Deutscher Herzbericht

Viele Herztode könnten verhindert werden

Herzspezialisten mahnen im Deutschen Herzbericht 2018 gezielte Präventionsstrategien an und kritisieren falsche politische Prioritätensetzungen.

Von Helmut Laschet Veröffentlicht: 18.02.2019, 06:10 Uhr
Viele Herztode könnten verhindert werden

Im aktuellen Herzbericht benennen Kardiologen auch Möglichkeiten der frühen Prävention von Herzerkrankungen.

© s_l / stock.adobe.com

Die in Deutschland üblichen Präventionsmaßnahmen bleiben auch nach Inkrafttreten des Präventionsgesetzes weit unter ihren Möglichkeiten, sind unterdimensioniert und zu wenig auf Problemgruppen fokussiert. Dies kritisieren kardiologische Fachgesellschaften und die Herzstiftung im jüngst vorgelegten Deutschen Herzbericht 2018.

Dabei hat sich der Gesundheitszustand von KHK-Patienten zwischen 2012/13 und 2016/17 verschlechtert, wie aus den EUROASPIRE IV und V-Surveys hervorgeht. Dabei sind 4793 Patienten aus 21 europäischen Ländern eingeschlossen.

Die Ergebnisse: Der Anteil der Raucher hat sich von 16 auf 19 Prozent erhöht, der Anteil der Patienten, die keinen Sport treiben, von 56 auf 66 Prozent, der Anteil der Adipösen von 58 auf 62 Prozent. Der Anteil der Patienten mit einem LDL-Cholesterin von unter 70 mg/dl ist von 82 auf 71 Prozent gesunken.

Beispiel Stickoxidbelastung

Diese Risikofaktoren gelten als entscheidend für den vorzeitigen Tod von jährlich etwa 20 Millionen Menschen aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen; das entspricht 374 Millionen verlorenen Lebensjahren, die durch konsequente, gezielte und hinreichend dimensionierte Präventionspolitik gerettet werden könnten.

Stattdessen werde politisch falsch priorisiert, kritisieren die kardiologischen Fachgesellschaften, beispielsweise auch in der Debatte um den Stellenwert der Stickoxidbelastung durch den Straßenverkehr. Die weltweite Einführung strengerer Abgasstandards würde bis 2040 etwa 174.000 vorzeitige Todesfälle vermeiden.

Dagegen könnten die von den Vereinten Nationen 2011 gesetzten Ziele zur Senkung des Blutdrucks, des Tabakkonsums, der Salzaufnahme sowie mehr körperlicher Aktivität und die Verhinderung eines weiteren Anstiegs von Adipositas und Diabetes einen vielfach höheren Effekt haben.

Die konsequente Umsetzung dieser Ziele könnte 2025 zwischen fünf und acht Millionen Todesfälle weltweit verhindern. „Trotzdem fließen Milliarden Euro in ein gesundheitspolitisches Randproblem“, wird im Herzbericht kritisiert.

Wertvolle sozioökonomische Daten

Der Bericht zeigt konkret auf, was getan werden könnte. Daten für eine stratifizierte Präventionspolitik lassen sich beispielsweise aus dem Bremer STEMI-Register ableiten, in dem seit 2006 über 9000 Patienten mit mehr als 40 Parametern in einem Langzeit-Follow-up erfasst sind. Aus den Postleitzahlbezirken lassen sich sozioökonomische Daten ableiten, aus dem ein Benachteiligungsindex ermittelt werden kann.

Patienten aus Stadtregionen mit niedrigen sozialökonomischen Status waren überdurchschnittlich adipös (Odds-Ratio 1,6) und Raucher (Odds-Ratio 1,7). Ihr Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, war um das 1,56-fache erhöht. Noch größer war der Unterschied bei Patienten unter 50 Jahren. Dabei war die kardiologische Primärtherapie bei allen Patienten gleich.

In der randomisierten IPP-Studie (Intensive Prevention Program after Myocardial Infarction in Northwest Germany) wurde ein intensives modernes Präventionsprogramm, das von nichtärztlichen geschulten Präventionsassistenten koordiniert wurde, über einen Zeitraum von zwölf Monaten mit der Standardversorgung einschließlich Disease Management Programmen untersucht. Inhalt des IPP: engmaschige Fortbildung, Telefonvisiten, klinische und telemetrische Kontrolle der Risikofaktoren nach einem akuten Myokardinfarkt.

Untersucht wurden sechs kardiovaskuläre Risikofaktoren: Rauchen, LDL-Cholesterin, körperliche Aktivität, arterieller Blutdruck, Body-Mass-Index und HbA1c. Alle Parameter waren in der IPP-Gruppe besser als in der Standardversorgung, auch die Lebensqualität wurde von den Betroffenen besser eingeschätzt.

In einer Subanalyse, in der die Studienteilnehmer nach ihrem Schulabschluss klassifiziert wurden, zeigte sich, dass die Patienten mit Hauptschulabschluss zu Beginn der Studie mehr Risikofaktoren hatten als Patienten mit Abitur. Aber gerade die Hauptschulabgänger profitierten in weitaus stärkerem Maße als die Abiturienten von der Teilnahme an der IPP-Studie.

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie arbeitet derzeit an neuen präventionsmedizinischen Fortbildungskursen für Ärzte und Nichtärzte, um diese Erkenntnisse verstärkt in die Praxis umzusetzen.

Die Deutsche Herzstiftung gibt zusammen mit den ärztlichen Fachgesellschaften für Kardiologie, Herzchirurgie und Kinderkardiologie alljährlich den Herzbericht heraus.

Der Bericht im Netz: www.herzstiftung.de/ herzbericht

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