Kapitalanlage

US-Präsidentenwahl könnte Börsen beben lassen

Experten warnen: Ein knapper Ausgang beim Urnengang in den Vereinigten Staaten könnte Aktienmärkte vorübergehend auf Talfahrt schicken. Für Anleger böte das die Chance, weitere Papiere günstig zu erwerben.

Von Richard Haimann Veröffentlicht:
Die Präsidentenwahl in den USA sorgt für Unsicherheit an der Börse.

Die Präsidentenwahl in den USA sorgt für Unsicherheit an der Börse.

© picture alliance / Sergi Rebored

Neu-Isenburg. Ein knapper Ausgang bei der US-Präsidentschaftswahl im November könnte zu einem Einbruch an den globalen Börsen führen.

„Die US-Wahl birgt das Potenzial, die derzeit sehr stark durch Fiskal- und Geldpolitik getriebenen Aktienmärkte zumindest kurzfristig in Turbulenzen zu bringen“, sagt Jürgen Michels, Chefvolkswirt und Leiter Research der BayernLB in München.

„Angesichts der Bedeutung der US-Wirtschaft für Europa würden politisch bedingte Konjunkturrückschläge auch die europäischen Börsen erreichen“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank in Frankfurt am Main.

Sollten diese Befürchtungen wahr werden, wären Anleger gut beraten, keine weiteren Investments in Aktien zu tätigen, bis die US-Wähler am 3. November entscheiden, ob der Republikaner Donald Trump weitere vier Jahre die Vereinigten Staaten führen wird oder das Präsidentenamt an den demokratischen Kandidaten Joe Biden verliert. Der Wahlkampf wird vom Populisten Trump mit harten Bandagen geführt.

Trump hat sich im Vorfeld quasi bereits zum Sieger ausgerufen und erklärt, sollte er verlieren, wäre dies „nur durch einen Wahlbetrug möglich“.

Juristische Schlacht nach der Wahl?

Unter Investoren an der Wall Street hat eine Studie des Transition Integrity Projects (TIP) große Aufmerksamkeit gefunden. Darin haben 100 Mitarbeiter von demokratischen und republikanischen Politikern simuliert, welche Konsequenzen vier verschiedene Szenarien für den Ausgang der Wahl haben würden.

Im Fall eines knappen Wahlsiegs von Biden oder Trump, den nach aktuellen Umfragen derzeit wahrscheinlichsten Resultaten des Urnengangs, würde es danach zu einem längeren juristischen Tauziehen, Demonstrationen und einem Einbruch an den Börsen kommen.

„Wir rechnen mit Auseinandersetzungen vor Gerichten, divergierenden Mediennarrativen, Versuchen, die erneute Auszählung von Stimmzetteln zu verhindern, und massiven Protesten von Wählern beider Parteien“, fasst TIP die Ergebnisse der Simulation zusammen. „Das Potenzial für gewaltsame Konflikte ist hoch, insbesondere da Trump seine Anhänger ermutigt, zu den Waffen zu greifen.“

Weltmacht vorübergehend führungslos?

„Sollte dieses Szenario eintreten, dürften auch Aktien Schweizer Immobilienunternehmen Kursverluste erleiden“, sagt Claudio Saputelli, Leiter Immobilienresearch bei der Großbank UBS in Zürich. In vergangenen Krisenphasen waren die börsennotierten Immobiliengesellschaften in der neutralen Alpenrepublik mit ihrer starken Franken-Währung von Investoren regelmäßig als sicherer Hafen angesteuert worden. Dies könnte diesmal jedoch anders sein.

„Wenn die größte Weltmacht vorübergehend führungslos ist, könnte dies erhebliche Unsicherheit an allen Finanzmärkten auslösen und die Börsen unter Druck bringen“, sagt Fredy Hasenmaile, Leiter Immobilienökonomie bei der Credit Suisse in Zürich.

Auch die DekaBank erachte „das Szenario, in dem der Wahlausgang durch die Trump-Fraktion unter den Wählern nicht anerkannt wird, für das Schädlichste am Aktienmarkt“, sagt deren Chefvolkswirt Kater. „Es könnte eine Phase massiver Unsicherheit über die Frage der politischen Handlungsfähigkeit auftreten, welche die Aktienmärkte belasten würden.“

Börsenturbulenzen dürfte es bereits vor dem Urnengang geben, sagt BayernLB-Ökonom Michels. „Es ist damit zu rechnen, dass im Vorfeld der Wahl Meinungsumfragen oder Äußerungen der Kandidaten zu größeren Kursausschlägen führen.“

Gefahr der zweiten Corona-Welle

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter bei der Mannheimer ICM Independent Capital Management, sieht noch weitere Risiken für die Kapitalmärkte. Viele Aktien seien in Folge der raschen Börsenerholung nach dem Corona-Einbruch im März inzwischen viel zu hoch bewertet, obwohl viele Unternehmen immer noch angeschlagen seien. „Auch die wachsende Gefahr einer zweiten Pandemiewelle wird derzeit außer Acht gelassen“, sagt Ehlhardt.

Er rät Anlegern, „die steigenden Kurse zu nutzen und ihre Liquidität durch Aktienverkäufe peu à peu zu erhöhen“. Wenn die Börsennotierungen gefallen sind, könnten private Investoren dieses Kapital nutzen, um zu günstigeren Kursen wieder in den Markt einzusteigen.

Anleger könnten überlegen, „ob sie ein durch die Wahlkapriolen günstigeres Kursniveau nicht zum Einstieg in einen weiterhin erfolgversprechenden Markt sehen sollten“, sagt DekaBank-Chefökonom Kater.

Gleichzeitig rät er davon ab, sich nun von Papieren zu trennen. Denn die Historie zeige, dass „sich die Kurse nach politisch bedingten Rückgängen jedes Mal wieder erholen“.

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