Gesucht und gefunden

Eine Idylle für die Praxis

Eine Praxis in einem klassischen Dorf mit Kirche, Kaufmann und Vereinen. Diesen Wunsch hat sich Dr. Sabine Heitmann vor eineinhalb Jahren erfüllt.

Von Christian BenekerChristian Beneker Veröffentlicht:
Die Niederlassung auf dem Land hat auch für jüngere Ärzte durchaus seine Reize. Dazu gehört etwa das fast "familiäre" Verhältnis zum Patienten.

Die Niederlassung auf dem Land hat auch für jüngere Ärzte durchaus seine Reize. Dazu gehört etwa das fast "familiäre" Verhältnis zum Patienten.

© imagebroker / imago

LÜHNDE. Dr. Sabine Heitmann sieht nicht so aus, als gehörte sie zu einer aussterbenden Art. Tatsächlich ist die 41-Jährige niedersächsische Landärztin - und zwar erst sei anderthalb Jahren und das mit Begeisterung!

Ihre Erfahrungen dürften die wärmste Empfehlung sein, die grauen Mauern der Stadtpraxen hinter sich zu lassen und aufs Land zu gehen, und sei es nach Lühnde-Algermissen; so heißt der 1400-Seelen Ort zwischen Hannover und Hildesheim, in dem Heitmann praktiziert.

Lühnde ist uralt, die Kirche aus dem 12. Jahrhundert. Im Januar 2013 muss man eine ganze Weile durch verregnete Alleen fahren, um hier die Hausärztin in ihrer nagelneu renovierten Landpraxis zu finden: die Böden hell und hölzern, das Wartezimmer ein Wintergarten, leise dudelt das Radio, an den Wänden die Berge Perus.

Aus dem Behandlungszimmer blickt man auf Garten, Wiesen, Weiden und Ställe. "Wer hat das schon?", fragt die Ärztin und präsentiert mit einer ausholenden Bewegung die klatschnasse Idylle hinterm Fenster.

Kompagnon ist nicht geplant

"Wir hoffen sehr, dass Sie sich bei uns wohlfühlen", schreibt Heitmann in ihrem Praxisflyer. "Die Patienten sollen runterkommen", erklärt sie, "und mir tut eine ruhige Atmosphäre auch gut."

Man kann also den Wunsch aus dem Flyer auch auf die Ärztin beziehen, die es offensichtlich genießt, ihre eigene Chefin zu sein, und das auch bleiben will. Ein Kompagnon ist nicht geplant.

"Ich wollte etwas alt Eingesessenes in einem klassischen Dorf mit Kirche, Kaufmann und Vereinen", erklärt Heitmann die Ortswahl.

Noch lebt sie in Hannover, wird aber bald in die Gegend ziehen, in ein eigenes Haus. Dann dürfte das Bild von der klassischen Landärztin komplett sein.

Allen, die sich fragen, warum sie sich das antut, erklärt sie, was sie reizt am Landarztleben: "Die Gemeinschaftspraxen in Hannover und an anderem Ort auf dem Land, waren für mich keine überzeugenden Modelle", so Heitmann.

Der Grund, dann auf dem Land zu arbeiten, sei das "fast familiäre Verhältnis zwischen den Patienten und mir als Ärztin, liebenswerter, inniger. Hier bin ich DIE Hausärztin, und genau das will ich sein. Ich bedeute den Patienten etwas und sie mir."

Über einen Makler fand sie die Praxis in Lühnde, die Anfang 2011 von ihrem Vorgänger geschlossen worden war. "Wir konnten einen guten Preis aushandeln", sagt die Nachfolgerin.

Inklusive der Kosten für die Vollrenovierung und die neuen Geräte will Heitmann ihre Schulden in gut zwölf Jahren abgezahlt haben, eine überschaubare Perspektive. Die Räume selbst mietet sie vom Vorgänger.

Aller Anfang ist schwer, auch in Lühnde-Algermissen. "Nicht alle Patienten kamen wieder, aber bis heute habe ich jeden Tag Patienten, die bis dato noch nie bei mir waren. Und manche meiner alten Patienten kommen sogar aus Hannover hierher."

Dass sie auch die Medizinischen Fachangestellten übernehmen konnte - "Drei Teilzeitkräfte; das Minimalprogramm" -, hat ihr sehr genützt. "Eine von ihnen hat noch beim Alt-Chef gelernt und kennt hier jeden Patienten."

Die 52-Jährige ist Heitmanns Anker im Dorf. Das Modell funktioniert, der Umsatz stimmt. "Mit einem ganz neuen Team wäre es ungleich schwerer gewesen", sagt Heitmann.

Papierlose Praxis

"Pingelig" findet sich die Hausärztin, und das habe Vorteile. Auf den Tischen kein Zettel, kein Stift. Heitmann führt eine papierlose Praxis, wie sie sagt.

Auch bei der Medikation verfolgt die Ärztin klare Prinzipien: "Bei mir gibt es keine Protonenpumpenhemmer, solange kein entsprechendes Ergebnis einer Magenspiegelung vorliegt. Auch wenn der Patient das Präparat schon Jahre lang erhält."

So gebe es auch keine Regress-Gefahr. "Ich bin im grünen Bereich, musste aber bei vielen Patienten die Medikation aufräumen". Klagen der Kollegen über Regressgefahr "kann ich nicht nachvollziehen."

Abgeschnitten vom Stadtleben ist Heitmann dennoch nicht. Nach Hildesheim oder Hannover sind es von ihrer Praxis rund 25 Kilometer, ein Weg, den sie derzeit noch täglich nimmt. Lühnde gehört zur Region Hannover.

"Ich hatte auch Angebote zum Beispiel nach Mecklenburg-Vorpommern zu gehen. Aber das ist mir dann doch zu weit ab vom Schuss."

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