Präpkurs

Wenn der Mensch zum Objekt wird

Verrohen Medizinstudenten im Präpkurs wirklich, wie gern behauptet wird? Student Philipp Humbsch sagt: Ein bisschen. Aber nur so können sie das Mysterium Mensch entschlüsseln - und werden gute Ärzte.

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Wenn der Mensch zum Objekt wird

© Waltraud Grubitzsch / ZB / picture alliance

Als integraler Bestandteil der Medizinerausbildung stand der Präparierkurs immer wieder mal in der Kritik. Dabei geht es weniger um die religiöse Sicht auf den menschlichen Leib, der nach dem Tod nicht zerstört werden darf. Vielmehr wird das Präparieren an Leichen, das nicht wenige gegen einen inneren Widerstand beginnen, als ein Weg zu einer Verrohung der jungen Mediziner angesehen.

Durch den engen Kontakt mit dem Tod, so ein häufig angebrachter Kontrapunkt von Präpariergegnern, führt zu einem schwindenden Respekt vor der einzelnen Person und ihrem Leben.

Philipp Humbsch

Wenn der Mensch zum Objekt wird

© privat

Der Medizinstudent, Jahrgang 1991, pendelt für sein Studium jeden Tag 200 Kilometer von Frankfurt (Oder) nach Berlin und zurück.

Er arbeitet im Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree und außerdem als Sprechstundenhilfe bei einem Hausarzt.

Dass der Kurs etwas an der Sichtweise auf den Tod verändert ist wahr, das ging nicht nur mir so. Waren die ersten Unterrichtsstunden noch von einer andächtigen Stille erfüllt, die nur vom Dozenten durchdrungen wurde, wenn er einem den Nerv, von dem man gerade das Fett kratzt, in seinem Verlauf und seiner Funktion erklärt, ändert sich das im Verlauf des Jahres deutlich.

Spekulieren über die Todesursache

Man unterhielt sich an der Leiche, man rätselte über die Todesursache - an dieser Stelle mal eine Vermutung, die Körperspende hatten eigentlich immer ein Malignom – und applaudierte artig, wenn der Nebenmann den Cutaneus präparieren konnte, ohne ihn zu zerschneiden.

Es stört aber irgendwann auch keinen mehr so sehr wie zu Anfang, wenn ein eifriger Kommilitone mal einen wichtigen Nerven zersägt.

Es stimmt tatsächlich: Dieser Mensch, der da seinen Körper für unsere Lehre gegeben hat, wird stellenweise zu einem Objekt, einem Präparat. Man arbeitet quasi mit einem dreidimensionalen Anatomieatlas, einem lebensgroßen Modell, die Lernziele für die Prüfungen ab, während einem der Formalingeruch in die Kleidung dringt.

Das Todesurteil

Allerdings, am Ende eines Kurses, wenn man die Leiche wieder in die feuchten Tücher einwickelt, und sich der Formalingeruch langsam aus der Nase verflüchtigt, dann denke ich über das nach, was ich gerade gemacht habe, dass die eben präparierte völlig zerstörte Lunge, oder die fünf Kilo schwere Leber zu einem Menschen gehören, und dass die für diesen Menschen das Todesurteil waren.

Das Präparat bleibt ein Mensch, der mal geatmet hat, gegessen, der Freunde hatte und wohl auch Hinterbliebene zurückließ, als er ging. Das hat allerdings, wie ich denke, nichts mit einem wie auch immer gearteten Abstumpfen zu tun.

Mysterium wird kleiner

Es ist schlicht das ein bisschen kleiner werdende Mysterium Mensch, das mit jeder Stunde in den Präpsälen den Studenten ein wenig mehr von dem offenbart, was kein Buch in dieser Plastik erklären könnte.

Und, wenn man sich auf die Materie einlässt – was mir in der Prüfungszeit nicht leicht fiel –, auch neue Fragen stellt und so immer das Mysterium bleiben kann. Am Ende haben auch die Anatomen zumindest ein wenig Recht, die sich mit diesem Satz nie in einer Zeitung zitieren lassen würden: "Wer den Präparierkurs aufgrund irgendwelcher Befindlichkeiten nicht schafft, der ist in dem Beruf falsch."

Natürlich muss man diesen Satz relativieren. Nicht alle wollen operieren, manche werden extra unblutige Fachärzte wie nichtoperierende Augenärzte oder Umweltmediziner, und werden in dem Beruf sehr glücklich. Aber ohne das anatomische Praktikum im Präparierkurs würde vieles von dem ein Rätsel bleiben, das einmal mein tägliches Arbeitsfeld sein wird: der menschliche Körper.

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