Revolution im Medizinstudium?

Virtuelle Realität sorgt für Anatomie im neuen Format

Die Digitalisierung gilt als einer der zentralen Treiber des Gesundheitswesens weltweit. Doch im Medizinstudium findet sie weitgehend nicht statt. Innovative Lösungen für die Arztausbildung gibt es viele, wie die Medica zeigt.

Von Matthias Wallenfels Veröffentlicht: 14.11.2018, 17:11 Uhr
Virtuelle Realität sorgt für Anatomie im neuen Format

Mit der VR-Brille von HTC hat der Träger Zugang zu einer Bibliothek mit virtuellen 3D-Organen.

© maw

DÜSSELDORF. Deutschland soll nach dem Willen der Bundesregierung international führender Standort für Anwendungen der Künstlichen Intelligenz werden und bleiben – so lautet zumindest der in den im Juli im Bundeskabinett verabschiedeten Eckpunkten zur KI-Strategie verankerte Anspruch.

Explizit wiesen und weisen Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie Forschungsministerin Anja Karliczek sowie ihre Vorgängerin Johanna Wanka am Beispiel der onkologischen Präzisionsmedizin immer wieder auf das immense Potenzial, das der Einsatz der KI – und damit das systematische Auswerten von Big Data – für die medizinische Versorgung birgt.

Mindestens zwei große Hindernisse dürften dem Erfolg der KI-Strategie zumindest mittelfristig im Weg stehen.

Zum einen kommt der Breitbandausbau in Deutschland nicht voran, der aber die Conditio sine qua non für den flächendeckenden Einsatz telemedizinischer Lösungen ist, die auch von KI profitieren könnten.

Zum anderen lässt sich die legitime – und auch essenzielle – Frage stellen, wie Medizinstudenten in Deutschland an die Digitalisierung ihres generischen Arbeitsbereiches herangeführt und im Umgang mit innovativen Techniken geschult werden sollen.

Digitalisierung – nur ein virtuelles Phänomen?

Zweifelsohne darf man davon ausgehen, dass sich unter den heutigen und auch künftigen Medizinstudenten an deutschen Universitäten die Mehrheit den Digital Natives zuordnen würden. Im privaten Bereich liegt somit in den meisten Fällen bereits eine digitale Kompetenz vor.

Das reicht aber nicht für einen Versorgungsalltag in E-Health-Zeiten. Die Crux: Selbst wenn sich die Studenten in ihrem Medizinstudium Digitalisierung im Allgemeinen und KI im Speziellen widmen wollten, so findet diese laut Lehrplan nicht statt – mit wenigen Ausnahmen. Warum auch?

Sowohl in dem auf dem 76. Ordentlichen Medizinischen Fakultätentag 2015 in Kiel verabschiedeten Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM) noch im mit viel Pomp zelebrierten Masterplan „Medizinstudium 2020“, der die Ausbildung der angehenden Ärzte modernisieren soll, spielen digitale Aspekte eine große Rolle. Soll die Digitalisierung der Medizin – zumindest in Deutschland – nur ein virtuelles Phänomen bleiben?

Andere Länder geben sich hier fortschrittlicher und offener gegenüber den digitalen Segnungen – einschließlich Virtueller Realität (VR).

So berichtete Lewis Chang, bei dem taiwanesischen Elektronikspezialisten HTC Manager Product Development HTC Healthcare, bei der derzeit in Düsseldorf stattfindenden, weltgrößten Medizinmesse Medica im Gespräch mit der „Ärzte Zeitung“, dass weltweit bereits einige Universitäten die Lösung VR-Organon für ihre Medizinerausbildung nutzen wollen.

HTC will mit der virtuellen Brille VIVE den medizinischen Markt erobern. Zu diesem Zweck ist die Brille mit einer eigens entwickelten VR Lehrsoftware zu 3D-Organen gekoppelt worden.

3D Organon heißt entsprechend auch der nach Unternehmensangaben erste anatomische Atlas für die Virtuelle Realität, der für Lehrzwecke an Universitäten aber auch für den Einsatz in Kliniken entwickelt wurde.

Bedient wird das Tool mithilfe der VR-Brille VIVE und zwei Controllern, die der Anwender in den Händen hält.

Verblüffend echt erscheint die menschliche Anatomie im virtuellen Raum. Über 4000 anatomische Strukturen und 550 Animationen, die durch eine detailgetreue Darstellung überzeugen, können im dreidimensionalen Raum aufgerufen werden.

Leichen adé?

Wie Chang betont, nutzten bereits erste Universitätsprofessoren in den USA die neue Lösung, um Anatomie im neuen Format beizubringen.

Bis zu 200 Studenten könnten sich online zuschalten, wenn die Anatomiestunde auf dem Lehrplan steht.

Die VR-Technik erlaubt es, den menschlichen Körper Schicht für Schicht und Organ für Organ auseinanderzunehmen und via Drehung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten– inklusive erläuternder Informationen.

Für die Zukunft könnte das heißen, dass Medizinstudenten komplett auf die Dissektion menschlicher Leichen im Studium verzichten könnten – und somit einen ersten Zugang zu VR im medizinischen Kontext finden. Vielleicht wird dieses Szenario eines Tages auch in Deutschland wahr – vielleicht.

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