Ärzte Zeitung online, 13.03.2018

Experten-Kommentar

Diabetes und Krankenhaus – Zwei Welten ohne Schnittmenge

Von Prof. Stephan Martin

Der Anstieg der Diabetesprävalenz scheint in Deutschland ungebremst zu sein. Während in den 1960er Jahren weniger als 1 Prozent der Bevölkerung an Diabetes erkrankt waren, sind es nun schätzungsweise mehr als 10 Prozent (Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 177). Im Krankenhaus ist die Prävalenz noch deutlich höher. Dort sind nach Stichproben mindestens 30 Prozent der Patienten auch an Diabetes erkrankt. Zur Behandlungsqualität von Diabetes in Krankenhäusern gibt es zwar keine verlässlichen Daten. Berichte von Patienten oder von niedergelassenen Ärzten weisen aber auf eine dramatische Situation hin. So ist der folgende Fall keine Seltenheit: Eine junge schlanke Patientin wurde nach viertägigem stationären Aufenthalt nach Erstmanifestation eines Typ-1-Diabetes mit einer Kombitherapie aus Basalinsulin, Metformin und einem SGLT2-Inhibitor entlassen. Es war daher kein Wunder , dass die Blutzuckerwerte über 300 mg/dl lagen und Symptome wie Durst und Polyurie weiter vorhanden waren.

Diabetes wird zu ambulantem Fach

Über 80 Prozent der deutschen Krankenhäuser können keine qualifizierte Diabetesversorgung nachweisen, da die Diabetesbehandlung seit Einführung des DRG-Systems zunehmend zu einem ambulanten Fach geworden ist (Dtsch Arztebl 2017; 114: [16). Es konnten im ambulanten Bereich Behandlungseinheiten aufgebaut werden, die den Betroffenen stationäre Aufenthalte ersparen. Man muss sich aber auch bei kurzen KlinikAufenthalten um Patienten mit der Nebendiagnose Diabetes mellitus kümmern können. Ein aktuelles Review zeigt eindeutig, dass Patienten mit engleisten Blutzuckerwerten eine höhere Komplikationsrate und längere Liegezeiten als Personen ohne Diabetes aufweisen (Am J Med. 2016; 129: 139). Im Sinne der viel beschworenen Behandlungsgerechtigkeit muss man wohl konstatieren, dass dies bei Personen mit Diabetes im Krankenhaus nicht gegeben ist. Wir haben hier ein massives Qualitätsproblem, was eigentlich eine sinnvolle Aufgabe für das IQTIG – das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen – sein könnte. Die Abnahme des Wissens und der Erfahrung bei der stationären Diabetesbehandlung hat für die Ausbildung von Ärzten, die in Deutschland aufgrund des sektoralen Systems ausschließlich im Krankenhaus stattfindet, erhebliche Konsequenzen. Wie sollen junge Kollegen, wenn sie den Schritt in eine Niederlassung wagen, eine Erkrankung behandeln, mit der sie weder im Studium noch in der Facharztausbildung Erfahrung gesammelt haben?

Hohe Betreuungsintensität

Es gibt aber auch Krankenhäuser, die das Problem erkannt und entsprechende Betreuungssysteme aufgebaut haben. Doch stehen die verantwortlichen Diabetologen dieser Häuser zunehmend in der Pflicht, vor der Geschäftsführung die ökonomische Bedeutung ihrer Tätigkeit zu rechtfertigen. Das DRG-System sieht zwar vor, dass Patienten mit der Nebendiagnose Diabetes mellitus höher bewertet werden, jedoch spielt dabei die Betreuungsintensität kaum eine Rolle, denn schon die Gabe von einer Tablette Metformin rechtfertigt eine entsprechende Codierung.

Hier könnte auch eine sehr pragmatische Lösung des Problems liegen: Würde jegliche Codierung einer Nebendiagnose "Diabetes mellitus" an das Vorliegen von entsprechenden Diabetesbehandlungsstrukturen geknüpft, würden Krankenhäuser mit entsprechendem Qualitätsmanagement belohnt und die anderen würden erhebliche Einnahmen verlieren.

Gesundheitspolitik könnte sehr einfach sein, doch eine solche Maßnahme wird wahrscheinlich in der aktuellen gesundheitspolitischen – besser gesagt politischen – Situation kaum umsetzbar sein! Aktuell treffen leider bei den Themen Diabetes mellitus und Krankenhaus zwei Welten aufeinander, die meist keine Schnittmenge aufweisen!

Professor Stephan Martin ist Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums (WDGZ) in Düsseldorf.

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