Dermatologische Prävention

Sunface-App reduziert Solariumnutzung

Wie können Jugendliche überzeugt werden, Sonnenschutz ernst zu nehmen oder nicht zu rauchen? Apps, die die Folgen von Risikoverhalten am eigenen Gesicht zeigen, sollen helfen.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:
Die App „Sunface“ berechnet, wie Gesichter sich durch Sonnenstrahlung verändern könnte. Das soll dazu motivieren, sich vor der Sonne zu schützen.

Die App „Sunface“ berechnet, wie Gesichter sich durch Sonnenstrahlung verändern könnte. Das soll dazu motivieren, sich vor der Sonne zu schützen.

© Titus Brinker

Berlin. Künstliche Intelligenz in der Dermatologie – das lässt an Algorithmen denken, die Hautkrebs erkennen können. Dass „KI“ in der Dermatologie auch andere, präventive Zwecke erfüllen kann, zeigen mehrere Apps, die von Dr. Titus Brinker und seiner Arbeitsgruppe in Heidelberg entwickelt wurden. Brinker ist Assistenzarzt an der dortigen Universitätshautklinik und leitet die App-Entwicklung und das Skin-Classification-Projekt am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ).

In einer aktuellen Publikation berichtet Brinker von einer Cluster-randomisierten Studie in 52 Schulklassen an acht Sekundarschulen in Brasilien mit der in den App-Stores von Google und Apple downloadbaren Sunface-App (JAMA Dermatol 2020; 156(7): 737-745). Im Rahmen dieser Studie hielten Medizinstudierende ein einmaliges Präventionsseminar ab, das über UV-Licht und mögliche Schutzmaßnahmen informierte.

Höhepunkt des Seminars war die Aufnahme von Selfies der Teilnehmer. Die Algorithmen der Sunface-App zeigten den Jugendlichen dann am eigenen Gesicht, um wie viel schneller die Haut bei unterschiedlich langer UV-Exposition altert.

Mehr Sonnencreme, weniger Sonnenstudie

In einer Pilotstudie hatte sich bereits angedeutet, dass Nutzer der App danach weniger geneigt sein könnten, Solarien zu nutzen und eher Sonnenschutz zu applizieren. Das konnte die randomisierte Studie jetzt belegen: In den Klassen mit App-Nutzung stieg der Anteil der Jugendlichen, die täglich Sonnencreme nutzten, der primäre Endpunkt, signifikant von 15 Prozent vor der Intervention auf 22,9 Prozent sechs Monate danach.

Der Anteil der Schüler, die ihre Haut auf der Suche nach Hautauffälligkeiten selbst inspizieren, verdoppelte sich auf rund die Hälfte. Und der Anteil der Solariumnutzer ging signifikant von 18,8 auf 15,2 Prozent zurück.

In der Kontrollgruppe gab es keine Veränderungen. Interessant, wenn auch vielleicht nicht überraschend: Mädchen waren deutlich empfänglicher für die Präventionsbotschaften als Jungs. Pro acht Mädchen, die das Seminar durchliefen, gab es eine, die danach neu täglich Sonnencreme nutzte. Bei den Jungs lag die entsprechende Zahl dagegen bei 31.

Ähnliche Ansatz bei der Tabakprävention

Die Sunface-App ist nicht die erste KI-basierte Präventions-App, die Brinker und sein Team entwickelt haben. Ihr voraus ging die ebenfalls in den App Stores erhältliche App Smokerface. Sie berechnet und simuliert, wie das Gesicht eines Menschen voraltert bzw. sich verändert, wenn geraucht wird.

Auch diese App wurde in einer randomisierten Studie mit über 2300 Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Brasilien untersucht. Das Prinzip war ähnlich: Die Kinder wurden klassenweise einem 90-minütigen Mentoring-Programm zum Thema Nichtrauchen zugelost, bei dem die Smokerface-App ein zentraler Bestandteil war (J Med Internet Res 2019; 21(2): e12854).

Und auch das hatte Effekte: In den Kontrollgruppenklassen stieg der Anteil der Raucher bis zum Zwölf-Monats-Follow-up von 11,0 auf 20,9 Prozent signifikant an. In der Interventionsgruppe waren es zu Beginn 14,1 und nach zwölf Monaten 15,6 Prozent, kein signifikanter Unterschied.

App nicht zum Geld verdienen erfunden

Eine analoge, randomisierte Studie gab es mittlerweile auch in Deutschland: „Die Ergebnisse werden voraussichtlich Mitte kommenden Jahres veröffentlicht“, so Brinker zur „Ärzte Zeitung“. Der Arzt betont, beide Apps sollten dauerhaft kostenfrei erhältlich sein.

Sie als Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) beim BfArM einzureichen und so eine GKV-Erstattung zu erhalten, ist nicht geplant, obwohl die medizinische Evidenz besser sein dürfte als bei vielen anderen DiGA-Kandidaten. „Eine DiGA hieße, dass man den Zugriff limitiert“, so Brinker. „Viele Ärzte empfehlen meine Apps. Ich habe beide nicht gemacht, um damit Geld zu verdienen, sondern um damit zu helfen.“

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