Großbritannien

Von der Pandemie zur Pindemie

Über die britische Corona-Tracing App wurden allein in der vergangenen Woche 500.000 Menschen aufgefordert, sich in häusliche Quarantäne zu begeben. Das hat Auswirkungen auf den britischen Gesundheitsdienst. Und die Tracing App dürfte mit dem Wegfall der Corona-Beschränkungen noch wesentlich häufiger „pingen“.

Von Arndt StrieglerArndt Striegler Veröffentlicht:
Die NHS-Helden sind schon wieder gefordert. Sind sie doppelt geimpft, müssen sie – wegen des Personalmangels im NHS – nicht mehr zwangsläufig in Quarantäne, wenn sie Kontakt zu einem mit SARS-CoV-2-Infizierten hatten. Für andere Berufsgruppen gilt das nicht.

Die NHS-Helden sind schon wieder gefordert. Sind sie doppelt geimpft, müssen sie – wegen des Personalmangels im NHS – nicht mehr zwangsläufig in Quarantäne, wenn sie Kontakt zu einem mit SARS-CoV-2-Infizierten hatten. Für andere Berufsgruppen gilt das nicht.

© Ben Birchall / PA Wire / dpa

London. Doppelt geimpfte Ärzte, Krankenpflegepersonal und andere von der Regierung als „sehr wichtig für das Gesundheitswesen“ klassifizierte Beschäftigte des staatlichen britischen Gesundheitsdienstes (National Health Service, NHS) müssen nicht länger zwangsläufg in häusliche Quarantäne, obwohl sie mit COVID-19-Infizierten in engem Kontakt standen. Das sorgt im Königreich für heftige gesundheitspolitische Kontroversen.

Wie die Londoner Regierung am Montag auf Anfrage der „Ärzte Zeitung“ bestätigte, entfalle für doppelt geimpfte Ärzte und andere NHS-Beschäftigte ab sofort der Zwang, automatisch in häusliche Quarantäne zu gehen, auch wenn sie über die NHS-Tracing App „Test and Trace“ informiert (gepinged) wurden.

Reagiert die Tracing App zu schnell?

Die staatliche COVID-Tracing App war jüngst immer wieder heftig kritisiert worden, weil sie angeblich „zu schnell und leichtfertig“ Warnungen an die Bürger verschicke. Allein in der vergangenen Woche wurden laut offiziellen Angaben landesweit mehr als 500.000 Bürger via App aufgefordert, sich in häusliche Quarantäne zu begeben, nachdem sie mit einem Infizierten Kontakt hatten.

Die britischen Medien sprechen inzwischen von einer regelrechten „Pindemie“, abgeleitet aus der Tatsache, dass die App einen Ping-Ton abgibt, sobald ein positiver Kontakt bestätigt ist. Die hohe Zahl der Quarantäne-Aufforderungen hat in Kliniken, Arztpraxen und anderen Gesundheitseinrichtungen zu einem teils dramatischen Personalmangel geführt.

Das behindert eine reibungslose Patientenversorgung und es kommt zu einer Zeit, in der im Königreich rund fünf Millionen Patienten auf eine Operation oder auf eine fachärztliche Behandlung warten.

Keine Sonderregelungen für andere Berufsgruppe

Zwar gibt es Einschränkungen für von der App angeschriebene Ärzte und Pfleger. So muss ein Arzt zum Beispiel bevor er oder sie zum Dienst erscheint zunächst ein negatives PCR-Testergebnis vorlegen. Außerdem muss täglich ein Schnelltest gemacht werden. Für medizinisches Pflegepersonal gibt es ähnlich strenge Regeln. Aber diese Neuerungen sind umstritten.

Andere Berufsgruppen sind nämlich nach wie vor nicht von der häuslichen Quarantänepflicht ausgenommen. Das wird von Branchen wie der Gastronomie und dem Einzelhandel, wo es ebenfalls krankheitsbedingte Personalengpässe gibt, als ungerecht empfunden.

Und die „Pindemie“ könnte noch erheblich größere Ausmaße annehmen. Denn trotz drastisch steigender Corona-Fallzahlen haben die Menschen in England seit Montag wieder deutlich mehr Freiheiten. Tausende Feierwütige begrüßten den sogenannten „Freedom Day“ laut Berichten britischer Medien bereits in der Nacht in den Clubs des Landes, die nach mehr als einem Jahr wieder öffnen durften.

Die Regierung hat fast alle verpflichtenden Corona-Maßnahmen aufgehoben und appelliert an die Eigenverantwortung der Menschen. Abstand halten und Maske tragen sind in vielen Bereichen fortan Privatsache.

Johnson setzt auf Eigenverantwortung

Premierminister Boris Johnson, setzt voll auf die Erfolge der weit fortgeschrittenen Impfkampagne und die Eigenverantwortung der Menschen. Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich eine erste Impfung erhalten. Knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft.

Doch Experten warnen, dass die Situation trotz der hohen Impfquote außer Kontrolle geraten könnte. Bereits jetzt werden täglich zum Teil mehr als 50.000 Fälle registriert – beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Doch Experten zweifeln daran, ob der Schutz durch die Impfungen ausreichen wird, um einer großen Infektionswelle standzuhalten. Dem Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College in London zufolge ist es „beinahe unausweichlich“, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 100.000 bald überschreitet.

„Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr“, sagte Ferguson der BBC am Sonntag. Im schlimmsten Fall, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2000 oder 3000 täglich erreiche, müssten Maßnahmen ergriffen werden, um die Pandemie wieder in den Griff zu kriegen, warnte er.

Lockerungen gelten nur für England

Das will Johnson eigentlich unbedingt verhindern. Er hatte den Weg seines Landes aus dem Lockdown stets als „vorsichtig aber unumkehrbar“ beschrieben. „Bitte, bitte, seien Sie vorsichtig“, flehte er die Briten an. Ob er damit noch überzeugen kann, scheint fraglich. Er selbst verbringt den „Freedom Day“ in Quarantäne, nachdem er als enger Kontakt des positiv auf Corona getesteten Gesundheitsminister Sajid Javid identifiziert wurde.

Die Politiker sorgten für Empörung, als sie kurzzeitig erwogen, sich um die Selbstisolation zu drücken und stattdessen an einem Pilotprojekt teilzunehmen, das vollständig Geimpften tägliche Tests statt Quarantäne ermöglichen soll.

Die Lockerungen gelten nur für den größten britischen Landesteil England, der keine eigene Regierung hat. Die Regionalregierungen von Wales, Schottland und Nordirland sind für ihre Gesundheitspolitik selbst verantwortlich. (mit dpa)

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