Ärzte Zeitung online, 27.02.2017
 

Social Freezing

Bis später, Baby!

Mit Social Freezing, dem vorsorglichen Einfrieren unbefruchteter Eizellen, lässt sich die biologische Uhr der Frau anhalten. Eine Baby-Garantie ist die Methode allerdings nicht.

Von Anne Bäurle

zur Galerie klicken

Eizellen werden zur Aufbewahrung in Tanks mit flüssigem Stickstoff gegeben. Dort können sie auf unbestimmte Zeit gelagert werden.

© Rainer Jensen / dpa |

FRANKFURT / MAIN. Am Social Freezing – dem vorsorglichen Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinische Indikation – scheiden sich die Geister. Für die Einen bedeutet es einen immensen Fortschritt für die Gleichberechtigung der Frauen – können sie damit doch selbstbestimmt ihre Fortpflanzung planen. Die Anderen dagegen sehen bei Frauen, die mit 45 Jahren oder älter ein Kind bekommen, besonders die ethischen Probleme.

Fruchtbarkeit sinkt schon ab 30

Die durchschnittliche Patientin, die Reproduktionsmedizinerin Professor Katharina Hancke vom Uniklinikum Ulm im Zusammenhang mit Social Freezing betreut, ist 38 Jahre alt.

Ihre Eizellen sind damit für das Einfrieren zwar nicht unbrauchbar, die Chancen einer Schwangerschaft stehen allerdings deutlich schlechter als bei einer Mitte-20-Jährigen: Während die Wahrscheinlichkeit, ohne medizinische Maßnahme schwanger zu werden, bei einer 25-Jährigen pro Zyklus bei 23 Prozent liege, sei sie bei 35-jährigen Frauen bereits auf 16 Prozent gesunken, so Hancke bei einer Veranstaltung des Uniklinikums Frankfurt. Vielen sei dies gar nicht bewusst.

Diesen Eindruck bestätigt auch eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach: 40 Prozent der Bevölkerung glauben, erst ab einem Alter von 40 Jahren werde es für eine Frau schwierig, ein Kind zu bekommen. 14 Prozent der Befragten waren sogar der Meinung, erst mit 45 Jahren sei der kritische Punkt erreicht.

Hancke betonte: "Mit zunehmendem Alter sinkt die ovarielle Qualität. Hinzu kommt das steigende Risiko für Fehlbildungen." So liege das Risiko für Trisomie 21 mit 38 Jahren bereits bei 20 Prozent, ab 43 Jahren sogar bei fast 50 Prozent.

Einfrieren bei -196°C

Beim Social Freezing wird bei der Patientin zunächst die Eizellreifung hormonell mit einem GnRH-Antagonisten (Gonadotropin-Releasing-Hormon) und FSH (Follikel stimulierendes Hormon) bis zu 14 Tage lang stimuliert. Zwischen dem 10. und 14. Tag wird dann der Eisprung mit einer weiteren Hormonspritze ausgelöst. Nach etwa 36 Stunden entnimmt der behandelnde Gynäkologe die Eizellen mittel Follikelpunktion mit einer dünnen Nadel durch die Vagina.

Für eine realistische Chance auf eine spätere Schwangerschaft werden im Optimalfall pro Behandlung rund 15 unbefruchtete Eizellen entnommen. Allerdings reicht dazu nur bei sehr jungen Frauen eine einzige Stimulation aus.

Die Oozyten werden im Anschluss per Vitrifikation – eine Methode der Kryokonservierung, bei der keine Kristallisationskeime entstehen, die die Eizelle zerstören würden – bei -196°C eingefroren und bei einem Schwangerschaftswunsch wieder aufgetaut. Die Überlebensrate der Oozyten bei dieser Art der Kryokonservierung liege bei 90 Prozent, so Hancke.

Zudem gebe es erste Daten, wie hoch die Schwangerschafts- und Lebendgeburtrate nach einer Vitrifikation und anschließender Befruchtung der Eizellen im Labor ist.

Demnach liegt die Rate einer klinischen Schwangerschaft bei 48 Prozent, die einer fortlaufenden Schwangerschaft, die mit der Geburt endet, bei fast 40 Prozent (Fertil Steril 2011; 96(2):277-85). Hochgerechnet auf die einzelne entnommene Eizelle liege die Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Kind auf die Welt zu bringen, allerdings bei 6,8 Prozent, betonte Hancke.

Nun ist eine erfolgreich verlaufende Schwangerschaft die eine Sache, eine andere Sache ist, ob es durch das Einfrieren der Eizellen zu Auffälligkeiten beim Kind kommen kann. Bisher gebe es dazu explizit für die Methode der Vitrifikation noch keine Daten, so die Gynäkologin. "Allerdings zeigen Studiendaten zur In-vitro-Fertilisation (IVF), dass die Wahrscheinlichkeit für Fehlbildungen durch das Einfrieren nicht erhöht ist."

Und dies offenbar auch nicht in der zweiten Generation: So habe Louise Brown, das erste per IFV gezeugte Kind, mittlerweile zwei gesunde Kinder.

"Die Eizellen gehören nicht uns"

In Deutschland ist gesetzlich geregelt, dass sich eine Frau maximal drei befruchtete Eizellen einsetzen lassen kann. "Die meisten Frauen entscheiden sich für ein bis zwei Eizellen", berichtete Hancke. "Bei erfolgreicher Schwangerschaft gebären 20 Prozent der Frauen Zwillinge, 70 Prozent bekommen Einlinge."

Social Freezing ist dabei vor allem auch eine Frage des Geldes. Hancke betont: "Die Kosten für eine einmalige Entnahme von unbefruchteten Eizellen liegen bei uns bei rund 5000 Euro, für die Lagerung der Eizellen kommen jährlich 200 Euro hinzu." Wolle eine Frau auf ihre konservierten Eizellen zurückgreifen, müssten die Kosten für eine künstliche Befruchtung hinzugerechnet werden.

Und was denkt eine Reproduktionsmedizinerin über Frauen, die mit 65 schwanger werden, wie etwa eine Berlinerin vor zwei Jahren? "Natürlich ist das ein ethisches Problem", bemerkt Hancke. "Aber die Eizellen gehören ja nicht uns." Sie empfiehlt eine Grenze von 45 Jahren für das Einsetzen befruchteter Eizellen – zum Schutz des Kindes und der Frau.

Letztendlich entschieden sich ihrer Erfahrung nach 70 Prozent der Frauen über 38 Jahren nach einem Beratungsgespräch sowieso gegen das Social Freezing.

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

FDP-Chef gibt den "Bastafari" – Steinmeier gegen Neuwahlen

Die FDP ist aus den Jamaika-Gesprächen ausgestiegen. Bundespräsident Frank Walter Steinmeier erteilt schnellen Neuwahlen eine Absage. KBV-Chef Gassen fordert Tempo. mehr »

Mit Kohlenhydrat-Tagen die Insulinresistenz durchbrechen

Typ-2-Diabetiker mit schwerer Insulinresistenz können vom Prinzip einer hundert Jahre alten Haferkur profitieren. Erfahrungsgemäß sprechen 70 Prozent der Betroffenen darauf an. mehr »

Kliniken in Nordrhein sind Vorreiter beim E-Arztbrief

Der Klinikbetreiber Caritas Trägergesellschaft West zählt zu den Vorreitern des elektronischen Arztbriefes über KV-Connect. Viele Niedergelassene sind bereits angeschlossen. mehr »