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Forschung

Medizin und Industrie sollen sich mehr vernetzen

Weil Sitzen ein häufiger Grund für Rückenbeschwerden ist, lohnt die Reflexion der Zusammenhänge. 60 Unternehmer und Mediziner loteten auf einem Workshop eine engere Zusammenarbeit aus.

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FILDERSTADT. Ärzte und Automobilzulieferer im Austausch: Dieses ungewöhnliche Anliegen verfolgt der Verein Community Supply Chain (CSC), in dem vor allem Unternehmen der Autozuliefererbranche organisiert sind. Bei einem Workshop in Filderstadt zum Thema richtiges Sitzen brachte CSC gleich mehrere Akteure an einen Tisch: Unternehmen, Ärzte, Wissenschaftsvertreter und Politiker.

Dr. Joachim Wekerle vom Wirtschaftsministerium Baden-Württemberg machte deutlich, dass sich die Forschung interdisziplinär vernetzen muss. "Arbeitet die Industrie mit einem neuen Material, kann dies auch Fortschritte in der Medizin ermöglichen," warb er für den Austausch.

Markus Stang, Leiter Materialeinkauf beim Automobilveredler AMG, zeigte Verbindungen auf, die bereits heute zwischen Medizin und Industrie vorhanden sind: So werden elektromagnetische Flüssigkeiten bei Stoßdämpfern verwendet, die aus der Medizinbranche stammen.

Für den Bundestagsabgeordneten Michael Hennrich, Gesundheitsexperte in der CDU-Fraktion, steht bei der Vernetzung zwischen Medizin und Industrie eher die Prävention im Vordergrund. Wenn durch die Kooperation Menschen dazu gebracht werden, besser zu sitzen, entstünden später weniger Krankheitskosten.

Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Dr. Johannes Flechtenmacher, erläuterte auf dem Workshop die Bedeutung richtigen Sitzens. So verursache falsches Sitzen nicht nur Rückenschmerzen, sondern könne auch mit Fettleibigkeit, Diabetes oder Depressionen in Zusammenhang gebracht werden.

Helfen könne aktives Sitzen und Bewegung am Arbeitsplatz. Beides könne allerdings nur mit angepassten Arbeitsabläufen erreicht werden. "Empowerment muss von den Ärzten umgesetzt werden und an die Patienten weitergegeben werden", sagte Flechtenmacher. Der Präsident des Berufsverbandes für Orthopädie und Unfallchirurgie ist zudem davon überzeugt, dass in Zukunft noch mehr als bisher individuell gestaltete Sitzkonstellationen gefragt sind – zum Beispiel für adipöse Menschen, für besonders kleine oder besonders große. Er gehe davon aus, dass 25 bis 30 Prozent aller Menschen individuelle Lösungen zum Sitzen brauchen – in Breite, Stabilität oder Form.

In der Industrie werden die Erkenntnisse aus der Medizin bereits eingesetzt. So stellte Patrick Loechle, Leiter Produktmanagement der Interstuhl Büromöbel GmbH, ein neues Produkt vor. Seit Beginn des Jahres hat das Unternehmen einen Sensor auf dem Markt, der es möglich macht, den eigenen Bürostuhl an die individuellen Bedürfnisse anzupassen. Diese Innovation sei nur aufgrund einer Zusammenarbeit mit dem Unternehmen Garmin möglich gewesen, das unter anderem Fitness-Tracker und Wearables entwickelt.

Derzeit säßen rund 60 Prozent der Menschen auf falsch eingestellten Bürostühlen. Ein Teil des Problems sei der schwierige Transfer von medizinisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Köpfe der Entwickler in der Industrie. So seien Studien über aktuelle Erkenntnisse häufig nicht verständlich. Er fordert Offenheit zum Teilen von Wissen sowie eine gemeinsame Sprache, damit Innovation branchenübergreifend stattfindet.

Professor Heiner Lasi, Leiter des Steinbeis-Instituts Stuttgart, widmete sich der Digitalisierung, die Daten und Fakten aus Medizin und Industrie zusammenführt. Er verdeutlichte den Transfer, den die Industrie für die Medizin leisten kann. Ein Beispiel: Die Simulation von Operationen. Laut Lasi gehört solchen Transfers und Cloud-Lösungen die Zukunft. Prozesse würden sich branchenübergreifend annähern und digitale Plattformen stellten das benötigte Wissen universell bereit. (sud)

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