Berufspolitik

Studie deckt die Rolle von Ärzten als Stasi-Spitzel auf

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Aktenflut: Auch Mediziner lieferten der Staatssicherheit Informationen über Kollegen und Patienten.

Aktenflut: Auch Mediziner lieferten der Staatssicherheit Informationen über Kollegen und Patienten.

© Foto: dpa

BERLIN (ble). Sie galten als überdurchschnittlich systemkritisch und boten doch ein großes Reservoir für das Ministerium für Staatssicherheit: Mediziner standen in der DDR unter besonderer Beobachtung - einige boten sich als willfährige Gehilfen der Stasi an.

Etwa drei bis fünf Prozent aller Ärzte in der DDR haben Forschern zufolge mit der Stasi zusammengearbeitet. Mit einer aktuellen Studie bringt die Wissenschaftlerin Francesca Weil jetzt Licht ins Dunkel der Tätigkeit von Ärzten als "inoffizielle Mitarbeiter" (IM). In ihrem Buch "Zielgruppe Ärzteschaft" analysierte Weil über dreieinhalb Jahre die Stasi-Akten von 493 "IM-Ärzten".

Die Stasi habe vor allem Interesse an Informationen über die Ärzteschaft gehabt, sagte Weil. So hätten 89 Prozent der Spitzel überwiegend oder ausschließlich über Kollegen berichtet. 28 Prozent hätten indes auch über Patienten berichtet. Die Motive der Ärzte waren Weil zufolge dabei höchst unterschiedlich. So habe es einen Kern an politisch überzeugten Ärzten gegeben, andere hätten um der Karriere willen spioniert.

Zudem lockte die Stasi mit Geld, dem "West-Auto oder der Jagdwaffe", berichtet Weil. So habe ein inzwischen Gestorbener in seiner 18-jährigen Tätigkeit als IM 28 000 Ostmark erhalten. Darüber hinaus habe es auch Ärzte gegeben, die aus Angst vor negativen Folgen zu einer Mitarbeit bereit gewesen seien.

Weil zufolge war diese Sorge jedoch unbegründet. So hat sie keine Anhaltspunkte dafür, dass Ärzte bei einer Verweigerung der Zusammenarbeit oder dem Ausstieg als IM mit Konsequenzen zu rechnen hatten. Allerdings warnte die Wissenschaftlerin davor, hieraus aus der heutigen Perspektive vorschnell ein Urteil zu fällen. "Das konnte man damals nicht wissen", sagte sie.

Von den insgesamt 493 Ärzten haben sich der Wissenschaftlerin zufolge 132 irgendwann der Mitarbeit entzogen. 66 von ihnen hätten dies dem Führungsoffizier auch direkt mitgeteilt. Weil betonte, dass auf eine Anwerbung eines Arztes durch die Stasi drei Absagen gekommen seien.

Sie warnte zudem vor einer pauschalen Verurteilung von IM-Ärzten. So hätten zwei Ärzte in der Haft eine Verpflichtungserklärung unterschrieben, aber nie berichtet. Es komme daher auf die tatsächliche Spitzeltätigkeit und ihre Folgen an, so Weil, die in ihrem Werk keine Klarnamen nennt.

Der Präsident der Bundesärztekammer Professor Jörg-Dietrich Hoppe sieht in der wissenschaftlichen Veröffentlichung eine Chance für Stasi-Ärzte, "ihr Gewissen zu überprüfen" und sich auch den Opfern zu offenbaren: "Das ist ein Appell. Mehr kann es nicht sein."

Die Studie "Zielgruppe Ärzteschaft" von Francesca Weil erscheint bei V&Runipress: ISBN-Nummer: 978-3-89971-423-4

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