Digital Health

Künstliche Dummheit statt künstliche Intelligenz?

Die Ärzte sind optimistischer geworden, wenn es um Anwendungsmöglichkeiten von Big Data und Künstlicher Intelligenz geht. Chancen für den Fortschritt in Richtung personalisierter Präzisionsmedizin gibt es vor allem in Radiologie und Onkologie.

Veröffentlicht: 02.04.2019, 16:18 Uhr

Diagnostik über Suchbegriffe, sekundenschnelle Auswertung tausender Schnittbilder und hochgradig personalisierte Therapien: Die Künstliche Intelligenz (KI) und die hinter dem Begriff Big Data zusammengefassten Massen an Gesundheitsdaten scheinen viel für die Zukunft zu versprechen.

Das konkrete Potenzial der digitalen Medizin diskutierten am vergangenen Freitag bei der Fachtagung „Medizin im Wandel“ der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) mehrere Fachreferenten gemeinsam mit Ärzten und Mitgliedern der Verbände des Gesundheitswesens.

Debatin sieht Zukunft für personalisierte Medizin

Professor Jörg Debatin, Vorsitzender der Initiative Gesundheitswirtschaft e.V., ist Radiologe, Manager und seit 2014 stellvertretender Präsident von GE Healthcare. Er wird ab dem 11. April zudem die Leitung des am Bundesgesundheitsministerium angesiedelten „Health Innovation Hub“ übernehmen.

Das Projekt ist als eine Dialogplattform für die Digitalisierung im Gesundheitswesen gedacht und soll Innovationen aus ebendiesem Bereich vorantreiben.

Debatin sieht die Zukunft des Gesundheitswesens in der personalisierten Medizin. Das betrifft beispielsweise Krebstherapien, die dahingehend individualisiert sind, als dass sie sich gezielt am Genom der Tumorzellen des Patienten orientieren. Je nach der Zusammensetzung des Genoms ergeben sich dabei von Mensch zu Mensch komplett verschiedene Behandlungsansätze.

Die Analyse der genetischen Daten allerdings könne nur die KI leisten. Debatin fasst zusammen: „Wir brauchen Wissensmanagement über Big Data, denn kein Mensch ist in der Lage, die für das Individuum genetisch optimale Therapie zu ermitteln“ – jedenfalls nicht mit einem angemessenen Zeitaufwand.

"Mehr Daten bedeuten mehr Fehler"

Sehr viel weniger Vertrauen in die KI zeigte der Naturwissenschaftler Professor Gerd Antes, wissenschaftlicher Vorstand der Cochrane Deutschland Stiftung.

„Wer über künstliche Intelligenz spricht, muss auch über künstliche Dummheit sprechen“, sagte er. Unter der Menge der Daten leidet seines Erachtens die Qualität der Untersuchungsergebnisse. Mehr Daten bedeuteten mehr Fehler und zugleich mehr menschliche Anstrengung, um Qualität sicherzustellen. Einig waren sich beide Referenten nur in einem Punkt, der dabei wichtig für ein zielgerichtetes Vorgehen ist: „Wir brauchen Datenmanagement gleich zu Beginn und nicht hinterher“, gab Antes seinem Vorredner recht.

Ärzte müssten langfristig dieses Datenmanagement übernehmen, daher können sie auch nicht durch Maschinen ersetzt werden, so die Schlussfolgerung der anschließenden Publikumsdiskussion.

Die anwesenden Ärzte waren sich einig, dass ihre Interpretationshoheit nicht durch Maschinen bedroht werden könne. Die Zukunft der Radiologie sahen anwesende Experten im Laufe der Diskussion jeweils in der Qualitätskontrolle, im Labor und in der Interaktion mit den Patienten. Dass sich aus den dreien ein ganz neues Berufsfeld ergeben könne, sei nicht ausgeschlossen.

Nicht zuletzt stellte sich im Publikum die Frage nach der Datensicherheit und danach, wo diese riesigen Datensätze gespeichert werden sowie wer über sie verfügen darf. Debatin argumentierte für einen Paradigmenwechsel – weg von Institutionen und hin zum Patienten als Datenspeicher: „Menschen wollen für sich Daten sammeln und nicht abhängig sein. Die Verfügbarkeit von Daten ist ein Grundrecht“, sagte er. (sjw)

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