PRAXIS-KOLUMNE

Der Wind des Wettbewerbs ist die Alternative zu Kollektivverträgen

Raus aus dem Sachleistungssystem - diese Forderung hat Silberjubiläum: Vor rund 25 Jahren forderte der Hartmannbund das Ende der Kollektivverträge und ihren Ersatz durch die Direktabrechnung mit den Patienten und Kostenerstattung durch die Krankenkassen.

Von Dr. Ludger Beyerle Veröffentlicht:

Weitsichtige Geister an der Spitze sagten damals im kleinen Kreise, die Forderung müsse täglich vorgetragen werden unter gleichzeitigen Fürbitten an den Herrgott, dass die Erfüllung nicht kommen möge. Die aktuellen Ausstiegsszenarien erinnern an diese Paradoxie. Genaues Hinsehen zeigt aber, dass eine Revolution im Vergütungswesen anrollt, die sämtliche Alternativvisionen unserer Vorturner zu pulverisieren droht.

Hunderte niedergelassener Zahnärzte und Ärzte lassen schon heute den Wind des Wettbewerbs durch die Praxen blasen - abseits des gesetzlichen Kassensystems. Was sie dabei erleben, ist in jeder Hinsicht abenteuerlich. Für sie ist Frau Ministerin Schmidt völlig out. Charles Darwin dagegen ist in, umflattert von einigen Heuschrecken.

Unsere Verbands-Akteure denken beim Systemausstieg an die todgute Fortsetzung der herkömmlichen Vertragswerke mit Gruppendynamik, langem Verhandeln und Laufzeiten, festem Honorar und Kündigungsregelung. Die heutige Netztechnologie aber demaskiert die putzigen Vorstellungen als Traumtänzerei rückständiger Pseudovisionäre.

Die einst warme Nische der KVen steht zur Disposition

Rufen wir im Internet eine Arzt-Preisvergleichsseite auf und wärmen uns die erkaltenden Füße mit dem Gedanken an die ehemals zugluftarme, warme Nische der KVen. Im Netz versteigert werden derzeit zahnärztliche und ärztliche Leistungen für Privat- oder Zuzahlungspatienten. Leicht ließe sich das auf die EBMRegelleistungen ausdehnen - organisiert durch die gesetzliche Assekuranz.

Doch zurück zum aktuellen Schirmbild, Thema Zahnmedizin: Hier sucht ein Patient ein Angebot für drei Keramik-Inlays, gibt seinen Wohnort ein und dass er bereit ist, 50 km zum Zahnarzt zu fahren. Der Heil- und Kostenplan seines gegenwärtigen Zahndoktors beläuft sich nach der Gebührenordnung inklusive Steigerungssätzen auf 2664 Euro. Das Gesuch steht auf der Plattform für wahlweise sieben oder 14 Tage, und angebissen haben bisher zwei Zahnarztpraxen, die die Leistungen wesentlich billiger für 1449 Euro oder 1949 Euro anbieten.

Eine Praxis mit "eigenem Meisterlabor seit 8 Jahren" gewährt sogar Garantie. Zahnersatz also nicht vom Billigen aus dem Ostblock. Die Praxis hat 121 Patienten-Bewertungen erhalten, Praxis Nr. 2 hat deren 162. Man kann die Beurteilungen durchsehen und sie erscheinen stimmig, da auch Kritik geäußert wird (Akten weg, lange Wartezeit, Brückenteil gebrochen). Insgesamt ergeben die Patienten-Bewertungen positive Bilder beider Praxen.

Netzdienste sind in den USA längst Normalität

Die Netzseite listet noch mehr, zum Beispiel Auktionen für Augen- und Frauenärzte, Physiotherapeuten, so genannte Osteopathen und anderes.

Neu ist das Ganze in Deutschland. In den USA mit Millionen unversicherten Patienten sind die Netzdienste längst zum unverzichtbaren Bestandteil der Arztsuche geworden. Das bei uns lange gefürchtete Einkaufsmodell der Krankenkassen mutet demgegenüber als Wohltat an.

In diesem Umfeld erscheint eine Kampfansage an die KVen riskant. Denn sehr schnell könnte man erleben, dass sich die Vormerkbücher vieler Praxen nicht mehr nach irgendwelchen Gruppenverträgen, budgetierten oder limitierten Modellen füllen, sondern über die Netzeinwahl beitragsbegünstigter Patienten der gesetzlichen Kassen. Der Selektionsdruck auf Doktorinnen und Kollegen würde gewaltig steigen, denn wer Preise unterbietet, muss die Kosten optimieren und lange Schlangen kurzweg durchziehen.

Sollte das aktuelle Internetmodell - befördert durch die kämpferisch-romantische Ausstiegslyrik unserer Aktiven - auf die Vertragsärzteschaft überspringen, wäre die Zukunft in der Version 2.0 da. Einzelpraxen - immerhin zwei Drittel des Bestandes - dürften dann tatsächlich so tot sein, wie sie seit zwei Jahrzehnten geredet werden.

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