ländern über das Beherbergungsverbot und weitere Regelungen die Reisetätigkeit als nicht ursächlich für den Anstieg der Infektionen mit dem neuartigen Corona-Virus bezeichnet. Der Eintrag aus jeweils anderen Bundesländern und aus dem Ausland spiele dabei eine „untergeordnete Rolle“, sagte Spahn.

Im August seien die Reiserückkehrer noch für 50 Prozent der Infektionen verantwortlich gewesen. Dieser Wert liege nun bei unter zehn Prozent. Das Beherbergungsverbot sorge zudem dafür, dass die Testkapazitäten von Reisewilligen absorbiert würden, warnte Spahn.

Einen echten Engpass gebe es beim Öffentlichen Gesundheitsdienst. „Bei der Kontaktnachverfolgung stoßen die Gesundheitsämter an ihre Grenzen“, sagte Spahn am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Berlin. Damit gerate der bisherige Erfolgsfaktor in Deutschland in Gefahr.

Was denken Maag und Wieler über die Corona-Grenzwerte?

Auch die gesundheitspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Karin Maag, reagierte zurückhaltend auf die Forderung nach weiteren Kriterien für Corona-bedingte Einschränkungen. „Ich bin da zwiespältig“, sagte Maag am Mittwoch bei einer virtuellen Pressekonferenz.

Die jetzige Regelung, wonach ab 35 beziehungsweise 50 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner Einschränkungen greifen, habe sich „eingebürgert“, betonte Maag. Der Wert lasse sich gut erklären und finde breite Akzeptanz in der Gesellschaft. „Wenn ich bei diesem auslösenden Element jetzt nochmal Neues einfordere, wird es schwierig, die Akzeptanz zu erhalten.“

Es gebe keinen perfekten Wert, sagte der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) am Mittwoch vor der Bundespressekonferenz. Der aktuelle Wert sei allerdings „praktikabel“, weil andere Länder ihn auch benutzten. Grundsätzlich sei Mobilität ein Grund, warum sich das Virus ausbreite, sagte Professor Lothar H. Wieler.

Mit Blick auf die aktuellen Beratungen zwischen Bund und Ländern sagte Maag: „Ich hoffe, dass wir mehr Einheitlichkeit kriegen.“ Sie könne zwar „sehr gut“ nachvollziehen, wenn etwa der Ministerpräsident Brandenburgs sage, dass wegen der aktuell hohen Inzidenz an Coronafällen in der Hauptstadt nur getestete Berliner nach Brandenburg reisen dürften. „Das macht aber wenig Sinn, wenn gleichzeitig Brandenburger nach Berlin zum Arbeiten gehen und sich dort der Gefahr einer Infektion aussetzen.“

Coronaimpfung mit Priorisierung

Um das Infektionsgeschehen stark zu beeinflussen bedürfe es einer Impfquote von 55 Prozent, sagte Jens Spahn. Eine Impfpflicht könne er gleichwohl ausschließen. Er gehe davon aus, dass die Impfungen gegen COVID-19 zunächst in Impfzentren stattfinden. Das bestätigte der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) Professor Thomas Mertens.

Das hänge mit der wahrscheinlich notwendigen Kühlung des Impfstoffs, aber auch mit der notwendigen Priorisierung der COVID-19-Impfungen zusammen. Man könne den Hausärzten nicht zumuten, langjährigen Patienten sagen zu müssen, dass zunächst andere Personen geimpft werden müssten. Die STIKO arbeite derzeit Empfehlungen zur Priorisierung aus. (af/hom)

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Kommentare
Veröffentlichte Meinungsäußerungen entsprechen nicht zwangsläufig der Meinung und Haltung der Ärzte Zeitung.
Dr. Thomas Georg Schätzler

Das passt nicht zusammen!

Im August waren Reisende und Rückkehrer angeblich für 50% der SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Erkrankungen verantwortlich, derzeit nur 10%. Unverständlich ist, warum im Juli/August 2020 niedrigster Krankenstand, geringste Hospitalisierungsrate und niedrigste Intensivstation-Inanspruchnahme wg. Corona bestanden.

Ein willkürlich-unlogisch unverhältnismäßiges und damit rechtswidriges Beherbergungsverbot sorge zudem kontraproduktiv dafür, dass die Testkapazitäten von Reisewilligen absorbiert würden, obwohl diese SARS/COVID-Tests nach den o.g. Angaben zu über 90% völlig unnötig waren.

"Grundsätzlich sei Mobilität ein Grund, warum sich das Virus ausbreite", so Professor Dr. med. vet. Lothar H. Wieler ist nicht nur aus veterinärmedizischer Sicht falsch und abwegig: 90% aller tiermedizinisch relevanten Infektionen finden in den engen Ställen der Massentierhaltung und nicht draußen an der frischen Luft statt. Insofern täte dem Kollegen Wieler ein Perspektivenwechsel gut. Mobilität ist dem Menschen immanent, und auch eine Familie Wieler muss logistisch versorgt, durch Außenaktivitäten gefördert und mit ausreichender beruflich-privater Mobilität ausgestattet sein.

Wissenschaftlich Belege gibt es: "Contact Tracing during Coronavirus Disease Outbreak, South Korea, 2020" von Young Joon Park et al.
https://wwwnc.cdc.gov/eid/article/26/10/20-1315_article
"Abstract -We analyzed reports for 59,073 contacts of 5,706 coronavirus disease (COVID-19) index patients reported in South Korea during January 20–March 27, 2020..." begründet, dass Schulschließungs-bedingter, 24-stündiger Aufenthalt/Zusammensein im Haushalt gerade in der Altersgruppe der 10- bis 19-Jährigen für Infektiosität und Verbreitung von SARS-CoV-2-Infektionen und COVID-19-Erkrankungen den höchsten Risikofaktor darstellt. Vgl. dazu https://www.doccheck.com/de/detail/articles/28473-der-gefaehrlichste-ort-ist-der-haushalt

Mf+kG, Ihr Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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