ZNS-Erkrankungen

Honorierung aus den Fugen

Massive Finanzierungsungleichgewichte zwischen ambulanter und stationärer psychiatrischer Versorgung verhindern eine optimale Kooperation. Seit langem ist die ambulante Psychiatrie unterfinanziert.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Psychiater und Neurologen sind die am schlechtesten bezahlten Fachärzte, so Dr. Frank-Bergmann vom ZNS-Verband .

Psychiater und Neurologen sind die am schlechtesten bezahlten Fachärzte, so Dr. Frank-Bergmann vom ZNS-Verband .

© BVDN

KÖLN. Wenn aus dem bisherigen Nebeneinander verschiedener Versorgungsstrukturen ein effizientes Miteinander werden soll, muss eine Voraussetzung erfüllt sein: Für die verschiedenen Akteure müssen vergleichbare Bedingungen gelten.

Das ist aber oft nicht der Fall, so Frank Bergmann, Vorsitzender des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte und des ZNS-Spitzenverbands. Nach wie vor greifen in der ambulanten und stationären Versorgung, in Pflege und Reha unterschiedliche Regelungen.

Das gilt vor allem für die Finanzierung: Gleiche Leistungen werden ungleich honoriert, kritisiert Bergmann.

"Diese heterogenen Rahmenbedingungen stehen im Widerspruch zu dem Ziel, dass sich Art und Ort der Patientenbehandlung konsequent am optimalen Kosten-Qualitäts-Verhältnis orientieren."

PIA-Leistungen nicht aus KV-Topf

Ein eindrückliches Beispiel ist in seinen Augen die ungleiche Honorierung von niedergelassenen Psychiatern sowie Nervenärzten auf der einen und Psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) auf der anderen Seite.

Die an psychiatrischen Kliniken oder Allgemeinkrankenhäusern mit Fachabteilungen angesiedelten PIA unterliegen nicht der Bedarfsplanung.

"Sie sind für die Kliniken finanziell attraktiv. Dies führt ihn manchen Regionen zu versorgungspolitisch unsinniger Konkurrenz mit den vertragsärztlichen Praxen", sagt er.

Die Leistungen der PIA werden nicht aus KV-Töpfen bezahlt, sondern über Einzelverträge mit den Krankenkassen. Zwar erhalten die Einrichtungen regional sehr unterschiedliche Pauschalen, die zwischen 150 und mehr als 300 Euro pro Fall liegen.

Das seien Dimensionen, von denen die niedergelassenen Fachärzte mit Regelleistungsvolumina von 40 bis 60 Euro pro Fall nur träumen können. Das breitere Leistungsspektrum der PIA und die höheren Vorhaltekosten können die große Differenz nicht erklären, betont Bergmann.

Das Ungleichgewicht müsse behoben werden, um kooperative Versorgungsstrukturen voranzubringen. Er fordert, die vertragsärztlichen Honorare auf das Niveau der PIA zu heben. "Dabei wäre eine Einzelleistungsvergütung vor allem der Gesprächsleistungen einer Pauschale vorzuziehen."

PIA versorgen oft auch Heime

Dr. Iris Hauth, designierte Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, hält es für falsch, Vertragsärzte und Ambulanzen gegeneinander in Front zu bringen.

"PIA und Niedergelassene versorgen die Patienten mit einem komplementären Ansatz", sagt Hauth, die Ärztliche Direktorin der Alexianer-Klinik in Berlin-Weißensee ist.

Zu jeder psychiatrischen Klinik gehört auch eine PIA, die für eine kleine Zielgruppe zuständig ist: Patienten mit schweren Krankheitsverläufen, wiederholten Klinikaufenthalten und mit Compliance-Problemen. "Ziel ist die kontinuierliche Weiterbehandlung der schwer chronisch gestörten Patienten."

Sie schließe auch Krisenintervention und Hausbesuche ein. Für die Versorgung in den PIA stünden nicht nur Ärzte, sondern auch Psychologen, Psychiatrie-Fachschwestern, Sozialarbeiter und Ergo- und Bewegungstherapeuten zur Verfügung.

In vielen Regionen hätten viele niedergelassene Psychiater gar nicht die Kapazitäten, um sich um diese Patienten zu kümmern, betont sie. Zum Teil würden die PIA auch Heime mitversorgen, weil Fachärzte die Aufgabe nicht übernehmen.

Höhere Grundpauschale gefordert

Klar ist für Hauth, die selbst Geschäftsführerin eines MVZ ist, dass die Leistungen der niedergelassenen Fachärzte deutlich besser bezahlt werden müssen.

"Mit der aktuellen Honorierung der Fachärzte pro Quartal sind keine ausreichenden und sachgerechten Gespräche zu führen. Gespräche sind aber das, was die Psychiatrie ausmacht."

Die qualifizierte neuropsychiatrische Versorgung vor Ort braucht eine höhere Vergütung, betont auch Bergmann. "Unter anderem müssen die Kapitel für die neurologische und psychiatrische Versorgung im EBM dringend überarbeitet werden."

Notwendig seien eine höhere Grundpauschale, um die Vorhaltekosten der psychiatrischen Praxen angemessen abzubilden, und die Vergütung von Gesprächs- und Betreuungsleistungen mit festen Preisen außerhalb der Budgets.

Patienten mit psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen brauchen besonders viel Beratung und Begleitung, betont er. "Wir brauchen finanzielle Anreize für die Zuwendung und das Gespräch mit Patienten und Angehörigen."

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