Ärzte Zeitung, 28.06.2009

Lantus®-Nutzer unnötig verunsichert

"Tagesthemen"-Beitrag zu Insulin Glargin und Krebs war kurz, knapp - und einseitig / Widersprüchliche und nicht beweiskräftige Daten

"Hohes Risiko - Krebsgefahr durch Diabetes-Medikament": Mit diesen Worten wurden die Fernsehzuschauer am Samstagabend auf einen Beitrag der "Tagesthemen" eingestimmt, der dann - eigentlich der Bedeutung des Themas nicht angemessen - nur wenige Minuten dauern sollte. Diese wenigen Minuten reichten, um - unnötig - Angst auszulösen: Ein schwerer Verdacht, nämlich der Verdacht, Krebs zu fördern, laste auf Insulin Glargin.

Von Marlinde Lehmann

Etwas mehr Sensibilität beim Thema "Krebs" hätte gut getan. Auch aufseiten von Professor Peter Sawicki vom IQWiG, Mitautor der jetzt in "Diabetologia" vorab online veröffentlichten Analyse deutscher Daten, der in Hinblick auf diese Studie warnte: "Also, das Ergebnis ist nicht gut ....".

Vier Studien veröffentlicht

Sensibilität hat die Europäische Gesellschaft für die Erforschung von Diabetes (EASD) bewiesen: Nach dem Vorliegen der von Mitarbeitern des IQWiG und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) analysierten deutschen Daten von etwa 130 000 Patienten, die, so das IQWiG, ein für Insulin Glargin "möglicherweise" erhöhtes Krebsrisiko im Vergleich zu Humaninsulin ergaben (www.iqwig.de), habe man mit der Veröffentlichung der Daten abgewartet, bis zusätzlich veranlasste Studien in Schweden, Schottland und Großbritannien vorlagen. So zumindest wird das Vorgehen von Professor Edwin Gale aus Bristol, Herausgeber von "Diabetologia", dem offiziellen Organ der EASD und Professor Ulf Smith aus Göteborg, Präsident der EASD, in der Pressemitteilung von "Diabetologia" zur aktuellen Publikation beschrieben.

Diskussion ist nicht neu

Was sind die Fakten?

Die Diskussion um Insulin und Krebs ist nicht neu. Dabei geht es übrigens nicht um die Frage, ob Insulin und somit auch Glargin normale Zellen zu Krebszellen werden lässt. Sondern darum, ob das Wachstum schon existenter Krebszellen angeregt wird.

Online vorab veröffentlicht von "Diabetologia" sind vier Studien, alle retrospektiv, in denen es um Insulin Glargin und Krebs geht. Veröffentlicht sind dort auch die Pressemitteilung, ein Editorial, ein Statement des Herstellers Sanofi-Aventis und eine Patienten-Information (www.diabetologia-journal.org/cancer.html).

Hingewiesen wird deutlich auf die widersprüchliche und nicht beweiskräftige Datenlage, auch von der US-amerikanischen Diabetes-Gesellschaft ADA, die noch am Freitag eine Stellungnahme zu den Veröffentlichungen ins Web stellte (www.topix.com/drug/lantus/2009/06/ada-statement-on-insulin-glargine-and-cancer). Auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft schreibt, dass in zwei der vier veröffentlichten Studien ein erhöhtes Krebsrisiko bei ausschließlicher Therapie mit Insulin Glargin im Vergleich zu Humaninsulin beobachtet worden sei, in zwei weiteren Studien diese Zusammenhänge jedoch nicht hätten bestätigt werden können. In einer Studie sei das Krebsrisiko bei Kombination von Glargin mit anderen Insulinen sogar leicht gesenkt worden (www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de)

EASD und auch IQWiG merken an, dass die beobachteten Zusammenhänge zwischen Glargin und erhöhtem Krebsrisiko eine statistische Assoziation ist. Es könne sein, dass nicht Glargin, sondern andere, noch unbekannte Faktoren Ursache des höheren Risikos sind, so das IQWiG. Und Gale und Smith betonen laut EASD-Pressemeldung, dass die Patienten mit Glargin-Monotherapie sich von den anderen Studiengruppen unterschieden (höheres Alter, höherer Blutdruck, häufiger Übergewicht).

IQWiG: Kein Anlass, jetzt überstürzt Therapie zu ändern!

Und jetzt?

Die neue Studie sei kein Anlass, jetzt überstürzt die Therapie umzustellen, besonders, wenn die verwendete Glargin-Dosis niedrig ist, schreibt das IQWiG. Und Gale und Smith fügen hinzu: Individuell sollte mit Patienten dann eine Therapiealternative diskutiert werden, wenn schon eine Krebserkrankung vorliegt oder - bei Frauen - Brustkrebserkrankungen in der Familien bekannt sind. Natürlich müsse der Möglichkeit, dass Glargin Krebs fördern könne, durch Analyse bereits vorhandener Daten weiter nachgegangen werden. Eine prospektive klinische Studie, die wissenschaftlich natürlich die beste Lösung wäre, würde lange dauern, nicht durchführbar und unethisch sein, sind sich Gale und Smith klar.

Für den Hersteller Sanofi-Aventis "verunsichert das IQWiG Patienten in unvertretbarer Weise" (www.sanofi-aventis.de). Der Hersteller verweist auf klinische Studien mit 70 000 Patienten und 24 Millionen Patientenjahre an Erfahrung. Nach einer im Juni in "Diabetologia" veröffentlichten 5-Jahres-Sicherheitsstudie seien bösartiger Veränderungen bei Glargin seltener als bei Humaninsulin.

Patienten, Ärzte und Apotheker können sich bei Sanofi-Aventis informieren: Tel.: 0180 / 22 22 010.

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