Adhärenz

Krebs-Tagebuch soll Arzt und Patienten helfen

Ein elektronisches Behandlungstagebuch für Krebspatienten: Dank regelmäßigem Feedback via Computer oder Smartphone-App soll die Lebensqualität gesteigert werden.

Von Christina Bauer Veröffentlicht:
Ein elektronisches Behandlungstagebuch für Krebspatienten soll die Adhärenz steigern.

Ein elektronisches Behandlungstagebuch für Krebspatienten soll die Adhärenz steigern.

© stokkete / iStock / Thinkstock

MÜNCHEN. Die ärztliche Betreuung von Krebspatienten wird - auch wegen neuer oraler Therapeutika, die die Patienten alleine zu Hause einnehmen - immer komplexer. Mehr und mehr zählt eine hohe Adhärenz.

Ein neues digitales Krebstagebuch für Patienten soll Mediziner bei ihrer Arbeit unterstützen und Patienten stärken. Die Informationen, die die erkrankten Menschen dort eingeben können, sollen außerdem dabei helfen, die Therapie individueller zu gestalten.

Ein wichtiger Parameter in elektronischen Tagebüchern sind subjektive Aussagen des Patienten zu seinem Zustand und Wohlbefinden. Die fachliche Umschreibung dafür lautet Patient Reported Outcome Measures, oft abgekürzt als PROMs oder auch PROs.

Solche Daten seien gerade bei onkologischen Patienten eine wichtige Informationsquelle, erklärte Professor Timo Schinköthe bei der Tagung "Digitalisierung der Medizin in Bayern". Schinköthe hat gemeinsam mit Kollegen das elektronische Behandlungstagebuch Cankado entwickelt.

Knifflige Datenauswertung

Eine Herausforderung bei der Auswertung und Nutzung solcher subjektiver Aussagen sei der Versuch, sie zu objektivieren. Als Beispiel benannte Schinköthe das verbreitete Maß der Self-Illness Separation (SIS), die eine Aussage darüber ermöglichen soll, inwiefern ein Patient durch unterschiedliche Aspekte einer Krebserkrankung belastet ist.

Insgesamt seien Erhebungs- und Einschätzungsinstrumente aus der klinischen Forschung inzwischen vielerorts schon Teil der klinischen Regelversorgung geworden. Daran knüpft die Idee an, solche Daten auch in die Betreuung von Krebspatienten einfließen zu lassen.

Dies soll dazu beitragen, die Qualität zu verbessern und die Behandlung an der jeweils aktuellen Situation des Patienten zu orientieren. Besondere Möglichkeiten biete dabei die Verwendung in digitalisierter, zeitnah erfasster und ausgewerteter Form, im Sinne eines sogenannten Real-Time-Assessments.

Internet, Computer, Tablet

Schinköthe stellte eine aktuelle Studie des US-Onkologen Ethan Basch vor, bei der ein entsprechend erweitertes Betreuungsangebot bewertet wurde. Die Behandlungsergebnisse für die so betreute Patientengruppe waren besser als die der regulär behandelten Gruppe, auch noch ein halbes Jahr nach Behandlungsende. Außerdem suchten die Patienten später seltener eine Notaufnahme auf.

In eigenen Untersuchungen mit mehreren hundert befragten Krebspatienten, Ärzten und Krankenschwestern, loteten Schinköthe und seine Kollegen deren Zugänglichkeit für moderne Medien wie Internet, Computer, Tablet und Smartphone aus. Der Zuspruch für die Anwendung solcher Medien auch in der klinischen Versorgung war, ebenso wie die eigenen Anwendungsgewohnheiten, bei allen Gruppen hoch.

Tagebuch mit sieben Merkmalen

Die beschriebenen Ergebnisse ließ die Arbeitsgruppe um Schinköthe in die Entwicklung von Cankado einfließen. Das elektronische Behandlungstagebuch für Krebspatienten zeichnet sich durch sieben Merkmale aus. Diese sind Patienten- und Behandlungsmanagement, Kollaboration, das Erfassen von PROMs, Aspekte der Gamification, statistische Analysen, Flexibilität sowie Multilingualität und Internationalität.

"Der Ansatz ist patientenzentriert", führte Schinköthe aus. "Die erhobenen Daten gehören dem Patienten." So entscheiden die Betroffenen selbst über die Verwendung der gesammelten Angaben. In Bezug gerade auf das Erfassen von PROMs beschrieb Schinköthe Möglichkeiten für die Nutzung vor Ort an der Klinik, etwa mit Anleitung durch eine Krankenschwester oder über eine Smartphone-App.

Dem stellte er einige Möglichkeiten zur Off-Site Nutzung gegenüber, etwa zu Hause, die etwa über eine App täglich, wöchentlich oder per Erinnerungsfunktion ausgefüllt werden können. So kann die Behandlung über entsprechende Feedback-Schleifen regelmäßig an die aktuellen Bedürfnisse des Patienten angepasst werden. Zudem kann die Einnahme von Medikamenten strukturiert begleitet werden, um eine hohe Adhärenz zu erreichen.

Ziel: Eigenständiges Leben mit hoher Lebensqualität

Cankado, getragen vom Verein GEMKOM e.V., ist gemeinnützig und sowohl für Patienten als auch Ärzte gebührenfrei. Eine weitere Besonderheit ist der offene Entwicklungs- und Forschungsverbund, in dem auch neue Mitwirkende willkommen sind. "Wir freuen uns, wenn sich jemand beteiligen möchte", so Schinköthe.

Insgesamt sei ein wesentliches Ziel für die Betreuung Krebskranker ein Perspektivenwechsel weg von der Krankheits- hin zu mehr Gesundheitsorientierung. Die Betroffenen sollen in die Lage versetzt werden, ein möglichst eigenständiges Leben mit einer hohen Lebensqualität zu führen. Daher würden bei der Betreuung auch gesundheitsrelevante Aspekte der allgemeinen Lebensführung einbezogen, wie etwa Bewegung und Ernährung.

Für Cankado erhielten die Entwickler bereits mehrere Preise, zuletzt den ersten Bayerischen Krebspatientenpreis sowie eine Auszeichnung beim Industriepreis 2016 in der Kategorie Medizintechnik.

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