Bundeswehr

„Wir arbeiten im Sanitätsdienst nicht gewinnorientiert“

Der stellvertretende Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr, Generalstabsarzt Dr. Stephan Schoeps, beschreibt im Interview, wo die Besonderheiten für Ärzte bei der Bundeswehr liegen.

Von Sybille Cornell Veröffentlicht: 29.10.2019, 15:33 Uhr
„Wir arbeiten im Sanitätsdienst nicht gewinnorientiert“

Generalstabsarzt Dr. med. Stephan Schoeps sagt: Der Frauenanteil im Sanitätsdienst liegt teilweise schon über 50 Prozent.

© SanDstBw/Julia Langer

Ärzte Zeitung: Herr Dr. Schoeps, worin unterscheiden sich eigentlich die klinische Tätigkeit und die medizinische Vorgehensweise zwischen Bundeswehr und ziviler Versorgung?

Dr. Stephan Schoeps: Der größte Unterschied ist, dass unsere Bundeswehrkrankenhäuser stationär mehrheitlich zivile Patienten behandeln, allerdings wir in einem System arbeiten, in dem der Hauptzweck ein militärischer ist. Wir bilden aus, machen Fortbildungen, halten uns fachlich einsatzbereit, damit wir unsere Einsätze bestreiten können. Deswegen nehmen wir teil an der zivilen Patientenversorgung. Wir haben vergleichsweise mehr Personal in unseren Krankenhäusern, weil wir Aus- , Fort- und Weiterbildungsbetriebe sind. Zudem sind wir als Bundeswehrdienststellen nicht gewinnorientiert, und das macht meines Erachtens einen gravierenden Unterschied zum derzeitigen zivilen Gesundheitssystem, das sich mehr und mehr kommerzialisiert.

Im Sanitätsdienst der Bundeswehr beträgt der Frauenanteil rund 40 Prozent. Ist das ein Abbild des gesellschaftlichen Wandels oder das Ergebnis spezieller Maßnahmen?

Dr. med. Stephan Schoeps

  • Aktuelle Position: Generalstabsarzt Dr. Stephan Schoeps ist stellvertretender Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr.
  • Werdegang: 1997 Eintritt in die Bundeswehr, 1983 Abschluss des Medizinstudiums beim Bund.

Auch in der Bundeswehr nimmt der Frauenanteil zu und beträgt bei uns im Sanitätsdienst teilweise sogar schon über 50 Prozent. Bei den Sanitätsoffizieren sind es bereits mehr junge Frauen als junge Männer. Als Führung des Sanitätsdienstes haben wir ein Auge darauf, dass Frauen, die in familienbedingten Teilzeiten, Elternzeiten oder Telearbeit sind, nicht benachteiligt werden. Das wird aktiv überwacht. Zum anderen braucht man sich kaum Sorgen zu machen, denn die Frauen setzen sich aufgrund ihrer Leistungen auch so in unseren Systemen durch. Wir sind einer der Arbeitgeber, die ein sehr fortschrittliches Verhalten für die Chancengerechtigkeit und die Kinderfreundlichkeit vorleben. Unsere frühere Ministerin, Frau von der Leyen, hatte sich das absolut auf die Fahne geschrieben. Es war ihr ein Herzensanliegen, und das hat Auswirkungen gehabt, die wir heute widerspiegeln.

Wie unterscheiden sich Studium und Weiterbildung in der Bundeswehr von der zivilen Laufbahn von Ärzten?

Die Inhalte des Studiums unterscheiden sich überhaupt nicht, da das Studium an zivilen Universitäten absolviert wird. Wenn wir fertig sind, wird man zusätzlich in einer postuniversitären Ausbildung auf die militärischen Anteile geschult. Anschließend gehen unsere Leute in die Facharztausbildung und nach zwei bis drei Jahren wechseln sie für drei bis vier Jahre in eine allgemeinmedizinische Truppenarztpraxis. Und dann kommen sie in die Klinik zurück, um den Facharzt abzuschließen. Die jungen Menschen verpflichten sich für die Bundeswehr für ein Minimum von 17 Jahren. Das muss auch so sein, denn das Studium dauert allein sechs Jahre plus die anteilige Facharztausbildung. Der Return on Invest ist, dass der ausgebildete Arzt dann in Einsätze geht und seinen militärischen Aufgaben nachgeht. Insgesamt ist das eine sehr attraktive Laufbahn, die auch nachgefragt wird. Wir haben pro Platz mindestens fünf bis sechs Bewerber.

Wie sehen Sie die Perspektive der Bundeswehr auf europäische Ebene und die Zusammenarbeit im internationalen Bereich?

Die Zukunft des Sanitätsdienstes ist multinational. Die hohe Anforderung an eine sachgerechte, am Stand der Technik orientierte, sanitätsdienstliche Versorgung ist so immens, dass viele Nationen Schwierigkeiten haben, das volle Programm anzubieten. Wir haben erst vor Kurzem in Koblenz eine Dienststelle gegründet, das Multinational Medical Coordination Center / European Medical Command. Dort bringen wir die Interessen der anderen Nationen mit den Deutschen zusammen und koordinieren. Die Frage lautet: Wie stellen wir eine Sanitätsversorgung für große multinationale Verbände zusammen? Das ist ein erheblicher koordinativer Aufwand. Aber nur so kann man das komplette Programm von der Versorgung vor Ort bis hin zum Transport nach Hause realisieren. Wir machen nichts alleine, denn wir sind eingebunden in Bündnisse. Das gilt auch für den Sanitätsdienst. Nur gemeinsam kann man den Auftrag erfüllen.

Der Zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr ist einer der militärischen Organisationsbereiche der Bundeswehr. Er leistet für alle Teilbereiche der Bundeswehr (Heer, Luftwaffe, Marine und Streitkräftebasis) den Großteil der sanitätsdienstlichen Betreuung. Der Auftrag: „... die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten zu schützen, zu erhalten und wiederherzustellen“. Der Sanitätsdienst stellt mit seinen Kräften und Mitteln die medizinische Versorgung und Begutachtung der Soldaten sowohl im In- als auch im Ausland sicher.

Das Kommando Sanitätsdienst hat seinen Sitz in Koblenz. In Deutschland betreibt der Sanitätsdienst insgesamt fünf Bundeswehr-Krankenhäuser in Koblenz, Ulm, Berlin, Hamburg und Westerstede. In diesen werden nicht nur Militärangehörige, sondern zu 80 Prozent auch zivile Patienten versorgt. Jährlich werden insgesamt rund 60 000 Patienten stationär und 400 000 Patienten ambulant behandelt.

Die Bundeswehr-Krankenhäuser sind immer auch Ausbildungsbetriebe und haben einen überdurchschnittlich hohen Versorgungsgrad. Insgesamt sind rund 20 000 Soldatinnen und Soldaten beim Sanitätsdienst beschäftigt, darunter 3500 als Sanitätsoffiziere (Ärzte, Zahnärzte, Therapeuten und Apotheker).

Wenn für Auslandseinsätze fest angestellte Ärzte der Bundeswehr herangezogen werden müssen, die in einem Bundeswehrkrankenhaus als OP-Teams für die Versorgung der Patienten zuständig sind, dann können Reservisten in dem betreffenden Krankenhaus den Dienst übernehmen. Damit ist die Reserve des Sanitätsdienstes ein wichtiger Baustein für die Absicherung der medizinischen Versorgung.

Neue Kooperation auf internationaler Ebene

Anfang September 2019 haben die militärischen Sanitätsdienste von 14 Nationen eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Zu diesem Zweck wurden zwei Projekte zu einer neuen Initiative zusammengeführt: Das MMCC (Multinational Medical Coordination Centre) der NATO und der EMC (European Medical Command) der Europäischen Union. Die gemeinsame Erklärung wurde von Vertretern aus Belgien, Deutschland, Estland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Rumänien, Schweden, Tschechien und Ungarn unterzeichnet.

Deutschland hat sich bereit erklärt, eine führende Rolle in der sanitätsdienstlichen Unterstützung zu übernehmen. Generalarzt Stefan Kowitz hat die Position des Direktors der neuen Initiative (MMCC/EMC) übernommen.

Harmonisierung der Einsatzpläne

Aufgabe des MMCC/EMC ist eine verbesserte internationale Koordination bei Behandlung von Verwundeten und bei der Materialbeschaffung. Auch die Einsatzplanungen der NATO und EU sollen harmonisiert werden. „Immerhin leben 90 Prozent der EU-Bürger in einem Mitgliedsland der NATO“, so Kowitz bei der Unterzeichnung der Vereinbarung auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein.

Die multinationale Initiative MMCC/EMC besteht zunächst neben den deutschen Anteilen aus einem niederländischen, einem französischen und einem norwegischen Verbindungsoffizier. Das Zentrum wird durch die Entsendung weiterer Verbindungsoffiziere der beteiligten Nationen nach Koblenz noch in diesem Jahr wachsen. (syc)

Sanitätsdienst der Bundeswehr für Reservisten

Interessenten für die Reserve im Sanitätsdienst melden sich in Koblenz beim Kommando Sanitätsdienst:

Hotline: 02 61 / 8 96 32.444

E-Mail:KdoSanDstBwIX-4InfoRes@bundeswehr.org

Mehr zum Thema

Kommentar zur VAMOS-Studie

Mehr Bewegung, Groko!

Aus der Praxis

Hausbesuche von MFA ohne Zusatz-Quali?

Kommentare

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar verfassen zu können.
Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Newsletter bestellen »

Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte, Medizinstudenten, MFA und weitere Personengruppen viele Vorteile.

Die Anmeldung ist mit wenigen Klicks erledigt.

Jetzt anmelden / registrieren »

Top-Meldungen
Von der Weiterbildung direkt zur MVZ-Gesellschafterin

Baden-Württemberg

Von der Weiterbildung direkt zur MVZ-Gesellschafterin

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen