Barrieren abbauen
Menschen mit Behinderung in der Praxis: Kleine Stellschrauben, große Wirkung
Viele Menschen mit Behinderung gehen erst zum Arzt, wenn „die Hütte brennt“. Denn Arztbesuche sind insbesondere für Menschen mit Autismusspektrumsstörungen oder Intelligenzminderung häufig eine Ausnahmesituation voller Angst und Kontrollverlust. Ein Hamburger Projekt zeigt, wie Vorbereitung und kleine Veränderungen in der Praxis Vertrauen stärken – und was Ärztinnen und Ärzte konkret tun können.
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Machen Patientinnen und Patienten mit Behinderung kommen in Begleitung, möchten aber trotzdem, dass das Gespräch mit ihnen geführt wird, andere haben zu viele Hemmungen. Der Rat an Ärztinnen und Ärzte: Zu Beginn fragen, mit wem das Gespräch geführt werden soll.
© Luis / stock.adobe.com
Wenn Patientinnen und Patienten mit Behinderung Termine nicht wahrnehmen oder sich Untersuchungen als schwierig gestalten, stellt das viele Praxen vor Herausforderungen. Oft bleiben die Gründe für das vermeintlich „schwierige Verhalten“ im Praxisalltag unsichtbar.
Auch Jasmin Pertl hat früher den Gang zum Arzt wo es ging, vermieden, hat Termine auch mal ausfallen lassen. Zu groß war die Angst. Wie ihr geht es auch vielen anderen Menschen mit Behinderungen: Arztbesuche sind häufig mit Stress, Angst und schlechten Erfahrungen verbunden. Und mit der Sorge, nicht ernst genommen zu werden, vor zu viel Fachjargon, vor Untersuchungen ohne Erklärung und bei denen über sie gesprochen wird, aber nicht mit ihnen.
Das Projekt „Ganz Gesund“ der Evangelischen Stiftung Alsterdorf aus Hamburg setzt genau hier an: Es möchte Arztbesuche für Menschen mit Behinderung verständlicher und angstfreier machen. Im Zentrum stehen Workshops, in denen Menschen mit Behinderung erfahren, wie ein Arztbesuch abläuft und lernen, sich besser darauf vorzubereiten, ihre Bedürfnisse zu formulieren und Grenzen zu setzen.
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Wichtig sei jedoch, dass sich auch niedergelassene Ärztinnen und Ärzte und das Praxisteam für dieses Thema sensibilisieren, erklärt die Projektleiterin Kerstin Gemes von der Initiative Gesundheit für Alle jetzt! der Stiftung.
Denn sie weiß auch: Viele Probleme entstehen nicht aus Ablehnung gegenüber Menschen mit Behinderung, sondern aus Unwissenheit und fehlender Erfahrung im Umgang. Und als kleine, regionale und projektfinanzierte Workshopreihe kann „Ganz Gesund“ nur einen ganz kleinen Beitrag zu einer inklusiven Gesundheitsversorgung leisten.
Niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für Behinderungen sensibilisieren
Diese Unwissenheit spielt vermutlich auch eine Rolle bei dem hohen Anteil an gemeldeten Diskriminierungen im Bereich Gesundheitswesen: Mit 59 Prozent waren Benachteiligungen wegen einer Behinderung mit Abstand der häufigster Beratungsgrund, ergab der 5. Antidiskriminierungsbericht aus dem Jahr 2024. Und während viele Menschen ohne Behinderung die Inklusion als ausreichend oder hoch bewerten, sehen Menschen mit Behinderung dies ganz anders.

Das Team hinter den Ganz gesund-Workshops: Jasmin Pertl (Gesundheitsberaterin), Kerstin Gemes (Projektkoordinatorin), Janina Schwabl (Leitende Oberärztin) (v.l.n.r.)
© Evangelische Stiftung Alsterdorf
Auch Dr. Janina Schwabl sieht durchaus Interesse und Engagement bei Ärzten. Die Neurologin, die Teil des Projekts ist, arbeitet als leitende Oberärztin im Sengelmann Institut für Medizin und Inklusion (SIMI), einem Medizinischen Versorgungszentrum (MZEB) für Erwachsene mit Behinderung in Hamburg-Alsterdorf.
Sie hält Vorträge und berät zu dem Thema und wird auch von niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen kontaktiert. „Dann erkläre ich viel, woher das Verhalten kommt, und was kleine Stelleschrauben sind, die vieles erleichtern.“
Arztbesuch an sich ist für viele sehr fordernd
Sie weist auf folgende Aspekte hin: Für viele Menschen mit Behinderung ist der Arztbesuch an sich schon sehr fordernd. Die Terminvereinbarung, die Wartezeiten, der Druck, in kurzer Zeit strukturiert sein Anliegen zu formulieren und das Gesagte zu verstehen und sich zu merken, sind nicht nur für Menschen mit Behinderung eine enorme Anforderung. Hektische Praxisabläufe und der enge Zeitrahmen vieler Praxen verschärfen das Problem.
Wer mehr Zeit braucht, wer Angst vor bestimmten Untersuchungen hat oder Abläufe nicht einordnen kann, gerät schnell an Grenzen. Manche reagieren mit herausforderndem Verhalten, einige erscheinen nicht zu Terminen, andere gehen jahrelang nur dann zum Arzt, wenn „die Hütte brennt“, wie es Schwabl formuliert.
Dabei ist eine kontinuierliche Gesundheitsversorgung ist für die Betroffenen wichtig: Eine Behinderung ist erstmal keine Erkrankung, aber viele Menschen mit Behinderung sind häufiger und schwerer erkrankt als Menschen ohne Behinderung.
Und nicht zuletzt haben sie nach der UN-Behindertenrechtskonvention ein Anrecht auf eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung, also in der Hausarztpraxis um die Ecke. „Nur wenn eine Behandlung wirklich gar nicht zustande kommt, können Kolleginnen und Kollegen zu uns überweisen, denn eigentlich ergänzen MZEB nur die Regelversorgung“, sagt Schwabl.
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Kleine Anpassungen im Praxisablauf haben große Wirkung
In ihrer Arbeit im SIMI setzt Schwabl auf Ruhe, Vorbereitung und Zeit. Untersuchungen werden erklärt, Instrumente dürfen angefasst werden, Abläufe werden Schritt für Schritt geübt – manchmal über mehrere Termine hinweg.
Sie weiß, dass so etwas im regulären Praxisalltag schwer umzusetzen ist. Doch sie ist überzeugt, dass auch kleine Anpassungen und Veränderungen große Wirkung haben können. Dazu gehören eine verständliche Sprache, das vorherige Erklären von Untersuchungen, das Anwärmen von Instrumenten oder das schrittweise Herantasten an medizinische Abläufe.
Wie kann ich mich fortbilden?
Auch wenn in Deutschland knapp 9 Prozent der Menschen eine anerkannte Schwerbehinderung vorweisen, Tendenz steigend, ist das Thema Behandlung von Menschen mit Behinderung bisher kein Bestandteil des Studiums.
Das BÄK-Curriculum „Medizin für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder mehrfacher Behinderung“ vermittelt Wissen über die vielfältigen gesundheitlichen Besonderheiten bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder Mehrfachbehinderung und die Bedürfnisse und die besondere Situation dieser Patientengruppe im Kontext der gesundheitlichen Versorgung
Auch Termine zu Randzeiten zu vergeben, um Wartezimmerstress zu vermeiden. Oder das klare Angebot an Patientinnen und Patienten, jederzeit „Stopp“ sagen zu dürfen – notfalls mit einer einfachen Stopp-Karte auf dem Tisch. Solche Vereinbarungen geben Sicherheit und stärken das Gefühl von Kontrolle.
Überhaupt ist es wichtig, auch vermeintlich selbstverständliche Dinge anzusprechen: Beispielsweise, dass es eine Schweigepflicht gibt, die auch gegenüber Eltern oder Betreuern gilt und dass Behandlungen verweigert oder abgebrochen werden dürfen.
Kann helfen: Weißen Kittel ablegen
Dass einige Menschen mit Behinderung häufiger Termine ausfallen lassen, ist ein besonderes Ärgernis unter niedergelassenen Ärzten. Schwabl plädiert trotzdem dafür, diese Patienten nicht auszuschließen, denn auch ein Nichterscheinen sei ein Ausdruck dieser Angst.

Die Ganz Gesund-Workshopreihe ist inklusiv gestaltet. Zu den Teilnehmerinnen und Teilnehmer gehören auch Menschen ohne Behinderung.
© Evangelische Stiftung Alsterdorf
Die Gründe dafür sind so verschieden, wie die Menschen mit Behinderung auch. Viele, besonders ältere Patienten wurden in der Vergangenheit nicht gut behandelt „Die haben schon eine richtige Phobie“, erklärt Schwabl, „da hilft es schon, den weißen Kittel abzulegen und freundlich zu sprechen.“
Eine Möglichkeit, um die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen, sei, die Praxis und das Team auf der Website mit Fotos oder Filmen vorzustellen, wichtige Dokumente dort bereitzustellen, damit Patienten sich vorinfomieren können und Formular ggf. schon in Ruhe zu Hause ausfüllen können. Oder man bietet neuen Patientinnen und Patienten an, bereits am Vortag in die Praxis zu kommen, damit sie sich mit den Räumlichkeiten und den Kolleginnen und Kollegen am Empfang vertraut machen können.
Dr. Schwabl betont: Ärztinnen und Ärzte müssen nicht alles perfekt können. Wichtig sei vor allem die Bereitschaft, sich auf die Patientinnen und Patienten einzulassen und sie ernst zu nehmen. Bei allen Behinderungen gibt es Abstufungen. Wer das erkenne, könne anders handeln – und erfolgreich behandeln.
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Wunsch: Arztbesuche auf Augenhöhe
Es gibt Menschen mit Intelligenzminderung, die auf der Entwicklungsstufe von kleinen Kindern sind und dem entsprechend auf unbekannte Situationen emotional reagieren. Es gibt aber auch Menschen mit Behinderung, die ihr Leben weitgehend selbstständig leben.
Wie auch Jasmin Pertl. Sie war selbst Teilnehmerin der Workshops, bevor sie nun das Format als Gesundheitsberaterin unterstützt. Pertl legt Wert auf Selbstständigkeit, nahm zu Schulzeiten Darstellendes Spiel-Unterricht mit dem Ziel frei Sprechen zu lernen, interessiert sich für psychologische Themen und singt im Chor.
So ist es ihr auch wichtig, dass sie beim Arzt als Erwachsene ernstgenommen wird. Besonders belastend ist für sie, wenn Ärztinnen oder Ärzte aus Unsicherheit ausweichend sprechen oder Dinge beschönigen. „Drum herum reden macht mir Angst“, sagt sie. Sie wünscht sich Klarheit, eine direkte Ansprache und das Gefühl, das Tempo mitbestimmen zu dürfen, eben Arztbesuche auf Augenhöhe.
Wo finde ich mehr Tipps für die Behandlung?
Das Evangelisch Krankenhaus Alsterdorf, Hamburg hat einen Flyer mit Informationen zusammengestellt, die Ärztinnen, Ärzten und medizinischen Fachangestellten im Umgang mit Patienten mit Autismus, mit Intelligenzminderung und Beeinträchtigung der Sprache helfen.
Viele der Aspekte treffen auch auf Menschen mit Behinderungen im Allgemeinen zu.
Flyer: „Erwachsene Patienten mit Autismus und Intelligenzminderung in der Arztpraxis“








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