Ärzte Zeitung online, 16.05.2017

Diesel-Abgase: Rund 38.000 Tote durch mehr Stickoxide

Seit dem Abgas-Skandal vor zwei Jahren ist bekannt, dass viele Dieselfahrzeuge mehr Stickoxide ausstoßen, als sie eigentlich sollten. Was das konkret bedeutet, haben Wissenschaftler nun errechnet.

Von Stefan Parsch

Diesel-Abgase: Rund 38.000 Tote durch mehr Stickoxide

Dieselautos verursachen in den EU-Ländern etwa 60 Prozent des Mehrausstoßes an Stickoxiden pro Jahr.

© Kara / Fotolia.com

WASHINGTON. Rund 38.000 Menschen sind einer Hochrechnung zufolge wegen nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte bei Dieselfahrzeugen allein im Jahr 2015 vorzeitig gestorben. 11.400 dieser Todesfälle entfallen auf die EU, wie ein wissenschaftliches Team um Susan Anenberg von der Organisation Environmental Health Analytics (LLC) in Washington berichtet. Die Gesamtzahl vorzeitiger Todesfälle durch Stickoxide aus Dieselabgasen lag demnach für die weltgrößten Automärkte bei 107.600.

Die Wissenschaftler errechneten, dass Dieselfahrzeuge jährlich rund 4,6 Millionen Tonnen Stickoxide mehr ausstoßen als sie nach geltenden Abgasgrenzwerten dürften. Im Jahr 2015 habe der Gesamtausstoß in der Folge bei 13,1 Millionen Tonnen gelegen, schreiben die Forscher im Fachmagazin "Nature". Stickoxide gehören zu den Vorläuferstoffen bodennahen Ozons: Bei starker Sonneneinstrahlung lösen sie chemische Reaktionen aus, in deren Verlauf Ozon entsteht. Zudem tragen Stickoxide zur Feinstaubbelastung bei.

Seit Beginn des Volkswagen-Abgasskandals vor zwei Jahren wurde nach und nach bekannt, dass viele Dieselfahrzeuge auf der Straße mehr Schadstoffe ausstoßen als auf dem Abgas-Prüfstand.

Check: Märkte für Dieselfahrzeuge

Anenberg und Kollegen nutzten diese Ergebnisse und etablierte Modelle zur Ausbreitung von Schadstoffen, um den über den Grenzwerten liegenden Ausstoß und die Folgen für die elf größten Märkte für Dieselfahrzeuge abzuschätzen. Diese Märkte sind Australien, Brasilien, China, die 28 EU-Staaten, Indien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Südkorea und die USA. In diesen Ländern und Regionen werden rund 80 Prozent aller Dieselfahrzeuge verkauft.

Die Forscher konzentrierten sich auf Stickoxide wie Stickstoffoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2). Insgesamt entfallen demnach auf fünf Märkte – Brasilien, China, die EU, Indien und die USA – 90 Prozent des Zusatzausstoßes. Bei ihren Modellberechnungen unterschieden die Wissenschaftler nach Autos, Lkw und Bussen. "Der Schwerlastverkehr – größere Lkw und Busse – trug bei Weitem am meisten zu den überschüssigen Stickoxiden bei, nämlich zu 76 Prozent", sagt Josh Miller vom International Council on Clean Transportation (ICCT) in Washington, Mitautor der Studie.

Lediglich in der EU ist die Situation demnach anders, da Diesel-Pkw dort erheblich weiter verbreitet sind: Dieselautos verursachen in den EU-Ländern etwa 60 Prozent des Mehrausstoßes an Stickoxiden pro Jahr. "Europa trägt unter den größten Automärkten die größte Gesundheitslast durch zusätzliche Stickoxid-Emmissionen", sagte ICCT-Experte und Mitautor Ray Minjares. Von den 28.500 vorzeitigen Todesfällen durch Stickoxide aus Dieselabgasen in der EU entfallen demnach rund 11.400 auf den Zusatzausstoß infolge nicht eingehaltener Abgasgrenzwerte.

Kausalität nicht erwiesen?

Im Abschlussbericht des Untersuchungsausschusses des Deutschen Bundestags zum Abgasskandal, der in Kürze veröffentlicht wird, heißt es: "Epidemiologisch ist ein Zusammenhang zwischen Todesfällen und bestimmten NO2-Expositionen im Sinne einer adäquaten Kausalität nicht erwiesen".

Dazu äußerte sich eine Reihe wissenschaftlicher Experten. Dr. Dietrich Plaß vom Umweltbundesamt UBA, Dessau-Roßlau stimmt zwar zu, dass es grundsätzlich nicht möglich sei, mit epidemiologischen Studien einen kausalen Zusammenhang nachzuweisen. "Dennoch kann aufgrund der Vielzahl an Studien, die auf einen vergleichbaren statistischen Zusammenhang zwischen NO2-Exposition und negativen gesundheitlichen Auswirkungen schließen, angenommen werden, dass die gesundheitlichen Effekte von NO2 belegt sind".

Und Nino Künzli vom Schweizer Tropen- und Public-Health-Institut (TPH) in Basel sagt "Die Kombinationswirkungen von NO2 mit anderen immer präsenten Schadstoffen sind auch toxikologisch kaum erforscht, weshalb es auch nicht angemessen ist, NO2 per se als unbedenklich zu bezeichnen".

In Deutschland werden an den meisten der mehr als 500 Messstationen die Jahresgrenzwerte für NO2 zwar eingehalten. Überschreitungen verzeichnen hier ausschließlich verkehrsnahe Messstationen. Eine flächendeckende Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte ist damit aber nicht gelungen. (dpa/grz)

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[15.11.2018, 20:34:21]
Dr. Andreas Schnitzler 
Epidemiologische Hysterie? (!)
Unbeschadet aller guten Absichten.

1.
Laut Presseberichten (Die Welt vom 10.11.2018) wurden die Messwerte bspw. in Oldenburg überschritten, obwohl die Strasse wegen Bauarbeiten zeitweise komplett gesperrt war.

2.
2018 sagte Barbara Hoffmann, Leiterin der Umweltepidemiologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf: "Bereits kurzzeitig erhöhte Feinstaubwerte können durch die systemische Entzündungsreaktion und vermehrte Koagulationsbereitschaft Herzinfarkte, Schlaganfälle und eine erhöhte Sterblichkeit auslösen. Diese kurzfristigen Effekte (...)."
(https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/95326/Pro-und-Contra-Schuetzen-die-EU-Grenzwerte-fuer-Stickoxide-und-Feinstaub-vor-Krankheit-und-Tod)

Man erinnert sich:
2005 behauptete die "Tabakkontrolle" (Seite 25) zum "Passivrauch": "Insbesondere schnell eintretende Veränderungen wie die Bildung von Thromben, endotheliale Dysfunktion und Entzu¨ndungsprozesse, die zu akuten kardiovaskulären Ereignisssen fu¨hren können, sind dabei von zentraler Bedeutung." (Pötschke-Langer M (2005) Passivrauchen – ein unterschätztes Gesundheitsrisiko. Privatverlag, Heidelberg)

2016 lautete dagegen die Antwort auf die Frage, wie denn ein "Erfolg des Nichtraucherschutzes" zu belegen sei: "Es besteht eine erhebliche Latenzzeit von Jahrzehnten fu¨r die berechneten Todesfälle an (...) und Schlaganfall." (Pötschke-Langer M (2016) Der Nichtraucherschutz wirkt. Radiologe 56:442–444)

Muss man jetzt wirklich "hellsehen" können, um sich vorzustellen, wie denn in einigen Jahren die Antwort auf die Frage lauten dürfte, wieviele "Feinstaubopfer" es dann WENIGER gibt?


Mit Verlaub: HIRNGESPINSTE.



 zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Grippe-Impfsaison noch lange nicht vorbei!

Kein Land Europas erreicht die Influenza-Impfziele der WHO. Jetzt vor der Grippewelle appellieren Experten daher an Ärzte, noch möglichst viele Patienten zu schützen. mehr »

Wenn Insulin zum fetten Problem wird

Schon leicht erhöhte Insulinspiegel können offenbar Adipositas sehr stark fördern. Forscher haben sich den Zusammenhang angeschaut und empfehlen Intervallfasten – mit einer Einschränkung. mehr »

Musiktherapie tut Krebskranken gut – zumindest kurzfristig

Ein Bericht für das IQWiG bescheinigt der Musiktherapie kurzfristigen Nutzen im Vergleich zur Routineversorgung bei Angst, Depression und Stress. Zur Bewertung von Langfrist-Effekten fehlen aber Daten. mehr »