Heiße Diskussion in Sachsen

Statt kleiner Kliniken besser Gesundheitszentren?

Können ambulante Gesundheitszentren mit Übernachtungsmöglichkeiten bis zu fünf Tagen kleine Kliniken ersetzen? In Sachsen wird über solche Zentren diskutiert und gestritten.

Von Sven Eichstädt Veröffentlicht: 01.07.2019, 17:48 Uhr
Statt kleiner Kliniken besser Gesundheitszentren?

Diskussion um Gesundheitszentren: Andrea Keßler, Dominik Graf von Stillfried, Cathleen Bochmann, Susanne Ozegowski, Simone Hartmann und Klaus Heckemann (von links) beim Gesundheitsforum Sachsen-Thüringen.

© (c) Sven Eichstädt

RADEBEUL. Gesundheitszentren, die kleinere Krankenhäuser ersetzen sollen, sind in Sachsen heftig umstritten. Dies wurde beim Gesundheitsforum Sachsen-Thüringen in Radebeul deutlich. Damit sind Zentren gemeint, die der erweiterten ambulanten Versorgung dienen und für Aufenthalte bis höchstens fünf Tage gedacht sein sollen.

Sachsens KV-Chef Dr. Klaus Heckemann schätzte, dass er es „nicht mehr erleben werde, dass solche Zentren in Sachsen“ entstünden. Simone Hartmann, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse in Sachsen, fand hingegen, solche Zentren seien „für ländliche Regionen eine sinnvolle Alternative“. Sie ergänzte, „bevor den Krankenhäusern die Patienten weglaufen, sollte man die Zentren versuchen“. Sie sprach von drei möglichen Standorten in Sachsen.

Zuvor hatte Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des ZI (Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung) seine Vorstellungen von intersektoralen Gesundheitszentren erläutert. Sie sollen für konservative Leistungen dienen und Krankenhausaufenthalte ersetzen.

Denn von Stillfried strebt an, dass es in Deutschland deutlich weniger Kliniken als bisher geben soll und dafür mehr solcher Gesundheitszentren. Dafür verwies er auf Dänemark, das im Jahr 2000 noch 56 Akutkrankenhäuser vorgehalten habe, jetzt über 26 Kliniken verfüge und für die Zukunft nur noch 21 Kliniken anstrebe.

Es braucht neue Standorte

Als Schwierigkeiten machte er aus, dass für solche Zentren in der Regel bisherige Räumlichkeiten nicht nutzbar und deshalb neue Standorte und Investitionen nötig seien – sowie ein „expliziter gesetzgeberischer Auftrag“. Für die Investitionen sollten Strukturfonds der KVen verwandt werden.

Außerdem verlangte er, dass die Zentren für mindestens zehn Jahre keiner Bedarfsplanung unterliegen sollten und die Vergütung der ärztlichen Leistungen auf dem gleichen Niveau wie in den Krankenhäusern liegen solle.

Dr. Cathleen Bochmann, Politikwissenschaftlerin an der Technischen Universität Dresden, fand es äußerst wichtig, dass die „Bevölkerung schon in der Planungsphase eingebunden“ werde, wenn solche Zentren entstünden. „Marketing reicht da nicht aus“, so Bochmann.

Zuvor hatte Bochmann ausgeführt, dass „das politische System auf den Wunsch der Bevölkerung nach Beteiligung eingehen“ muss, um dem Drang zu populistischen Positionen und Parteien zu begegnen. Sie sprach von einem „starken gefühlten Frust“ gegenüber der CDU in Sachsen, „die gefühlt schon ewig regiert“.

Wird AfD stärkste Fraktion?

In der Tat regiert die CDU in Sachsen seit 1990 entweder allein oder mit der SPD oder FDP und stellt aktuell mit Michael Kretschmer den Ministerpräsidenten und mit Barbara Klepsch die Gesundheitsministerin.

Für die Landtagswahl im September sagen Umfragen allerdings der CDU nur noch einen zweiten Platz hinter der AfD voraus, die dann die stärkste Fraktion im Landtag stellen würde. Deshalb ist noch völlig unklar, welche Parteien nach der Wahl im Freistaat miteinander koalieren werden und auch, wer künftig für Gesundheitspolitik zuständig sein wird.

Bochmann stellte für Teile der Bevölkerung Sachsens eine subjektive Deprivation fest, die durch negative Transformationserfahrungen nach der Deutschen Einheit und Abstiegsängste geprägt sei. „Den Leuten muss es jetzt gar nicht schlecht gehen“, ergänzte die Politikwissenschaftlerin, „sie müssen nur fürchten, dass es ihnen künftig schlechter gehen könnte.“

Wenn es nach KV-Chef Heckemann ginge, müssten die Sachsen künftig mehr zuzahlen, wenn es ihnen gesundheitlich schlecht geht. Er bemängelte, dass die Psychotherapie ohne Zuzahlung möglich sei, das gebe es nur in Deutschland.

Andere Länder mit Zuzahlungen

Er berichtete von Schweden, das er kurz zuvor besucht hatte und wo 25 Euro für jeden Besuch beim Hausarzt und 40 Euro für jeden Facharzttermin fällig würden. „Der freie und ungezügelte Zugang zum Gesundheitssystem in Deutschland ist das Problem“, befand der Dresdner Allgemeinmediziner und nannte auch die Ursache, die er dafür ausgemacht hatte: Politiker scheuten unpopuläre Lösungen, weil sie Angst hätten, wiedergewählt zu werden.

Er plädierte dafür, dass der Bundestag nur noch alle fünf Jahre und zeitgleich mit allen Landtagen und Bürgerschaften gewählt werden solle, um Landtagswahlkämpfe zwischen den Bundestagswahlen zu vermeiden. Politikwissenschaftlerin Bochmann beschied diesem Vorhaben Heckemanns jedoch wenig Erfolgsaussichten und stufte es als unrealistisch und unpraktikabel ein.

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
So hoch ist die Diabetes-Prävalenz in der Welt

Vergleich

So hoch ist die Diabetes-Prävalenz in der Welt

TI-Anschluss mit gefährlichem Datenfluss

Praxis-EDV

TI-Anschluss mit gefährlichem Datenfluss

Planlos gegen Diabetes

Prävention

Planlos gegen Diabetes

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen