Schwarzes Gold

Das sprudelnde Geschäft mit Öl droht einzutrocknen

Der globale Ölverbrauch wird durch weltweite Klimaschutzmaßnahmen massiv sinken, weil Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe ersetzt werden. Das drückt die Aktienkurse von Ölkonzernen. Papiere von Anbietern erneuerbarer Energien sind nach Meinung von Experten die bessere Wahl.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
Mit Benzin aufgetankt: Noch sind viele Verbrennungsmotoren in der Automobilindustrie im Einsatz, doch das wird sich wohl ändern.

Mit Benzin aufgetankt: Noch sind viele Verbrennungsmotoren in der Automobilindustrie im Einsatz, doch das wird sich wohl ändern.

© Gregor G. / panthermedia.net

Neu-Isenburg. 70.000 Beschäftigte, 240 Milliarden Euro Jahresumsatz, 3,56 Milliarden Euro Gewinn nach Steuern in 2019: Unter den Ölkonzernen ist die britische BP einer der ganz Großen: Rund 13 Millionen Kunden zapfen täglich Benzin oder Diesel an einer der weltweit 18.700 Tankstellen des Giganten. Doch das bislang sprudelnde Geschäft mit dem schwarzen Gold droht einzutrocknen wie eine versiegende Förderbohrung.

In seinen diesjährigen Ausblick auf den künftigen Weltenergieverbrauch zieht BP ein Fazit, das Aktionären von Mineralölgesellschaften nicht gefallen kann. Danach soll die globale Nachfrage nach dem schwarzen Gold bis 2050 massiv fallen. In dem für die Branche besonders wichtigen Verkehrssektor könnte der Ölbedarf dabei sogar um bis zu 80 Prozent einbrechen.

Der wesentliche Grund dafür sind die von Regierungen weltweit unternommenen Anstrengungen zur Forcierung des Klimawandels: „Erneuerbare Energien werden in den nächsten 30 Jahren am schnellsten wachsen“, heißt es in dem Papier.

Einbruch bei Flugbenzin

Die Corona-Krise verschärft diesen Trend noch. Nach einer Analyse der Internationalen Energieagentur (IEA) ist allein durch die Reduktion im Luftverkehr seit März der weltweite Ölbedarf um täglich 22,3 Millionen Liter gesunken. Als Folge ist der Ölpreis seit Januar um 38 Prozent eingebrochen. „Die geringere Nachfrage nach Treibstoff ist der Hauptgrund für die Schwäche des Ölpreises“, schreiben Analysten der in Paris ansässigen Behörde der 16 größten Industrienationen.

Die Rolle des Öls als Schmierstoff der Wirtschaft schwindet durch Klimaschutzmaßnahmen.

Die Rolle des Öls als Schmierstoff der Wirtschaft schwindet durch Klimaschutzmaßnahmen.

© Thaut Images / stock.adobe.com

Ölkonzerne wie BP und die ebenfalls britische Royal Dutch Shell haben dieses Jahr bereits ihre Dividenden gekürzt. Der US-Gigant Chevron legte sein Aktienrückkaufprogramm auf Eis. Der französische Konzern Total stoppte geplante Investitionen von 4,6 Milliarden Euro. Die Aktienkurse der Gesellschaften sind im bisherigen Jahresverlauf zum Teil bereits um die Hälfte eingebrochen. Dennoch sehen Analysten bei vielen Werten noch kein Ende der Talfahrt.

Neil Metha, Analyst der US-Investmentbank Goldman Sachs, hat jüngst die Aktie von ExxonMobil mit Verkaufen eingestuft. Henry Tarr von der Hamburger Privatbank Berenberg hat das Kursziel von BP um 18,75 Prozent auf 260 Pence gesenkt.

„Es wird zum Nischenprodukt werden“

„Öl wird in wenigen Jahren vom zentralen Rohstoff zum Nischenprodukt werden“, sagt Uwe Zimmer, Geschäftsführer des Vermögensverwalters Fundamental Capital in Hennef. Wenn sich die Aktienkurse der Ölkonzerne mit einer weltweiten Wirtschaftserholung nach der Corona-Krise wieder zulegen, könnten Anleger gut beraten sein, sich von den Papieren zu trennen. Die Automobilindustrie wende sich weltweit von Verbrennungsmotoren ab und dem Elektroantrieb zu, sagt Zimmer.

Zudem verbieten immer mehr Länder Plastik-Wegwerfartikel, die alle aus Öl hergestellt werden. In Deutschland dürfen vom 3. Juli kommenden Jahres an keine Teller, Becher, Trinkhalme, Rührstäbchen und Besteck aus Kunststoff mehr verkauft werden. In anderen EU-Ländern tritt das Verbot bereits im März 2021 in Kraft.

Textilhersteller gehen zunehmend dazu über, aus Rohöl produzierte Fasern wie Polyester und Nylon durch natürliche Stoffe wie Wolle und Baumwolle oder aus Holz gewonnenes Modal zu ersetzen.

Ölkonzerne stellen sich neu auf

„Der bisherige Schmierstoff der Weltwirtschaft verliert seine Funktionen bei der Energiegewinnung, bei der Mobilität und bei der Herstellung von Kunststoffen“, sagt Zimmer. „Die Verdrängung des Öls hat eine solche Dynamik gewonnen, dass es sich möglicherweise nicht mal mehr um ein volles Jahrzehnt handelt, bis es seine führende Rolle verliert.“

Die meisten Mineralölkonzerne wollen sich deshalb langfristig neu aufstellen, Solar- und Windkraftanlagen errichten, um erneuerbare Energie anzubieten. Allerdings haben klassische Stromversorger wie die deutsche RWE, die italienische Enel und die spanische Endesa damit bereits vor Jahren begonnen.

Erneuerbare Energien im Blickfeld

Zimmer rät Anlegern, auf Aktien von „Anbietern Erneuerbarer Energien, deren Zulieferern sowie spezialisierten Software-Anbietern“ zu setzen. Adrian Roestel, Anlagestratege bei der Münchner Vermögensverwaltung Huber, Reuss & Kollegen empfiehlt Qualitätsaktien. Das sind Papiere von Unternehmen, die eine starke Marktposition haben, ihr Geschäft auch kontinuierlich ausbauen können und deren Umsatz und Ertrag nicht zyklischen Schwankungen unterliegen.

„Qualitätsunternehmen sind nicht schnell von temporären Ereignissen zu erschüttern“, sagt Roestel.„Und sie erholen sie sich deutlich leichter von Rückschlägen als Firmen geringerer Qualität.“

Als Qualitätswerte gelten beispielsweise der Internet-Händler Amazon und sein chinesisches Pendant Ali Baba, der Kreditkartenanbieter Mastercard oder der Softwarespezialist Microsoft. Auch Anbieter von Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs wie Nestlé, Procter & Gamble und Unilever fallen in diese Kategorie.

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