"Das ADHS ist keine erfundene Erkrankung"

BERLIN. "Kinder zappeln eben", heißt es oft, wenn Eltern von ihrem motorisch überaktiven Kind berichten. Und wenn das Kind so auffällig wird, daß wegen eines Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitäts-Syndroms (ADHS) ein regulärer Schul- oder Kindergartenbesuch kaum möglich ist, dann bleibt auf den Eltern oft das Stigma haften, in der Erziehung versagt zu haben.

Philipp Grätzel von GrätzVon Philipp Grätzel von Grätz Veröffentlicht:

Medienberichte, in denen die Existenz des ADHS in Frage gestellt wird oder die suggerieren, es handele sich um eine von der Pharmalobby zur Krankheit gemachte Normvariante des ganz normalen Verhaltens, tragen ihren Teil dazu bei. In solchen Artikeln werden oft auch gleich noch die Ärzte stigmatisiert, die das Standardtherapeutikum Methylphenidat verordnen.

Eine "erfundene Epidemie", für deren Bekämpfung Pillen verordnet würden "wie Smarties", eine "scheinbare Häufung", das sind nur einige Beispiele dafür, wie das ADHS in vielen Presseberichten bagatellisiert wird. Die Juli-/August-Ausgabe der Zeitschrift "b & w" der Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg bezeichnete Methyl-phenidat gar als "Aufputsch- und Dopingmittel" mit gefährlichen Nebenwirkungen.

Für Dr. Michael Huss von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Charité Berlin sind solche Pauschalisierungen ein Unding: "Man muß sich eigentlich nur ansehen, wie die Kinder selbst unter ihrem Problem leiden, um zu realisieren, daß wir hier nicht über eine fiktive Erkrankung reden", sagte der Arzt und Psychologe beim Weltkongreß für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Berlin. Doch nicht nur das Kind, auch die Familie leidet: So wird geschätzt, daß Ehen in Familien mit ADHS-Kindern fünfmal häufiger geschieden werden als im bundesweiten Durchschnitt.

Daß das Phänomen ADHS mitsamt der zunehmend präsenten medikamentösen Behandlung allerdings bei vielen Menschen Irritationen hervorruft, das versteht Huss schon. Immerhin werden heute mindestens 23 mal mehr Methylphenidat-haltige Präparate verordnet als Anfang der neunziger Jahre. Im selben Zeitraum sei die Gesamtzahl der Arzneimittelverordnungen in Deutschland um ein Drittel zurückgegangen.

Dazu kommt, daß die Verordnung einer medikamentösen ADHS-Behandlung von Kinderärzten und Kinderpsychiatern in Deutschland alles andere als einheitlich gehandhabt wird: Jede dritte Methylphenidat-Dosis, die in Deutschland über den Apothekentresen geht, wird in einer von nur sechzehn Kinderarztpraxen und Kinderambulanzen verordnet. Den Rest teilen sich die rund viertausend anderen Kinderärzte des Landes.

Diese Ungleichverteilung habe zur Folge, daß es Regionen in Deutschland gebe, in denen sehr viele Kinder mit ADHS lebten und andere Regionen, etwa in den neuen Bundesländern, in denen die Erkrankung scheinbar überhaupt nicht auftrete, wie Huss bei einer von Janssen Cilag ausgerichteten Veranstaltung berichtete. Das Unternehmen vertreibt das Methylphenidat-Präparat Concerta®.

Ihr Newsletter zum Thema
Mehr zum Thema
Das könnte Sie auch interessieren
Was die MS-Behandlung auszeichnet

© Suphansa Subruayying | iStock

Lebensqualität

Was die MS-Behandlung auszeichnet

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

© AscentXmedia | iStock

Lebensqualität

Unsichtbare MS-Symptome im Fokus

Anzeige | Merck Healthcare Germany GmbH
Kommentare
Sonderberichte zum Thema
Abb. 1: AIO-KRK-0424/ass-Registerstudie: Leitlinienadhärenz

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [5]

BRAFV600E-mutiertes mCRC nach systemischer Vortherapie

Registerstudie weist auf Defizite in der Umsetzung der Leitlinienempfehlungen hin

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Pierre Fabre Pharma GmbH, Freiburg
Dr_Microbe / stock.adobe.com

© Dr_Microbe / stock.adobe.com

Fünf Jahre orale Therapie mit Risdiplam

Breite Anwendbarkeit bei 5q-assoziierter SMA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Roche Pharma AG, Grenzach-Wyhlen
Abb. 1: Mittlere Veränderung des DAS28-CRP bis Woche 52 gegenüber Ausgangswert (primärer Wirksamkeitsendpunkt)

© Springer Medizin Verlag, modifiziert nach [2]

Anti-TNF-Therapie

Erstes Golimumab-Biosimilar erweitert Therapiespielräume bei RA, PsA, axSpA und pJIA

Sonderbericht | Mit freundlicher Unterstützung von: Advanz Pharma GmbH, München
Vorteile des Logins

Über unser kostenloses Login erhalten Ärzte und Ärztinnen sowie andere Mitarbeiter der Gesundheitsbranche Zugriff auf mehr Hintergründe, Interviews und Praxis-Tipps.

Haben Sie schon unsere Newsletter abonniert?

Von Diabetologie bis E-Health: Unsere praxisrelevanten Themen-Newsletter.

Jetzt neu jeden Montag: Der Newsletter „Allgemeinmedizin“ mit praxisnahen Berichten, Tipps und relevanten Neuigkeiten aus dem Spektrum der internistischen und hausärztlichen Medizin.

Top-Thema: Erhalten Sie besonders wichtige und praxisrelevante Beiträge und News direkt zugestellt!

Newsletter bestellen »

Top-Meldungen

Muskuloskelettale Erkrankungen

Was bringt Kinesiotaping?

Asthma, COPD und Co.

Acht Fehler bei der Inhalationstherapie – und wie es richtig geht

Lesetipps
Ein Kardiologe verwendet einen Schlauch für die Radiofrequenzkatheterablation eines Patienten mit Vorhofflimmern.

© romaset / stock.adobe.com

Nach Katheterablation

Kontrolle von Risikofaktoren schützt vor Vorhofflimmern-Rezidiven

Eine Blutprobe zur Bestimmung von vier kardiovakulären Schlüsselmarkern.

© Henrik Dolle / stock.adobe.com

Verdacht auf Myokardinfarkt

Wenn erhöhte Troponine täuschen und es kein Herzinfarkt ist

Diabetischer Fuß mit Ulkus

© Brauer / stock.adobe.com

Innovative Therapieansätze

Mit Fischhaut gegen den diabetischen Fuß