Ärzte Zeitung online, 23.10.2017
 

Diabetes

DMP halten ihr Versprechen, Nachholbedarf gibt es trotzdem

Die Zahl der DMP-Teilnehmer ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Praxisteams und Patienten scheinen zufrieden mit den Programmen zu sein. Dennoch gibt es beim einen oder anderen Qualitätsziel noch Nachholbedarf.

Von Rebekka Höhl

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Das Vereinbaren von gemeinsamen Therapiezielen und deren regelmäßige Kontrolle ist Teil der DMP.

© JackF / stock.adobe.com

NEU-ISENBURG. Rund 4,14 Millionen Patienten waren im vergangenen Jahr ins Disease-Management-Programm (DMP) Diabetes mellitus Typ 2 eingeschrieben. Das geht aus Daten der KBV hervor. 2006 waren es erst rund 1,95 Millionen Patienten. Beim DMP für Typ-1-Diabetiker stieg die Teilnehmerzahl von 29.000 im Jahr 2006 auf 193.760 in 2016.

Keine schlechte Quote, wenn man bedenkt, dass laut dem Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2017 circa 6,7 Millionen Menschen in Deutschland an Diabetes mellitus erkrankt sind, die meisten davon an Diabetes Typ-2. Und angesichts der Tatsache dass in diese 6,7 Millionen bereits die Dunkelziffer von etwa zwei Millionen bislang unentdeckten Diabetes-Erkrankungen eingerechnet ist. Dabei entstünden pro Jahr durch Diabetes und seine Folgekrankheiten Kosten von rund 35 Milliarden Euro für Behandlung, Pflege, Arbeitsunfähigkeit und Frühverrentung, heißt es in dem gemeinsam von Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG) und diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe herausgegebenen Bericht.

Ein Großteil dieser Kosten ließe sich durch ein gutes Diabetes-Management verringern: Etwa 80 Prozent der Kosten entstünden nämlich nicht durch die Diabetestherapie selbst, sondern durch die Folgen eines schlecht eingestellten Diabetes und der daraus resultierenden, gehäuft auftretenden Begleiterkrankungen, so die Autoren des Berichts.

Genau hier setzen Disease Management Programme an. Umfragen unter Medizinischen Fachangestellten (MFA) und Patienten zeigen, dass sich das eigene Gesundheitsbewusstsein der Patienten durch die Programme verbessert. Aber auch im Praxisalltag Patienten tatsächlich seltener durchs Vorsorgeraster rutschen.

Kontrollen finden regelmäßiger statt

Im August 2007 befragte beispielsweise die psychonomics AG im Auftrag des AOK-Bundesverbands 100 MFA telefonisch zum Nutzen des DMP Diabetes Typ 2. Über ein Drittel wertete die Umsetzung des Programms in der eigenen Praxis als sehr gut bis hervorragend, weitere 48 Prozent als gut. Drei Viertel sahen hierbei einen sehr guten bis guten Nutzen für die Patienten. Spannend ist aber vor allem, dass 77 Prozent der Aussage, dass bei den DMP-Teilnehmern spürbar ist, dass sie selbst auch eine Verbesserung ihres Gesundheitszustandes erreichen wollen, voll und ganz (25 Prozent) bzw. eher (52 Prozent) zustimmten. 85 Prozent der befragten MFA gaben zudem an, dass das DMP helfe, die regelmäßige Behandlung von Diabetes-Patienten besser zu organisieren (52 Prozent antworteten, dies trifft voll und ganz zu, 33 Prozent, dies trifft eher zu). Dabei übernimmt über die Hälfte der MFA die Diabetes-Schulungen alleine.

Mehr Gesundheitskompetenz spürbar

Ebenfalls im Auftrag des AOK-Bundesverbands fand 2008 eine Patientenbefragung durch die psychonomics AG statt. Über 1000 DMP-Teilnehmer (DMP Diabetes Typ 2) wurden befragt. Ein Drittel gab an, dass sich ihr Gesundheitszustand und die Selbstkontrolle verbessert hätten. Insgesamt hatte sich für 44 Prozent die Behandlung merklich verbessert. Regelmäßige Augenarztuntersuchungen bejahten 95 Prozent der befragten Patienten, die Füße waren bei 88 Prozent mindestens einmal innerhalb der letzten 12 Monaten untersucht worden.

76 Prozent bejahten zudem, dass ihr Arzt seit Beginn der Teilnahme am DMP regelmäßig mit ihnen bestimmte Ziele vereinbare und diese dann auch beim Arztbesuch überprüfe.

Stationäre Aufenthalte seltener

Auch die von der KBV zusammengetragenen Daten für die Qualitätszielerreichung 2015 – aus indikationsspezifischen Berichten für die gemeinsamen Einrichtungen bzw. den Qualitätsberichten aus 15 Kassenärztlichen Vereinigungen – weisen darauf hin, dass die Versorgungsqualität in den DMP bereits sehr hoch ist. Allerdings gibt es einzelne Bereiche, bei denen die Praxisteams noch nachlegen könnten.

Positiv ist, dass im Schnitt nur 0,2 Prozent der Diabetes-Typ 2-Patienten im Jahr 2015 zwei oder mehr notfallmäßige Behandlungen von Hypoglykämien (innerhalb von sechs Monaten) hatten. Der Zielwert liegt hier laut KBV bei <1 Prozent. Eine oder mehrere notfallmäßige stationäre Behandlungen wegen Diabetes in den vergangenen sechs Monaten mussten im Schnitt 0,3 Prozent der Patienten über sich ergehen lassen. Hier liegt der Zielwert bei <2 Prozent. Bei im Schnitt 54,4 Prozent der Patienten mit bekannter Hypertonie wurden normotensive Blutdruckwerte erzielt, die Zielquote liegt bei mindestens 40 Prozent.

Etwas anders sieht es aber beim Hinzuziehen weiterer Spezialisten aus: Knapp über die Hälfte der Patienten mit auffälligem Fußstatus wurden durch eine spezialisierte Einrichtung mitbehandelt. Die Zielquote gibt eigentlich mindestens 75 Prozent der Patienten vor. Ähnlich viel Luft nach oben ist bei der augenärztlichen Untersuchung: Diese soll bei mindestens 90 Prozent der Patienten alle 12 Monate vorgenommen werden, tatsächlich erfolgte dies im Schnitt bei rund 71 Prozent der Patienten. An einer Diabetes-Schulung hatten sogar nur rund 29 Prozent der Patienten im Rahmen des DMP teilgenommen. Hier wird zwar keine feste Quote verlangt, es sollte aber ein hoher Anteil der Patienten sein.

Typ-1-DMP hat die Nase vorn

Auch bei den Teilnehmern des DMP-Typ-1-Diabetes gibt es stellenweise noch Nachholbedarf. So soll bei mindestens 90 Prozent innerhalb der letzten zwölf Monate die Nierenfunktion (eGFR) bestimmt werden. Im Schnitt fand dies bei rund 67 Prozent der Patienten tatsächlich statt. Ein hoher Anteil der Patienten mit bekannter Hypertonie sollte zudem im Rahmen des DMP an einer Hypertonie-Schulung teilnehmen, gemacht wurde dies bei im Schnitt 11,7 Prozent der Patienten.

Insgesamt liegt die Zielwerterreichung bei Patienten im DMP Diabetes-Typ-1 allerdings etwas höher als beim Diabetes-Typ-2. Der Fußstatus wurde hier etwa im Schnitt bei 89,4 Prozent der Patienten in den vergangenen zwölf Monaten erhoben, die Zielquote liegt bei mindestens 90 Prozent. Die Sensibilitätsprüfung sollte bei ebenfalls mindestens 90 Prozent der Patienten innerhalb der vergangenen zwölf Monate erfolgt sein, hier geschah dies tatsächlich bei im Schnitt 88,3 Prozent der Patienten. Eine Diabetes-Schulung erhielten immerhin im Schnitt 49,2 Prozent der Patienten.

Das ist seit Juli verpflichtend

Das DMP Diabetes mellitus Typ 2 wurde bereits im Juni 2016 aktualisiert. Seit Juli 2017 sind die neuen Vorgaben bzw. eine Reihe an Untersuchungen verpflichtend.

  • Blutdruckkontrolle: vierteljährlich, mindestens halbjährlich
  • Nieren: Zur Früherkennung von Funktionsstörungen wird der eGFR berechnet (mind. einmal jährlich) und die Urin-Albumin-Ausscheidung ermittelt (abhängig von persönlichen Risikofaktoren)
  • HbA1c: vierteljährlich, mindestens halbjährlich
  • Füße: Inspektion einschl. klinischer Prüfung auf Neuropathie und Prüfung des Pulsstatus mind. einmal jährlich; Untersuchung der Füße bei erhöhtem Risiko einschl. Kontrolle des Schuhwerks viertel- oder halbjährlich nach Bedarf
  • Überprüfung, ob eine psychische Begleiterkrankung vorliegt möglichst bei jedem Arztbesuch
  • Augenhintergrund zur Früherkennung von Netzhauterkrankungen: ein- oder zweijährlich , bei erhöhtem Risiko auch häufiger
  • Spritzstellen (bei insulinpflichtigen Diabetikern): vierteljährlich, mindestens halbjährlich
    [24.10.2017, 10:39:29]
    Friedhelm Woch 
    Und bei diesem Ergebnis klopft man sich auf die Schulter: alles gut gemacht!!!???
    Eine Diabetes-Schulung erhielten immerhin im Schnitt 49,2 Prozent der Patienten.
    Und bei diesem Ergebnis klopft man sich auf die Schulter: alles gut gemacht!!!???
    Also rund 50 besuchen keine Schulung. Alles alte nicht schulbare Patienten? Oder.
    Bei einem richtigen Qualitätsmanagement muss das Ziel sein, diese 50 Prozent schritt für schritt zu reduzieren.
    Liegt es an den Ärzten, die den Vorschlag zur Schulung nebenbei erwähnen? Muss der Arzt seine Autorität nicht besser nutzen? Hat man schon mal mittels einen Fragebogen erfahren, warum man nicht die Schulung besucht? Zum Beispiel habe ich erfahren, dass bei Wechselschicht es schwierig wird. Warum kein Wochenend- Schulung anbieten?
    Es gibt viel zu tun. KV: es ist eure Arbeit"""""

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