Bundeswirtschaftsministerium

Stabilitätsfaktor Gesundheitswirtschaft

Jeder achte Euro in Deutschland wird von den gut 7,5 Millionen Mitarbeitern in der Gesundheitswirtschaft erarbeitet. Die Branche leistet „einen wesentlichen Beitrag zu zentralen wirtschaftspolitischen Zielen“, so eine Analyse der gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung des Bundeswirtschaftsministeriums.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 20.05.2020, 10:35 Uhr

Die Gesundheitswirtschaft – dazu zählen neben der medizinischen und pflegerischen Versorgung auch der gesundheitsbezogene Tourismus sowie Wellnessindustrie und -dienstleistungen – erarbeitete im vergangenen Jahr eine Bruttowertschöpfung von 372 Milliarden Euro, 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Damit setzt sich der anhaltende Wachstumstrend, der mit jährlich 4,1 Prozent seit 2010 um 0,8 Prozentpunkte über dem der Gesamtwirtschaft liegt, nahezu ungebremst fort. Aufgrund dessen hat die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft kontinuierlich zugenommen, ihr Anteil an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung stieg seit 2010 von 11,2 auf 12 Prozent.

Aufschwung am Arbeitsmarkt

Von dieser Dynamik profitiert vor allem der Arbeitsmarkt: Insgesamt sind inzwischen rund 7,5 Millionen Menschen in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Sie ist mit jährlich zwei Prozent Zuwachs fast doppelt so stark wie in der Gesamtwirtschaft und auch im Dienstleistungssektor (jeweils 1,1 Prozent). In Teilen des Gesundheitswesens wie in der Pflege stößt das Wachstum inzwischen an seine Grenzen, weil offene Stellen nicht besetzt werden können und Bemühungen, ausländische Arbeitskräfte zu gewinnen, bislang weitgehend wirkungslos geblieben sind.

306 Mrd. Euro an zusätzlicher Wertschöpfung verursacht die Gesundheitswirtschaft durch indirekte und induzierte Effekte. Diese entstehen durch den Bezug von Vorleistungen (Einkäufen) von Betrieben der Gesundheitswirtschaft (173 Mrd. Euro) und die Verausgabung von Einkommen, die in der Gesundheitswirtschaft entstanden sind (133 Mrd. Euro). Dadurch werden 4,6 Millionen Arbeitsplätze außerhalb der Gesundheitswirtschaft gesichert.

Charakteristisch für die Gesundheitswirtschaft ist der hohe Anteil der eigenen Bruttowertschöpfung von 58 Prozent am gesamten Produktionswert; zum Vergleich: In der Gesamtwirtschaft sind es nur 52 Prozent. Von den Vorleistungen, also den Einkäufen, die Unternehmen und Einrichtungen der Gesundheitswirtschaft tätigen, entfallen aber fast 40 Prozent auf Güter und Dienstleistungen, die ebenfalls in der Gesundheitswirtschaft erzeugt werden.

Wirtschaftspolitisch bedeutend sind die Ausstrahleffekte der Gesundheitswirtschaft auf die Gesamtwirtschaft. Das sind

  • indirekte Effekte, also die Vorleistungen, die die Gesundheitswirtschaft von anderen Branchen einkauft – 173 Milliarden Euro –, und
  • induzierte Effekte, die dadurch entstehen, dass Einkommen, die in der Gesundheitswirtschaft erzielt worden sind, auch wieder ausgegeben werden: 133 Milliarden Euro.

Einschließlich der Ausstrahlungseffekte entsteht so ein gesamtwirtschaftlicher „Fußabdruck“ von gigantischen 678 Milliarden Euro.

Das wirkt sich in ähnlicher Weise auch auf dem Arbeitsmarkt aus: Die Aktivität der Gesundheitswirtschaft und ihrer Beschäftigten induzieren je Mitarbeiter weitere 0,61 Erwerbstätige in der Gesamtwirtschaft. Der „Fußabdruck“ auf dem Arbeitsmarkt beläuft sich damit auf insgesamt zwölf Millionen Erwerbstätige.

Stabilität der Finanzierung

Ähnlich wie in der Gesamtwirtschaft war auch in der Gesundheitswirtschaft der Preisanstieg in den vergangenen zehn Jahren mit jährlich im Schnitt 2,3 Prozent moderat: Das bedeutet, dass die Bruttowertschöpfung der Gesundheitswirtschaft seit 2010 um real 43 Milliarden Euro oder jährlich um 1,8 Prozent gestiegen ist.

Eine Besonderheit der Gesundheitswirtschaft ist der hohe Anteil kollektiv finanzierter Gesundheitsleistungen.

  • Im Kernbereich der Gesundheitswirtschaft – hier werden Leistungen im Wert von 372 Milliarden Euro verbraucht – werden 86 Prozent kollektiv, also über die Krankenversicherungen und den Staat finanziert, nur 14 Prozent oder 53 Milliarden Euro sind individuell finanzierte Gesundheitsleistungen. Beim Kernbereich der Gesundheitswirtschaft handelt es sich um die Dienstleistungen der Krankenhäuser, Ärzte, Zahnärzte sowie der gesamten Pflege und der nichtärztlichen Heilberufe sowie Arzneimittel- und Medizinprodukte. Die Art der Finanzierung hat nur moderaten Einfluss auf das längerfristige Wachstum dieses Sektors: Kollektiv finanzierte Leistungen weisen eine jährliche Wachstumsrate von 3,7 Prozent, individuell finanzierte eine Rate von 3,2 Prozent auf.

Hohes Wachstum bei Wellness und Tourismusdienstleistungen

  • Das ist anders im erweiterten Bereich der Gesundheitswirtschaft: Waren zur eigenständigen Gesundheitsversorgung (zum Beispiel Gesundheitspflegemittel), Sport-, Wellness und Tourismusdienstleistungen, Investitionen und E-Health. In diesem Sektor mit einem Ausgabenvolumen von 120 Milliarden Euro werden nur 21,4 Prozent kollektiv finanziert. Dabei wachsen die Ausgaben für privat finanzierte Güter und Dienstleistungen mit jährlich 6,8 Prozent etwa dreimal so stark wie die kollektiv finanzierten.
  • Dies führt insgesamt dazu, dass die Bruttowertschöpfung im Erweiterten Bereich der Gesundheitswirtschaft mit jährlich 5,0 Prozent deutlich stärker wächst als der Kernbereich mit 3,8 Prozent. Es ist ein starkes Indiz dafür, dass Gesundheit ein superiores Gut ist, in das die Bürger vor allem dann mehr investieren, wenn ihre Einkommen über einen längeren Zeitraum kontinuierlich steigen, was in den vergangenen zehn Jahren für viele der Fall gewesen ist. Vice versa kann dies bedeuten, dass vor allem der Bereich der erweiterten Gesundheitswirtschaft als Folge der COVID-19-Pandemie besonders stark und in Teilen auch anhaltend von einer Rezession betroffen sein wird.

Das kann für einige Bundesländer, die sich beispielsweise wie Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein auf die Förderung von gesundheitsbezogenem Tourismus auch im Rahmen ihrer Wirtschaftspolitik fokussiert haben, zu Problemen führen.

In diesen Ländern erreicht die Wertschöpfung der Gesundheitswirtschaft Anteile von 14,6 und 15,2 Prozent; im Bundesdurchschnitt sind es zwölf Prozent.

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