Ärztemangel auf dem Land

Ist Delegation die Lösung?

Ärztliche Aufgaben verstärkt zu delegieren, könnte die Arbeit auf dem Land attraktiver machen, meint der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Ein Ökonom widerspricht.

Von Ilse SchlingensiepenIlse Schlingensiepen Veröffentlicht:
Nur wenige junge Ärzte wollen künftig als Hausarzt auf dem Land arbeiten und leben. Finanzielle Anreize sollen das verändern.

Nur wenige junge Ärzte wollen künftig als Hausarzt auf dem Land arbeiten und leben. Finanzielle Anreize sollen das verändern.

© Marco2811 / fotolia.com

DÜSSELDORF. Der drohende Hausarztmangel auf dem Land liegt häufig nicht an der mangelnden Attraktivität der Regionen, sondern an Fehlern im Gesundheitssystem. Davon ist Staatssekretär Karl-Josef Laumann (CDU), Patientenbeauftragter der Bundesregierung, überzeugt.

In vielen westfälischen Kleinstädten gebe es mehr Apotheker als Bäcker, es gebe Zahnärzte, Architekten, Steuerberater und Rechtsanwälte. "Alle wollen ins Münsterland, nur Hausärzte finden wir nicht. Da ist doch etwas faul im System", sagte der westfälische Politiker beim Medica Econ Forum der Techniker Krankenkasse (TK).

Es mangele nicht an engagierten Menschen, die als Hausärzte in ihrer ländlichen Heimat arbeiten wollen. Sie scheiterten aber häufig am Numerus Clausus. Die Universitäten bilden nach Einschätzung Laumanns nicht nur zu wenig Mediziner aus, sondern auch die falschen.

Bewusstsein wächst

Mit Modellen der Delegation von Leistungen an medizinische Fachangestellte könnte die ärztliche Arbeit gerade auf dem Land wieder attraktiver werden, erwartet Laumann. Die Mitarbeiterinnen könnten die Praxischefs bei Hausbesuchen und anderen Aufgaben entlasten.

Mit diesem Thema hätten sich die Ärzte lange schwer getan, bemängelte er. Jetzt wachse aber auch bei Ärztefunktionären das nötige Bewusstsein, freute er sich. "Das passiert nicht von heute auf morgen, aber wir sind auf dem richtigen Weg."

Der Gesundheitsökonom Professor Wolfgang Greiner, Mitglied im Gesundheits-Sachverständigenrat, sieht in der Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen zwar ein Instrument, um drohenden Versorgungslücken entgegenzuwirken. Er hält das Ausmaß aber für begrenzt.

Nach Studien könnten nur zehn bis 15 Prozent des ärztlichen Tuns von anderen Berufen übernommen werden, sagte Greiner. Auch für Telemedizin sieht er nur begrenztes Potenzial.

Greiner bezeichnete die sich abzeichnenden Lücken in der hausärztlichen Versorgung als alarmierend. Im ländlichen Raum müssten die Mediziner künftig zusätzliche Aufgaben übernehmen, gerade in der Koordination. "Wir bräuchten künftig mehr Hausärzte, und genau das Gegenteil ist der Fall.

"Das Instrument der finanziellen Anreize, um Ärzte für die Tätigkeit auf dem Land zu gewinnen, ist nach Überzeugung des Wissenschaftlers noch nicht ausgereizt. Eine Möglichkeit wäre es, Ärzten auf dem Land höhere Punktwerte zu bezahlen. "Da traut man sich nicht heran, weil man dann einer großen Zahl von Ärzten etwas wegnehmen würde", so Greiner.

Versorgung 2020

Aus Frust über die Unterfinanzierung und die geringe Akzeptanz der Fachgruppe hätten Hausärzte eine Zeit lang den eigenen Beruf schlecht geredet, sagte der Präsident der Ärztekammer Westfalen-Lippe Dr. Theodor Windhorst.

"Wenn wir vorsichtig herangehen, werden wir auch wieder mehr Akzeptanz für die Versorgung in der Peripherie bekommen." Die Ärzteschaft wird das Problem lösen, ist Windhorst sicher.

Angesichts der vielen neuen technischen Möglichkeiten wird sich die Versorgung bis zum Jahr 2020 deutlich verändern, erwartet der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der TK Thomas Ballast.

"Wir brauchen aber auch in Zukunft eine persönliche Arzt-Patienten-Beziehung und Pfleger, die mit Menschen arbeiten." Die Technik werde es aber ermöglichen, die personellen Ressourcen auf die wirklich notwendigen Fälle zu reduzieren, hofft Ballast.

Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

© [M] Scherer: Tabea Marten | Spöhrer: privat

„EvidenzUpdate“-Podcast

Digitalisierung? „Muss für Ärzte einen Mehrwert bieten!“

Digitalisierung und Datenschutz pandemiekonform: SVR-Vorsitzender Professor Ferdinand Gerlach (li.) am 24. März in Berlin bei der Vorstellung des Ratsgutachtens und der Bundesdatenschutzbeauftragte Professor Ulrich Kelber (re.) einen Tag später bei der Vorlage seines Tätigkeitsberichts.

© [M] Gerlach: Wolfgang Kumm / dpa | Kelber: Bernd von Jutrczenka / dpa

„ÄrzteTag“-Podcast

„Wir verlangen Digitalisierung mit Gehirnschmalz!“ (Streitgespräch Teil 1)

Thorsten Kaatze, kaufmännischer Direktor am Uniklinikum Essen

© UK Essen

„ÄrzteTag“-Podcast

Ein „Kochrezept“ für die Digitalisierung einer Uniklinik

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Jetzt anmelden / registrieren »

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

» kostenlos und direkt in Ihr Postfach

Am Morgen: Ihr individueller Themenmix

Zum Feierabend: das tagesaktuelle Telegramm

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen
Die Illustration zeigt die Spikes von SARS-CoV-2. Links die britische, in der Mitte die brasilianisch und rechts die südafrikanische Variante. In diesem Bild sind die Atome der Spikes zu erkennen –über 20.000. Auf der Hülle des Virus befinden sich typischer Weise 40 solcher Spikes. Keine der hier gezeigten Farben trifft die Realität, denn die Virenstruktur ist nur aus Schwarzweiß-Aufnahmen mit dem Elektronenmikroskop nachzuempfinden. Grafik erstellt von Maximilian Schönherr am 19. April 2021

© Maximilian Schönherr / picture alliance

COVID-19-Symptome bei B.1.1.529

Corona-Variante Omikron verursacht wohl starke Müdigkeit

(L-R) Head of Germany's vaccines regulator (STIKO) Thomas Mertens, Head of Robert Koch Intitue (RKI) Lothar Wieler and German Health Minister Jens Spahn hold a press conference on the situation of flu vaccines and the coronavirus (Covid-19) pandemic in Berlin, Germany on October 6, 2021.

© Emmanuele Contini / NurPhoto / picture alliance

Ungeeignet in der Pandemie?

Spahn und die STIKO – ein schwieriges Paar

Impfzentrum der Marke Eigenbau in Peine.

© Dr. Lars Peters

COVID-19-Impfung im früheren Getränkemarkt

Hausarzt richtet Corona-Impfzentrum ein – auf eigene Kosten