Ärzte Zeitung online, 06.12.2018

Xenotransplantation

Umstrittene Tierversuche

Kommentar von Wolfgang Geissel

wolfgang.geissel

Schreiben Sie dem Autor wolfgang.geissel@springer.com

Wie man in Industrieländern mit Nutztieren umgeht, blenden die meisten Menschen am liebsten aus. Gelegentlich, etwa bei spektakulären Versuchen wie zur Xenotransplantation von Schweineherzen auf Paviane, gelangt die Kritik daran in die breite Öffentlichkeit. Als „schlimmsten Auswuchs tierexperimenteller Forschung“ hat Silke Strittmater vom Verein „Ärzte gegen Tierversuche“ die Studie von Forschern um den Herzchirurgen Professor Bruno Reichart in der „Tagesschau-App“ bezeichnet. Außer den ethischen Bedenken bezweifeln die Tierschützer auch den Nutzen. Strittmater: „Heilversprechen aus Tierversuchslaboren kommen immer wieder. Würde man den Versprechen einiger Forscher glauben, wäre Aids seit 1983 besiegt und Krebs seit 1990 ...“.

Die Kritiker blenden aus, dass es durchaus immense Fortschritte durch ethisch bedenkliche Tierversuche gegeben hat. So wurde 1989 das Hepatitis-C-Virus nur entdeckt, weil man Schimpansen (!) mit dem damals unbekannten Erreger infiziert hatte. Das hat die Entwicklung von Diagnostika und Arzneien beschleunigt und Tausenden das Leben gerettet. Ob auch die Xenotransplantation Affen-Versuche rechtfertigt, ist zu diskutieren. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft spricht sich zumindest klar dafür aus.

Lesen Sie dazu auch:
Meilenstein in der Xenotransplantation: Pavian lebt 6 Monate mit Schweineherz

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich
[11.12.2018, 12:26:20]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Tier-Rechte erhöhen, verringert Menschen-Rechte!
Ein klassischer moralisch-ethischer Zielkonflikt und selbst erlebt: Taucht bei angemessener Geschwindigkeit im Dunkel eines frühen Dezemberabends ein stattlicher Hirsch am Walchensee in Bayern direkt vor meinem Fahrzeug auf, darf ich dann, um dieses Tier zu schonen, in die Gegenfahrbahn hineinfahren, und damit eine Mutter, die mit ihren 2 Kinder zum Abendbrot nach Hause fährt, tödlich verletzen?

Um mich selbst aus purem Eigennutz vor einem für mich und das Tier u. U. tödlichen Aufprall zu retten? Ich habe mich instinktiv für eine Vollbremsung in meiner Spur mit ABS-Unterstützung bei feuchter Fahrbahn entschieden, und der Hirsch verschwand in seinem Waldgebiet.

Würde ich heute oder in naher Zukunft in einem selbstfahrenden Tesla sitzen, könnte die Computer-Steuerung überhaupt erkennen und unterscheiden, ob ein tierisches Hindernis oder eine menschliche Fahradfahrerin meinen Weg kreuzt? Müsste da nicht erst ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs unter moralisch-ethischen, utilitaristischen oder pragmatisch-hedonistischen Aspekten als Entscheidungs-Software-Entwicklung bei derartigen Grenzfragen stattfinden?

Meine persönliche Entscheidung: Menschenschutz geht vor Tierschutz, Jung geht vor Alt, und "Frauen und Kinder zuerst"! Es ist m. E. absurd, beim Ausweichen vor "Pferd, Hund, Katze, Maus" sich selbst, die eigene Familie und unbeteiligte Dritte mit riskanten Fahrmanövern auch nur gefährden zu wollen.

Fanatisch-fundamentalistisch orientierter Tierschutz blendet unsere rechtlich-juristisch konsentierten  Sicherheits-Bedürfnisse aus. Pharmazeutika-, Kosmetika-, Bekleidungs-, Essen-/Trinken-/Nahrungs-/Genuss- und Hilfsmittel- bzw. medizinisch-prozedurale und -interventionelle Sicherheitsbedürfnisse lassen sich ohne  prioritäre begrenzte und geregelte Tierversuche nicht befriedigen.

Und selbstverständlich sind im Sinne des humanistischen Kant'schen "kategorischen Imperativs" auch seine "Kritik der reinen Vernunft", die "Kritik der praktischen Vernunft" und die "Kritik der Urteilskraft" zu berücksichtigen. 

Wer will, dass Krankheiten geheilt, gelindert oder palliativ beherrscht werden, dass Krankheitsbewältigung, Lebensqualität, sozio-ökonomische Teilhabefähigkeit und Grundrechte auf Leben, Entfaltung der Persönlichkeit, Teilhabe am gesamtgesellschaftlichen Fortschritt bzw. bio-psycho-sozial-ökologische Unversehrtheit erhalten bleiben, muss in begründeten Fällen den Vorrang der Menschen-Rechte vor den Tier-Rechten erklären. Ohne Tierversuche als angemessene Risiko-Menschen-Lebensversicherungen geht es m. E. nicht!

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

„Das ist keine Propagandaschlacht der KBV“

Einiges im geplanten TSVG stößt Ärzten sauer auf. Im Interview erläutern die drei KBV-Vorstände, warum sie denken, dass sich Änderungen noch durchsetzen lassen. mehr »

Besseres Arbeitsklima könnte jeden zwölften Infarkt verhindern

Wer unter Mobbing oder Gewalt am Arbeitsplatz leidet, hat ein stark erhöhtes Risiko für Infarkte. Häufig betroffen: Sozialarbeiter, Lehrer – und Gesundheitsberufe. mehr »

TK senkt Zusatzbeitrag – Barmer nicht

Nach und nach geben die Kassen ihren Beitragssatz für 2019 bekannt – nun taten dies die Kassen-Schwergewichte TK und Barmer sowie zwei weitere AOKen. mehr »