Einsicht und Freiwilligkeit?

Warum der Kampf gegen Volkskrankheiten dahinsiecht

Die große Koalition hat sich den Kampf gegen Volkskrankheiten auf die Fahnen geschrieben. Doch der Einfluss des Staates wird hoffnungslos überschätzt. Denn ein krankmachender Lebensstil bleibt für den Einzelnen ohne finanzielle Folgen.

Von von Jürgen Bausch Veröffentlicht:

Unisono haben die Repräsentanten der Diabetesfachgesellschaften und Patientenverbände eine Passage im Koalitionspapier als positives Signal verstanden: Jetzt bewegt sich die Politik auf höchster Ebene, eine Epidemie in Deutschland wirksam zu bekämpfen.

Denn so steht es geschrieben: "Wir wollen gezielt Volkskrankheiten wie Krebs, Demenz oder psychische Störungen bekämpfen. Dabei betonen wir die nationale Diabetesstrategie."

Kein Zweifel, niemand wird sich dagegen verwehren, wenn die seit einiger Zeit auf höchster politischer und fachlicher Ebene angedachte nationale Diabetes-Surveillance vorangetrieben wird und sich damit die Datenlage verbessert.

Dadurch wird allerdings keine einzige makro- und mikrovaskuläre Komplikation des Diabetes vermieden.

Und dadurch ändert sich nichts an der Tatsache, dass nur durch eine energische Änderung eines ungesunden Lebensstils von Millionen Menschen Typ-2- Diabetes verhindert oder zumindest der Zeitpunkt der Manifestation verschoben werden kann.

Forderungen von Fachleuten

Die vier gemeinsamen Forderungen der DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft), diabetesDE, der Deutschen Diabeteshilfe und der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) dürften in der politischen Wahrnehmung angesichts anderer dringenderer Probleme untergehen und in der Öffentlichkeit zerredet werden. Was wird gefordert?

»Täglich mindestens eine Stunde Bewegung in Kindergarten und Schule.

»Besteuerung adipogener Lebensmittel bei gleichzeitiger Entlastung gesunder Lebensmittel (Zucker-Fett-Steuer).

»Verbindliche Qualitätsstandards für Kindergarten- und Schulverpflegung.

»Verbot von an Kinder gerichteter Werbung für übergewichtsfördernde Lebensmittel.

Der vernünftige Umgang mit dem Paradies

Die Rolle, die Politik in diesem schwierigen Prozess spielen kann, wird hoffnungslos überschätzt.

»Politik kann erfolgreich das Rauchen in öffentlichen Einrichtungen verbieten und drastische Warnhinweise auf jeder Schachtel vorschreiben. Aber die Zahl der Hardcore-Raucher hat sich nicht wirklich vermindert. Die tabakassoziierte Mortalität bei Frauen nimmt sogar immer noch zu.

»Politik kann den Verkauf von Alkohol einschränken oder gar verbieten, aber nicht den Alkoholismus und seine Folgen.

»Und die Politik kann nicht ungestraft das paradiesische Lebensmittel- und süße Getränkeangebot zu sehr moderaten Preisen für alle Bürger verknappen oder durch Steuern fühlbar verteuern, nur weil ein kleinerer Teil der Bürger den vernünftigen Umgang mit dem Paradies nicht gelernt hat.

Wer heute krankhaft übergewichtig heranwächst oder seinen Lebensstil nicht dem Diabetes anpasst, kann sich im Falle von Komplikationen auf den modernen Medizinbetrieb mit all seinen Reparaturmöglichkeiten im Sachleistungssystem der GKV scheinbar kostenlos verlassen. Bis hin zur Adipositas-Chirurgie!

Es mehren sich die Auguren, die eine solche Großzügigkeit unseres Systems für kontraproduktiv halten. Nicht nur im Interesse der großen Mehrheit der Beitragszahler, sondern auch im Interesse der Betroffenen, für die gilt, was auch sonst in der Erwachsenenedukation längst bekannt ist: Das beste Erziehungsmittel ist der eigene Geldbeutel.

Denn nur durch eine radikale Umstellung eines krank machenden Lebensstils wird allmählich eine Besserung einsetzen können. Denn alle bisherigen Konzepte haben in den Risikogruppen keine Änderung durch wirkliche Betroffenheit bezüglich der Folgen bewirkt.

Den Fehler, den der Gesetzgeber mit der Tabaksteuer gemacht hat, darf man nicht wiederholen. Die fließt nicht der GKV zu, die die teure Behandlung der Krankheitsfolgen des Tabakkonsums auch mit Beiträgen der Nichtraucher trägt.

GKV kennt keine Beitragsaufschläge

Entschließt man sich zu Beitragsaufschlägen wegen eines krankmachenden Lebensstils, dann braucht man diese Mittel vor allem, um die notwendigen edukatorischen Hilfen zur Lebensstiländerung zur Verfügung zu stellen. Ein solcher Systemwechsel ist kein einfaches Unterfangen. Denn die GKV kennt keine Risikozuschläge. "Diskriminierung und Stigmatisierung" werden wichtige Gegenargumente sein.

Derartige Vorschläge sind nicht neu. Sie wurden vor allem deswegen nicht realisiert, weil sie Wählerstimmen kosten und zu einem Gesundheitsüberwachungsstaat führen können.

Selbstbeteiligung an den eigenen Krankheitskosten und Selbstverantwortung mit finanziellen Konsequenzen sind hierzulande verpönt. Es ist daher nicht zu erwarten, dass der "gezielte Kampf gegen Volkskrankheiten" auf diesem Weg eröffnet wird.

Und wir werden deswegen auch nicht erfahren, ob sich ein zutiefst menschliches, wenn auch langfristig ungesundes Verhalten, ändert, wenn die Betroffenen durch Risikozuschläge auf ihren Kassenbeitrag motiviert würden. Fühlbare Eigenbeteiligungen an Krankheitskosten gelten als unsozial und sind unpopulär – siehe die Praxisgebühr!

Alle zahlen die Zeche

Schon heute rechnen Gesundheitsökonomen mit einer Beitragssatzsteigerung nur durch krankhaftes Übergewicht samt Diabetes von mindestens einem Prozentpunkt im Laufe der nächsten zehn bis 15 Jahre, wenn es nicht gelingt, eine Trendumkehr zu bewerkstelligen.

Unentdeckt ist bislang ein gangbarer und erfolgreicher Weg zu einer nachhaltigen Lebensstiländerung, der zuverlässig, schmerzlos und ohne Verzicht funktioniert.

Es wird höchste Zeit, sich bewusst zu machen, dass Einsicht und Freiwilligkeit bei sehr vielen Menschen nicht ausreichen, einen gesunden Lebensstil einzuhalten.

Es gibt keinen Mangel an Hilfestellungen, aber es fehlt an wirksamen Rezepten, die breitere Bevölkerungskreise veranlassen könnten, ihren Lebensstil zu ändern. Staatlichen Zwang zur Verhaltensprävention will niemand, zumal das Grundgesetz dem entgegenstünde.

Und der in der Koalitionsvereinbarung ausgedrückte gute Wille zur Bekämpfung von Volkskrankheiten sieht nicht vor, die Eigenverantwortung der Bürger zu einem gesunden Lebensstil mit Hilfe finanzieller Anreize zu stärken.

Der Kinderarzt Dr. Jürgen Bausch ist Ehrenvorsitzender der KV Hessen und war viele Jahre als Arzneimittelexperte im Gemeinsamen Bundesausschuss tätig.

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