Nebenschauplätze bestimmen das Einkommen

Ein halbes Jahr RLV: Die Bilanz von Dr. Hans-Christian Körner fällt düster aus. Nicht weil der Hausarzt aus Lippe zu den Verlierern der Reform zählt. Sondern weil ihm bewusster denn je geworden ist, dass die eigentliche ärztliche Arbeit nicht viel wert ist.

Julia FrischVon Julia Frisch Veröffentlicht:
Dr. Hans-Christian Körner gehört nicht zu den Verlierern der Reform, unzufrieden ist er dennoch.

Dr. Hans-Christian Körner gehört nicht zu den Verlierern der Reform, unzufrieden ist er dennoch.

© Foto: privat

Dr. Hans-Christian Körner betreibt zusammen mit zwei Kollegen eine Gemeinschaftspraxis in Horn- Bad Meinberg (Westfalen-Lippe). Das Arbeiten als Arzt hat sich für ihn und das Praxisteam im vergangenen halben Jahr schon merkbar verändert. Wenn ein Patient vor ihm sitzt, überlegt Körner nun vermehrt, ob nicht eine Vorsorgeleistung oder eine Sonografie sinnvoll wäre, ob der Impfstatus des Patienten schon überprüft wurde, oder ob nicht einer der Hausarztverträge für den Patienten in Betracht kommen könnte. "Wir haben die Vorsorge forciert, bieten mehr Hautkrebsscreening an, machen mehr Psychosomatik und Sono", sagt Körner. In der Praxis achte man nun mehr auf Leistungen, "wo Fleisch dran ist".

Diese Strategie hat dazu geführt, dass Körner nicht zu dem Viertel Hausärzten in Westfalen-Lippe zählt, die zu den Verlierern der Honorarreform gehören. Ein Umsatzplus von vier bis fünf Prozent konnte er immerhin erreichen. Doch das Geld, so der Hausarzt, sammle er eben an den "Nebenschauplätzen" wie Prävention, Hautkrebsscreening und Psychosomatik ein, nicht aber mit der eigentlichen ärztlichen Arbeit, der Basisversorgung der Patienten, die durch die RLV bezahlt werden solle. "Die Zusatzschauplätze bestimmen das Denken." Körner gefällt das überhaupt nicht.

Doch eine Alternative dazu sieht er nicht. Kein Wunder: Der Fallwert in Westfalen-Lippe liegt für Hausärzte bei knapp über 32 Euro. Wer über 60-jährige Patienten behandelt, hat das RLV für diese mit der Abrechnung der Versichertenpauschale 03112 (35,70 Euro) schon ausgeschöpft. Wird auch noch der Morbiditätszuschlag 03212 abgerechnet, erhalten Ärzte für diesen nicht die vollen 17,33 Euro, sondern nur noch eine minimal abgestaffelte Vergütung. "30 Prozent der Leistungen im RLV sind unbezahlt", sagt Körner. Eigentlich könnte er jeden dritten Monat im Quartal die Praxis schließen, weil sein Budget dann aufgebraucht sei.

Die Folgen der Honorarreform und vor allem der bundesweit am unteren Ende rangierenden Fallwerte bekämen in Westfalen-Lippe vor allem ältere Kollegen zu spüren. Die haben immer größere Schwierigkeiten, einen jungen Arzt zu finden, der ihre Praxis übernehmen will. "Wenn jemand sich das genau durchrechnet, dann geht er lieber nach Niedersachsen, als sich in Westfalen-Lippe niederzulassen", so Körner. Dort in der Nachbar-KV lag der Fallwert für Hausärzte bei knapp 40 Euro.

Der Ärztemangel im ländlichen Westfalen-Lippe werde sich in Zukunft noch verstärken, ist Hans-Christian Körner überzeugt. Den Lokal- und Landespolitikern sei dies zwar bewusst, "aber eine Antwort bekommt man auf das Problem nicht".

Lesen Sie dazu auch: Niedriger Fallwert schreckt junge Ärzte ab Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Kein Weg führt an Prävention vorbei

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