Versorgungsbarometer

Verdi-Umfrage: Pflegekräfte fürchten Kollaps in der Versorgung

Fehlendes Personal, kaum noch Zeit für Betreuung und Gespräch: Viele Kranken- und Altenpfleger sehen die Versorgung laut einer Verdi-Umfrage am Limit. Hart angegangen wird Gesundheitsminister Jens Spahn. Der verteidigt sich.

Von Thomas HommelThomas Hommel Veröffentlicht:
Eine als Krankenschwester-Zombie verkleidete Demonstrantin steht vor dem Düsseldorfer Landtag. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz Beschäftigte der Pflege, Psychiatrien, Krankenhäuser und Service-Betriebe zum Protest aufgerufen.

Eine als Krankenschwester-Zombie verkleidete Demonstrantin steht vor dem Düsseldorfer Landtag. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hatte anlässlich der Gesundheitsministerkonferenz Beschäftigte der Pflege, Psychiatrien, Krankenhäuser und Service-Betriebe zum Protest aufgerufen.

© Rolf Vennenbernd/dpa

Berlin. Deutschlands Gesundheitsbeschäftigte gehen auf dem Zahnfleisch. Als belastend empfindet das Gros vor allem die Personalausstattung in Krankenhäusern und Altenheimen, wie aus einer am Mittwoch vorgestellten Umfrage der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hervorgeht.

Für ihr Versorgungsbarometer befragte die Gewerkschaft knapp 12.000 Beschäftigte in der Altenpflege sowie aus somatischen und psychiatrischen Krankenhäusern. Mitarbeiter aus teils ausgegliederten Servicebereichen wie Reinigungs- und Wäschereikräfte beteiligten sich ebenfalls.

Notwendige Prophylaxen in Gefahr

Knapp drei Viertel der Alten- und Krankenpfleger geben demnach an, die aktuelle Personalausstattung in ihrer Einrichtung sei zu „knapp“ bemessen oder falle „viel zu gering“ aus. Ein Viertel der Beschäftigten sagt zudem, dass sie aufgrund der angespannten Personalsituation nur eingeschränkt oder gar nicht genügend Zeit für notwendige Prophylaxen etwa in der Wundversorgung haben.

Gut ein Viertel der befragten Pflegebeschäftigten gibt an, dass sie auf Wünsche und Bedarfe von Patienten und Bewohnern nur eingeschränkt oder gar nicht mehr eingehen könnten, weil es an Zeit dafür mangele.

Die Ergebnisse zeigten deutlich, wie hoch der Druck auf die Arbeitsbedingungen und damit auch auf die Versorgungsqualität in Kliniken wie Pflegeeinrichtungen sei, kommentierten mehrere Verdi-Vertreter die Zahlen. Es fehle an verbindlichen Personalvorgaben, einer fairen Bezahlung und einer bedarfsgerechten Finanzierung.

Bundesweite Protestaktionen

Das „Versorgungsbarometer“ wurde anlässlich der an diesem Mittwoch stattfindenden Gesundheitsministerkonferenz (GMK) von Bund und Ländern vorgestellt. In mehreren deutschen Städten sind Gesundheitsbeschäftigte zu Protestaktionen für bessere Arbeitsbedingungen aufgerufen.

Beschäftigte in Kliniken und Heimen seien „überhaupt nicht einverstanden“ mit der Politik von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), sagte Sylvia Bühler, Mitglied im Verdi-Bundesvorstand, bei einer Veranstaltung der Gewerkschaft in München. „Alles, was er versprochen hat – dass Entlastung ankommt, dass Altenpflege besser bezahlt wird und unsere Jugend bessere Ausbildungsbedingungen bekommt – das alles ist nicht umgesetzt.“

Spahn: So viel passiert wie in 20 Jahren nicht

Gesundheitsminister Spahn erwiderte, in den vergangenen drei Jahren sei in der Pflege so viel passiert, „wie vorher in 20 Jahren nicht“. Die Koalition habe die Pflegeausbildung modernisiert, das Schulgeld für Auszubildende abgeschafft und für eine regelhafte Vergütung gesorgt.

Die Zahl der Ausbildungsplätze in der Pflege sei gestiegen. In der Altenpflege habe man einen neuen Personalmix aus Fachkräften und Pflegeassistenzstellen auf den Weg gebracht. Zusätzliche Stellen würden von den Kassen refinanziert – auch in Krankenhäusern. Die Stellen seien noch nicht alle besetzt, „aber sie sind da“.

Zudem habe man die Pflege aus dem Fallpauschalensystem und damit aus dem „Kostendruck“ in den Krankenhäusern genommen. Eingeführt habe man dort „zum ersten Mal“ Pflegepersonaluntergrenzen. Diese führten dazu, dass Kliniken nicht mehr Patienten im Regelbetrieb behandeln könnten, als Pflegefachkräfte zur Verfügung stünden. In der Altenpflege sorge man zudem für eine bundesweite Bezahlung nach Tarif. Das Problem von Verdi sei, dass es der Gewerkschaft nicht gelinge, in der Altenpflege Mitglieder zu rekrutieren.

Holetschek fordert „Revolution in der Pflege“

„Wir brauchen jetzt eine Revolution in der Pflege“ – die Pandemie biete eine Chance dazu, sagte Bayerns Gesundheitsminister und GMK-Vorsitzender Klaus Holetschek. Erste Schritte seien gemacht. Mit Dank allein sei der Pflege nicht geholfen.

Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Dr. Gerald Gaß, kritisierte, Personaluntergrenzen seien kein Maßstab für gute und angemessene Pflege. Es handele sich dabei um ein sehr kleinteiliges und realitätsfernes Instrument. Die Führungskräfte vor Ort könnten besser abschätzen, was der konkrete Personalbedarf sei, betonte Gaß. Mit Verdi und dem Pflegerat habe die Kliniklobby ein alternatives Instrument – die PPR 2.0 – auf den Tisch gelegt, erinnerte Gaß.

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