Uniklinik enschuldigt sich

Bluttest auf Brustkrebs doch keine Revolution

Ein Bluttest auf Brustkrebs komme noch dieses Jahr auf den Markt, verkündete vor kurzem die Uniklinik Heidelberg – und ernte heftige Kritik aus der Fachwelt wegen mangelnder Evidenz. Nun rudert sie zurück.

Veröffentlicht: 22.03.2019, 12:38 Uhr
Bluttest auf Brustkrebs doch keine Revolution

Der Test soll Botenstoffe von Tumorzellen im Blut aufspüren können.

© psdesign1 / Fotolia

HEIDELBERG. Die Uniklinik Heidelberg zieht Konsequenzen aus einer umstrittenen PR-Kampagne für einen neuen Bluttest zur Brustkrebsfrüherkennung.

So sollten neue Regeln in Bezug auf „wirtschaftliche, wissenschaftliche, ethische und publizistische Fragen“ erstellt werden, die Firmenausgründungen der Universität künftig zu beachten hätten, sagte Kliniksprecherin Doris Rübsam-Brodkorb der Deutschen Presse-Agentur.

Das Unternehmen Heiscreen, ein Spin-off der Uniklinik, hatte im Februar einen neuen Brustkrebs-Bluttest vorgestellt. An der Firma sind Mitarbeiter des Krankenhauses finanziell beteiligt.

In einer Pressemitteilung, die auch das Logo der Uniklinik trug, war von „einem Meilenstein in der Brustkrebsdiagnostik“ die Rede. Die Markteinführung sei „noch in diesem Jahr geplant“.

Kritik von Ärzten

An dem Vorgehen gab es daraufhin deutliche Kritik von Fachgesellschaften, Medizinern und Statistikern. Unter anderem sind die Ergebnisse von Tests an Frauen laut Uniklinik bis heute nicht in einem Fachjournal publiziert – wie es sonst in der wissenschaftlichen Praxis üblich ist. Darüber hinaus wurde bemängelt, dass entscheidende Daten zum Nutzen des Tests fehlten.

So nannte Projektleiter Christof Sohn auf einer Pressekonferenz trotz Nachfrage nicht den Anteil der falsch positiven Ergebnisse bei dem Bluttest. Erst im Gespräch mit der „Rhein-Neckar-Zeitung“ bezifferte Sohn dann die Falsch-Positiv-Rate mit 30 Prozent.

Uniklinik entschuldigt sich

Das Diagnoseverfahren könne zwar Ende des Jahres im Routinelabor eingesetzt werden, sagte Rübsam-Brodkorb. Damit sei der Test, der in Blutproben Botenstoffe von Tumorzellen detektieren kann, aber noch nicht auf dem Markt. Erst müssten Vertriebswege und Kostenübernahme durch die Krankenkassen geklärt werden.

Die Uniklinik entschuldige sich bei Frauen, die sich womöglich falsche Hoffnungen auf eine rasche Nutzung des Tests gemacht hätten. Rübsam-Brodkorb: „Das bedauern wir sehr.“

Zudem distanzierte sich die Uniklinik von der PR-Strategie zum Bluttest. Die Medienbegleitung habe Heiscreen verantwortet, so Rübsam-Brodkorb. Allerdings veröffentlichte die Uniklinik die Mitteilung auf ihrer Webseite.

Sohn sagte der „Rhein-Neckar-Zeitung“, er sei mit vier Prozent an Heiscreen beteiligt, seine Uniklinik-Kollegin Sarah Schott mit über sieben Prozent. (dpa)

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: PR um Brustkrebs-Blutest: Das Image ist ramponiert

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Kommentare
Dr. Thomas Georg Schätzler

Unseriöser Medienumgang der Uniklinik Heidelberg mit Irreführung Betroffener!

Bereits am 22.02.2019 habe ich zu dieser kaum verifizierbaren, offensichtlich manipulierten PR-Meldung der Universität Heidelberg über einem angeblich zuverlässigen Bluttest auf Brustkrebs geschrieben:

"Unseriöse Pressemitteilung!
Diese Pressemitteilung ist unserös:

https://www.klinikum.uni-heidelberg.de/Pressemitteilungen.136514.0.html
"Aktuelle Ergebnisse zeigen bei den 500 Brustkrebspatientinnen insgesamt eine Sensitivität von 75 Prozent. Altersabhängige Unterschiede konnten gefunden werden. Hier zeigt sich bei den unter 50-jährigen eine Sensitivität von 86 Prozent bzw. bei den über 50-jährigen von 60 Prozent."

Denn systematisch wurden Spezifitätsangaben weggelassen:

Die Sensitivität eines diagnostischen Testverfahrens gibt an, bei welchem Prozentsatz erkrankter Patienten die jeweilige Krankheit durch die Anwendung des Tests tatsächlich erkannt wird, d. h. ein positives Testresultat auftritt.

Die Spezifität eines diagnostischen Testverfahrens gibt die Wahrscheinlichkeit an, dass tatsächlich Gesunde, die nicht an der betreffenden Erkrankung leiden, im Test auch als gesund erkannt werden.

Nach den vorliegenden lückenhaften Rohdaten wurden altersabhängig die Brustkrebs-Erkrankungen in 14 bis 40 Prozent nicht erkannt (im Durchschnitt in 25 Prozent). "

Trotzdem haben nahezu alle Print- und elektronischen Medien diese Schummelgeschichte begierig aufgenommen und zum Schaden der möglicherweise betroffenen Brustkrebs-Patientinnen kolportiert.

Wenn jetzt auch noch Projektleiter Christof Sohn im Gespräch mit der „Rhein-Neckar-Zeitung“ die Falsch-Positiv-Rate mit 30 Prozent beziffert, ist der PR-Skandal perfekt: Die Protagonisten sind auch noch an der Projekt-Firma finanziell beteiligt?

Was für eine wissenschaftliche Irreführung ("scientific misconduct")

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund


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