Klinikum Delmenhorst

Streit um Leichenschau-Projekt

Nach den aufgedeckten Morden des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. führte das Klinikum Delmenhorst eine "qualifizierte Leichenschau" ein. Doch das Vorzeigeprojekt wurde vorerst eingestellt - Zukunft ungewiss.

Christian BenekerVon Christian Beneker Veröffentlicht:
Toter in der Gerichtsmedizin: In Delmenhorst gibt es Ärger um ein innovatives Leichenschau-Projekt.

Toter in der Gerichtsmedizin: In Delmenhorst gibt es Ärger um ein innovatives Leichenschau-Projekt.

© Arteria Photography

DELMENHORST. Die neu eingeführte qualifizierte Leichenschau am Klinikum Delmenhorst scheitert derzeit am niedersächsischen Bestattungsgesetz. Nach 106 qualifizierten Leichenschauen wurde das Projekt schon im Oktober vergangenen Jahres eingestellt. Das bestätigt die Sprecherin des Klinikums, Mandy Lange, auf Anfrage der "Ärzte Zeitung". Nun soll das Bestattungsgesetz geändert werden.

In Delmenhorst wurde jeder gestorbene Patient des Klinikums von einem Arzt des Hauses gesehen und dann von einem Gerichtsmediziner der Gerichtsmedizin Bremen. Diese doppelte Leichenschau machte Probleme.

Denn der erste Arzt stellte bereits den Totenschein aus. Sollte aber der Gerichtsmediziner in der zweiten Leichenschau in der Frage, ob ein natürlicher oder unnatürlicher Tod vorliegt, zu einem anderen Ergebnis kommen als sein Kollege, müsste er den Totenschein ändern. Und eben dies verbietet das niedersächsische Bestattungsgesetz.

Hinweise auf illegale Praxis

"Wir haben Hinweise auf die möglicherweise illegale Praxis von Ermittlungsbehörden in Oldenburg bekommen", sagt Lange. Darauf habe man die qualifizierte Leichenschau eingestellt, weil man nicht in einer Grauzone arbeiten wolle.

Tatsächlich stehe das Bestattungsgesetz Niedersachsens vor einer Novellierung, sagt Heinke Traeger, Sprecherin der niedersächsischen Gesundheits- und Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD). Man stehe damit noch in den Anfängen. Allerdings könne nicht im ganzen Land die Delmenhorster Praxis angewandt werden, da es zu wenige entsprechen qualifizierte Ärzte gebe.

Die Landesregierung plant deshalb nur in bestimmten Fällen eine qualifizierte Leichenschau. Die mit der Schau betrauten Ärzte sollen in Zukunft Staatsanwaltschaft oder Polizei dann benachrichtigen, wenn zum Beispiel eine Person unbekannt oder nicht sicher zu identifizieren ist, bei fortgeschrittenen Leichenveränderungen, bei auffälligem Leichenfundort oder dessen Umgebung oder bei einem Tod aufgrund von Komplikationen im Zusammenhang mit medizinischen Behandlungen, erklärt Traeger: "Die Ärzte, die die Leichenschau machen, werden so davon befreit, aufgrund konkreter Befunde an der Leiche entscheiden zu müssen, ob sie Polizei oder Staatsanwaltschaft benachrichtigen müssen."

Zudem soll im Zweifel auch ohne Einwilligung seziert werden können, wenn ein medizinisches Interesse an der Überprüfung oder weiteren Aufklärung der Todesursache bestehe.

Dies gelte auch, wenn "die Sektion aus ärztlicher Sicht als so dringend zur Qualitätssicherung der medizinischen Versorgung oder zur Beweissicherung anzusehen ist, dass das Interesse an ihrer Durchführung die fehlende Zustimmung der Betroffenen überwiegt", hieß es.

Mit dieser Sektion sollen Rechtsmediziner der Medizinischen Hochschule Hannover betraut werden. Um die Situation in Delmenhorst im Rahmen der gütigen Gesetze zu verbessern, könne man einen Rechtsmediziner als diensthabenden Arzt die Leichenschau durchführen lassen, meint Traeger.

Niels H. brachte Stein ins Rollen

Mandy Lange vom Delmenhorster Klinikum indessen kündigt an: "Wir wollen das Projekt fortführen - und wir sind nicht auf die Gerichtsmedizin Bremen festgelegt."

Die qualifizierte Leichenschau wurde nach den aufgedeckten Morden des ehemaligen Krankenpflegers Niels H. im August 2015 eingeführt, und zwar im Klinikum und im St. Josef Stift. Niels H. wurde Anfang 2015 wegen Mordes an Patienten der Intensivstation des Klinikums zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Taten waren jahrelang nicht aufgefallen.

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