Enquete-Kommission

Der Arzt steht über der Künstlichen Intelligenz

Künstliche Intelligenz in der Gesundheitsversorgung ja, aber in Grenzen! So lautet der Tenor der KI-Enquete-Kommission des Bundestages. Sie plädiert für KI als „komplementäre Intelligenz“.

Von Matthias WallenfelsMatthias Wallenfels Veröffentlicht: 28.09.2020, 16:01 Uhr
Muster auf Basis des Maschinellen Lernens erkennen, ist eine Stärke, die Künstliche Intelligenz zum Beispiel bei der Diagnostik einbringen könnte.

Muster auf Basis des Maschinellen Lernens erkennen, ist eine Stärke, die Künstliche Intelligenz zum Beispiel bei der Diagnostik einbringen könnte.

© PhonlamaiPhoto / Getty Images / iStock

Berlin. Gerade im Gesundheitsbereich tragen viele Deutsche noch Bedenken bezüglich des Einsatzes Künstlicher Intelligenz (KI). Das verdeutlichte am Montag die Veranstaltung „Mit Künstlicher Intelligenz jetzt Zukunft gemeinsam gestalten!“ der Enquete-Kommission „Künstliche Intelligenz – Gesellschaftliche Verantwortung und wirtschaftliche, soziale und ökologische Potenziale“ des Bundestages, die in Berlin Ergebnisse der laufenden Arbeit des Gremiums sowie über die Online-Beteiligung der Öffentlichkeit berichtete.

Den Deutschen drückt der Schuh vor allem bei der Frage, bei wem das Primat in der medizinisch-pflegerischen Versorgung der Zukunft liegen soll – bei der KI oder beim Menschen (Ärzte/Pflegekräfte). Für Andrea Martin, Leiterin des IBM Watson Centers in München und eine der 19 externen Sachverständigen der Enquete-Kommission, liegt das Primat klar beim Menschen.

„Wir müssen KI in diesem Bereich als komplementäre Intelligenz verstehen. KI kann Ärzten und Pflegekräften wichtige wissenschaftliche Hinweise für ihre Entscheidungen geben. Letzten Endes trifft der Mensch aber die Entscheidung“, so Martins Plädoyer.

Sichere Intervention aus der Ferne

Für Enquete-Kommissionsmitglied und Deutschlands wohl prominentesten KI-Experten Professor Sami Haddadin, Gründungsdirektor der Munich School of Robotics and Machine Intelligence (MSRM) an der Technischen Universität München, zeigt gerade die gegenwärtige Corona-Pandemie, welches Potenzial KI in der medizinischen Versorgung habe. „Die Verkörperung der KI, das heißt, die Intervention durch den Roboter, gesteuert vom Arzt aus der sicheren Distanz, könnte sich gerade in Krisenzeiten wie heute bewähren“, so Hadaddin.

Großes KI-Potenzial sieht er vor allem noch in Avatar-Systemen, wie sie heute schon in der Schlüsselloch-Chirurgie eingesetzt werde. Bei Insult-Patienten könnte KI zum Beispiel die telemedizinische Versorgung revolutionieren, wie Hadaddin postulierte – und zwar nach dem Konzept des „Assist as needed“.

Konkret würden in diesem Kontext intelligente Roboterassistenten durch den Schlaganfallpatienten betreuende Rehakräfte angelernt, wie viel „künstliche Betreuung“ dieser individuell benötige.

Große Hoffnung für die onkologische Diagnostik und Therapie

Wie die IBM-KI-Expertin Martin betonte, könne das Maschinelle Lernen (ML), auf dem die Künstliche Intelligenz beruhe, vor allem die onkologische Diagnostik und Therapie revolutionieren. Denn KI könne bei der Bewertung der Bilder aus bildgebenden Verfahren, zum Beispiel durch das gezielte Trainieren der Mustererkennung, die Krebsfrüherkennung unterstützen. So wurde zum Beispiel das Watson-System systematisch mit wissenschaftlicher Literatur für die Mustererkennung gefüttert.

„Der Vorteil der KI gegenüber dem Menschen ist, dass sie nie ermüdet und sich dauerhaft konzentrieren kann“, so Martin. In der Vergangenheit hat sich bereits gezeigt, dass KI im Vergleich zu Ärzten zu leicht besseren Ergebnissen bei der Krankheitserkennung kommen kann.

Als weiteres KI-Einsatzgebiet sieht Martin auch die Demenzfrüherkennung. KI könne so trainiert werden, dass sie die bei Menschen bei beginnender Demenz auftretenden Sprachdefizite frühzeitig im Rahmen einer Spracherkennung detektieren könne. Wichtig sei aber, so Martin, „dass wir auch das Recht der Patienten auf Nicht-Wissen respektieren.“

Wie die SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende der Enquete-Kommission, Daniela Kolbe, hervorhob, sei es Konsens des Gremiums, dass Deutschland (und Europa) eine „menschenzentrierte KI auf Basis des Maschinellen Lernens, die uns nützt“, zum Ziel haben müsse – ein klares Abgrenzungsmerkmal zu den in China und den USA verfolgten KI-Strategien. Und klar sei auch: „Wir setzen auf entsprechende KI-Systeme, die in Deutschland oder Europa entwickelt werden.“

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