Leitartikel

Wenn psychisch Kranke an den Arbeitsplatz zurückkehren

Nimmt ein psychisch Kranker seinen Job wieder auf, sind Führungskräfte und Kollegen oftmals unsicher, wie sie mit ihm umgehen sollen. Doch oft gibt es keinen Grund für Berührungsängste, denn: Der Job kann auch gesund machen.

Von Sunna Gieseke Veröffentlicht: 14.01.2014, 12:26 Uhr
Wenn psychisch Kranke an den Arbeitsplatz zurückkehren

Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag ist nach psychischer Erkrankung gut möglich. Leichter klappt es oft nur in großen Betrieben.

© shootingankauf / Foltolia.com

Die Zahlen sind dramatisch: Studien zufolge erkrankt jeder dritte bis vierte Deutsche im Laufe seines Lebens an einer psychischen Störung.

Inzwischen sind psychische Erkrankungen sogar die Hauptursache für vorzeitige Verrentungen. Auch die Zahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund beispielsweise einer Depression oder Angststörung hat in den vergangenen Jahren immer weiter zugenommen - mit entsprechend hohen Kosten für die Volkswirtschaft.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin beziffert den Produktionsausfall auf jährlich vier Milliarden Euro.

Dennoch: Viele Unternehmen sind auf den Umgang mit Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, immer noch nicht eingestellt. Oft erleben psychisch Kranke Diskriminierung und Stigmatisierung in ihrem Beruf.

Das liegt auch an der Unsicherheit vieler Führungskräfte und Kollegen im Umgang mit der Erkrankung. Oft macht sich hier eher Ratslosigkeit breit: Was tun?

Unternehmen sollten mehr Mut beweisen!

Die Erkrankten möglichst schnell wieder in den Urlaub schicken, damit sie sich entspannen? Davon sei dringend abzuraten, warnen Experten. Schließlich reise die Erkrankung ja mit.

Darüber hinaus kann der Arbeitsplatz nicht nur krank, sondern auch gesund machen - dort werden die Betroffenen gefordert, gefördert, haben einen strukturierten Tag und soziale Kontakte, wichtige Bausteine, um psychisch gesund zu werden. Unternehmen sollten daher mehr Mut beweisen!

Die Wiedereingliederung - der Fachbegriff für die schrittweise Rückkehr an den Arbeitsplatz - sollte so früh wie möglich erfolgen. Andernfalls wird die Angst vor einer Rückkehr an den Arbeitsplatz möglicherweise für die Betroffenen zu einer unüberwindbaren Hürde.

Wichtig: Der Prozess, wenn der Betroffene seine Arbeit wieder aufnimmt, sollte engmaschig vom behandelnden Arzt oder Psychotherapeuten begleitet werden. Vor Ort sollten Ansprechpartner ernannt werden - hier könnte beispielsweise der Betriebsarzt eine wichtige Rolle übernehmen.

Führungskräfte müssen geschult werden

Experten sprechen hier oft von dem sogenannten "Hamburger Modell". Ein Beispielmodell mit dem die stufenweise Wiedereingliederung der Betroffenen möglich gemacht wird.

Das alleine ist aber nicht die einzige Lösung des Problems: Auch Führungskräfte müssen stärker um Umgang mit depressiven oder suchtkranken Menschen geschult werden.

Das "Aktionsbündnis Seelische Gesundheit" hat in Zusammenarbeit mit dem BKK-Dachverband und dem Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker hierzu bereits vor einigen Jahren einen Leitfaden herausgegeben - der Inhalt ist jedoch nach wie vor aktuell.

Diese Handlungshilfe beschreibt unter anderem, was Führungskräfte tun können, um Umfang und Ursachen psychischer Belastungen zu identifizieren.

Darin heißt es: "Psychische Belastungen und Ressourcen sind in hohem Maße abhängig von der Qualität der Führung. Nicht zuletzt sind Führungskräfte selbst Mitarbeiter, die durch ihre Rolle besonders gefordert und oft auch besonders belastet sind." Daraus leite sich der im Vergleich zu anderen Bereichen hohe Stellenwert der Führungsqualität ab.

Wichtig ist vor allem ein offenes Wort: Das Thema psychische Erkrankung darf in der Arbeitswelt nicht verschwiegen werden. Die Aufklärung über psychische Erkrankungen kann helfen, Vorurteile gegenüber erkrankten Mitarbeitern abzubauen.

Zum Beispiel könnte in Betrieben ein Arbeitskreis "psychische Erkrankung" eingerichtet werden, schlagen Experten vor. Gleichzeitig helfen auch niedrigschwellige Versorgungsangebote für die betroffenen Mitarbeiter.

Klingt gut, ist aber oft schwer umzusetzen

Allerdings: Das klingt in der Theorie gut, in der Praxis ist die Umsetzung schwierig. Größere Unternehmen bieten ihren Mitarbeitern zwar inzwischen ein engmaschiges Netz an, das sie im Falle einer psychischen Erkrankung auffängt.

Doch vor allem in kleineren Unternehmen verschweigen Betroffene nach wie vor lieber ihre Erkrankung, als sich möglicherweise Häme und Spott der Kollegen auszusetzen - schließlich fehlt in kleinen Betrieben oft die Anonymität.

Zudem haben psychische Erkrankungen in der Gesellschaft immer noch nicht denselben Stellenwert wie somatische Erkrankungen. Dieses Bild in den Köpfen der Menschen lässt sich auch nicht einfach umkehren.

Daher ist vor allem die Politik gefragt: Ein Präventionsgesetz ist noch für 2014 angekündigt. Hier müssen unbedingt auch die psychosozialen Risiken in der Arbeitswelt stärker berücksichtigt werden.

Denn: Inzwischen fühlt sich Experten zufolge immerhin ein Fünftel der Beschäftigten quantitativ in ihrem Beruf überfordert.

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Kommentare
Dr. Elisabeth Arnold

Depression und Erwerbstätigkeit


Dass Erwerbstätigkeit protektiv wirken kann, vermutet man seit längerer Zeit.Die Auswertungen der offiziellen Daten unserer Gesundheitsberichterstattung bestätigen dies.

Hier finden Sie die Quelle und den Link:

GBE kompakt 2/2013
12-Monats-Prävalenz für diagnostizierte Depression bzw. depressive Verstimmung nach Alter und Erwerbsstatus (Datenquelle GEDA 2009 und 2010).Quelle: ©Robert Koch-Institut

http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/Kompakt/Kompakt_node.html


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