Ärzte Zeitung online, 25.07.2018

Internationale Alzheimer Konferenz

Schwangerschaften scheinen vor Alzheimer zu schützen

Frauen mit langer fruchtbarer Phase und vielen Schwangerschaften müssen offenbar weniger Angst vor einer Demenz haben. Ein Grund dafür könnten neben Östrogenen auch immunologische Anpassungen sein.

Von Thomas Müller

Schwangerschaften scheinen vor Alzheimer zu schützen

Nach einer Analyse des US-Versicherers Kaiser Permanente ist das Demenzrisiko für Frauen mit drei oder mehr Kindern um etwa 12 Prozent geringer als bei Frauen ohne Kinder.

© mez / stock.adobe.com

CHICAGO/USA. Rund zwei Drittel aller Demenzkranken sind Frauen, und das lässt sich nicht alleine damit erklären, dass Frauen länger leben als Männer. Vielmehr scheinen auch andere geschlechtsspezifische Faktoren bedeutsam zu sein.

Auf dem internationalen Kongress der Alzheimer's Association (AAIC) in Chicago haben Experten neue Hinweise vorgestellt, wonach vor allem die Zahl der Schwangerschaften und die Dauer der reproduktiven Phase einen nennenswerten Einfluss auf das Alzheimerrisiko zu haben scheinen.

So ist nach einer Analyse des US-Versicherers Kaiser Permanente das Demenzrisiko für Frauen mit drei oder mehr Kindern um etwa 12% geringer als bei Frauen ohne Kinder. Fehlgeburten gehen jedoch mit einer erhöhten Demenzrate einher – pro Fehlgeburt steigt sie um 9%.

Beide Effekte lassen sich aufaddieren: Frauen mit drei oder mehr Kindern ohne Fehlgeburten dürfen sich über ein um 28% geringeres Demenzrisiko freuen als solche mit Fehlgeburten.

Dauer der reproduktiven Phase entscheidend

Auch die Dauer der reproduktiven Phase scheint für das Demenzrisiko relevant zu sein: Frauen mit der ersten Monatsblutung im Alter von 16 Jahren erkranken nach den Daten des Versicherers zu 31% häufiger an einer Demenz als Frauen mit der Menarche im Alter von 13 Jahren.

Eine frühe Menopause ist ebenfalls ungünstig: Tritt diese vor dem 45. Lebensjahr auf, ist das Demenzrisiko um 28% höher als bei einem späteren Beginn. Insgesamt ist das Demenzrisiko bei einer reproduktiven Periode von weniger als 30 Jahren um ein Drittel erhöht, erläuterte Dr. Paola Gilsanz aus der Forschungsabteilung des Versicherers in Oakland.

Grundlage für die Analyse sind Angaben zu knapp 14.600 Frauen, die im Alter von 40 bis 55 während medizinischer Untersuchungen in den 1960er- und 1970er-Jahren befragt worden waren. Die Hälfte hatte drei oder mehr Kinder, drei Viertel berichteten über mindestens eine Fehlgeburt.

Im Schnitt hatten die Frauen ihre erste Monatsblutung mit 13 und die letzte mit 47 Jahren. 36% der Frauen erkrankten in den Jahren 1996 bis 2017 an einer Demenz.

Der Zusammenhang zwischen Schwangerschaften, fruchtbarer Periode und Demenz ist offenbar aber recht komplex. Zwar scheinen Östrogene in der fruchtbaren Phase gut für die Hirngesundheit zu sein – je länger die reproduktive Phase dauert, umso geringer das Demenzrisiko –, die Zahl der Kinder ist nach Auffassung von Dr. Molly Fox von der Universität in Los Angeles hingegen weniger relevant, vielmehr komme es auf die Zahl der Schwangerschaften an.

Die Ärztin stellte Resultate einer Querschnittsuntersuchung zu 133 Frauen über 70 Jahren aus Großbritannien vor, etwa die Hälfte hatte eine Alzheimerdemenz, die übrigen waren kognitiv normal. Auch hier wurden die Frauen oder deren Angehörigen nach der Zahl der Schwangerschaften befragt.

Zudem versuchten die Studienärzte anhand von Krankenakten und Geburtsregistern die Zahl und Dauer der Schwangerschaften zu rekonstruieren.

Mehr immunregulatorische Zellen nach Schwangerschaften

Dabei zeigte sich, dass die kumulative Zahl der Schwangerschaftsmonate relevant zu sein scheint. Für jeden zusätzlichen Schwangerschaftsmonat sinkt das Alzheimerrisiko nach diesen Daten um 5,5%. Frauen, die in ihrem Leben insgesamt ein Jahr länger schwanger sind als andere, würden aufgrund dieser Analyse also zu zwei Drittel seltener an einer Alzheimerdemenz erkranken.

Wenngleich das Ausmaß des Effekts in den diversen Studien unterschiedlich ist, so zeigen die Untersuchungen insgesamt doch recht konsistente Resultate, die auf einen günstigen Effekt von Schwangerschaften für die Hirngesundheit deuten.

Die Analyse von Fox und Mitarbeitern geht noch einen Schritt weiter: Werden Fehlgeburten und Abtreibungen berücksichtigt, so gibt es eine Schutzwirkung unabhängig von der Kinderzahl. Entscheidend ist danach die Zahl der Schwangerschaften, die das erste Trimester überstehen.

Das mag zumindest teilweise den Widerspruch zu den Daten von Gilsanz erklären, die ja ein höheres Demenzrisiko für Frauen mit Fehlgeburten nahelegen. Diese ereignen sich meist noch währen des ersten Trimesters.

Nach Ansicht von Fox lässt sich die Schutzwirkung von Schwangerschaften eher mit immunologischen als mit hormonellen Anpassungen erklären. Immunregulatorische Zellen werden hochreguliert, diese verhindern die Abstoßung des Fetus und könnten auch nach der Schwangerschaft noch persistierende antientzündlichen Effekte auf das Gehirn zeigen.

So ist bekannt, dass entzündliche Prozesse bei Alzheimer von Bedeutung sind, auch werde dabei ein Mangel an immunregulatorischen Zellen beobachtet. Je öfter eine Frau schwanger werde, umso größer könnte also ihre Reserve regulatorischer Immunzellen im Alter sein, sagte Fox.

Allerdings sind solche Aussagen recht spekulativ und die Studien, die sie nahelegen, recht klein. Hier dürfte also noch viel Forschung nötig sein.

Nutzt oder schadet Hormonersatz?

Etwas weiter ist man immerhin bei der Frage, ob eine Hormonersatztherapie (HRT) nach der Menopause nützt oder schadet. Hier kommt es offenbar auf das Zeitfenster an. In der Women's Health Initiative Memory Study (WHIMS) kam es bei rund 4500 Frauen mit HRT im Alter von über 65 Jahren zu einem beschleunigten kognitiven Abbau. Inzwischen konnten drei weitere Kohortenstudien (KEEPS, ELITE, WHIMS-Y) allerdings zeigen, dass dies nicht der Fall ist, wenn die HRT in den ersten Jahren der Menopause beginnt, erläuterter Dr. Carey Gleason von der Universität in Madison.

Nehmen Frauen also für einige Jahre nach der Menopause Hormone, müssen sie sich um ihre Kognition keine Sorgen machen, erläuterte die Expertin.

Vorteile für Frauen beim verbalen Gedächtnis

Von recht praktischer Bedeutung könnte eine weitere Erkenntnis sein: Frauen schneiden in Tests beim verbalen Gedächtnis meist deutlich besser ab als Männer. Sollen sich Frauen eine Liste von Wörtern merken und 20 Minuten später abrufen, gelingt ihnen das praktisch über alle Altersstufen hinweg deutlich besser als Männern, erläuterte Dr. Pauline Maki von der Universität in Chicago.

Das könnte eine beginnende Demenz maskieren, weil Frauen in Demenztest dann bei diesem Punkt immer noch überdurchschnittlich gut abschneiden. Maki fordert daher, das Geschlecht bei Demenztests zur berücksichtigen.

Gedeckt wird diese Forderung durch eine Auswertung der ADNI-Bildgebungsstudie: Frauen wiesen bei vergleichbaren Ergebnissen in Tests zum verbalen Gedächtnis eine höhere Amyloidlast auf und hatten ein deutlich geringeres Hippocampusvolumen als Männer.

Werde das Geschlecht bei verbalen Gedächtnistests berücksichtigt, könne eine Demenz bei Frauen also früher diagnostiziert werden. Zudem würden mehr Männer ohne auffällige Alzheimerpathologie öfter korrekt als kognitiv unauffällig eingestuft werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Darum will Maria Rehborn unbedingt Landärztin werden

Studentin Maria Rehborn möchte Landärztin werden in den Bergen werden – ein Portrait. mehr »

Welches Wasser in die Nasendusche?

In unserem Trinkwasser tummeln sich viele Erreger. Forscher haben nun getestet, mit welcher Methode Nasenduschen-Wasser behandelt werden sollte, um diese abzutöten. mehr »

Die Rückkehr des Badearztes

Eine Medizinerin bringt die Region Wiesbaden ins Schwitzen: als einzige Badeärztin der Gegend. Der "Ärzte Zeitung" erklärt sie, warum sie Treppen steigen lässt statt eines EKGs – und wie sie 75 Patienten an ihrer Zunge erkannte. mehr »